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Nicht nur mit Bach: Mal ein paar andere Töne zum verkitschten Fest

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    Natürlich gehört Bach zu Weihnachten. Nicht weil er so erhebend ist und die Stimmen der Sängerknaben so herrlich klingen. Sondern weil seine Musik – wenn sie denn wirklich mit Herzblut interpretiert wird – einen Komponisten zeigt, der immer das ganze Leben komponieren wollte. Das ganze Gemeint- und Betroffensein als Mensch in einer Welt, in der gar nichts sicher ist.

    Der Mann passt genau in unsere Zeit, weil unsere Zeit auf einmal – oh, Überraschung – wieder der Bach-Zeit ähnelt, auch wenn wir mittlerweile mehr wissen über alle Ungewissheiten. Und weniger gläubig sind – jedenfalls im Bach’schen Sinne. In anderem Sinne schon: leichtgläubig und abergläubig. Verbunden mit einer tiefsitzenden Angst, denn wirklich Vertrauen darauf, dass in dieser Welt alles seinen naturgesetzlichen Gang geht, haben augenscheinlich nur wenige Leute.

    Von Gottvertrauen ganz zu schweigen. Also laufen sie rückwärts durchs Leben, schauen immerzu nach Gespenstern hinter sich, statt die Dinge zu tun, die den Weg in die Zukunft klüger gestalten.

    Beherzt anpacken. Das ist dann oft schon Rock. In einem Video von 2011 haben Dieter Falk und seine Söhne mal erklärt, wie viel Rock in Bach steckt.

    Dieter Falk & Sons – Celebrate Bach

    Und als Botschaft zwischendurch: der Weihnachtsgruß aus dem coronabedingt geschlossenen Gewandhaus. Es wird richtig euphorisch am Ende, ein aufwendig in lauter Einzelaufnahmen produzierter Weihnachtsgruß, der insgesamt ein Konzerterlebnis simuliert, wie es coronabedingt derzeit nicht möglich ist.

    Weihnachtsgruß aus dem Gewandhaus zu Leipzig

    Aber selbst hier merkt man: Auch die alten Weihnachtslieder kann man anders interpretieren. Niemand ist gezwungen, eine pietistische Trauermiene aufzusetzen. Hier mal der kleine Trommlerjunge, der einem eigentlich längst aus dem Halse raushängt, den Don Caron aber ein weiteres Mal als Weihnachtsparody auf den Wahlverlierer Donald Trump eingesungen hat.

    LITTLE DUFFER BOY 2020 | Christmas Parody | Don Caron

    Oder ganz sentimental und trotzdem allein schon durch die Stimme ein völlig anderes Kaliber: „Stille Nacht“ in der italienischen Version, die Zucchero kurz vorm Fest online gestellt hat.

    Zucchero – Astro del ciel (Silent night) (Live Acoustic)

    Es gehört in die ganze Corona-Reihe, die Zucchero seit dem 15. November für die Online-Gemeinde einspielt. Das erste Stück hat er auf der völlig verlassenen Piazza San Marco im Lockdown-Venedig eingespielt. Natürlich seinen bekanntesten Song: „Il Volo“.

    Zucchero – Il Volo – Venezia, Piazza San Marco

    Und auch das ist noch recht ruhig, aber ganz bestimmt nicht innig. Auch wenn es sich mit Corona in dieser Zeit beschäftigt. Das Jahr werden wir nicht vergessen.

    Auch The O’Reillys and the Paddyhats nicht, die sehr wohl bemerkt haben, dass Corona auch viel Leid über manche Menschen gebracht hat und der Tod auf einmal mitten unter uns steht. Und trotzdem klingt das Lied „Joy of Life“, das sie vor Weihnachten online gestellt haben, nicht verzweifelt. Hören die üblichen Kommentatoren vielleicht nur die falsche Musik? Weil ihnen ihr Youtube-Algorithmus lauter sentimentales Zeug hochspült?

    Joy of Life – The O’Reillys and the Paddyhats [Official Video]

    Und auch die Dropkick Murphys haben die fehlende Nähe zu den geliebten Menschen in einem Video-Clip thematisiert. Der klingt – für die Dropkick Murphys – schon erstaunlich verhalten. Und trotzdem ist da etwas ganz Ähnliches wie bei Bach, dieses Unverwüstliche und sich den Herausforderungen stellen. Wir sind nicht zum Jammern auf der Welt, sondern zum Kämpfen, so ungefähr.

    Dropkick Murphys „I Wish You Were Here“

    Und wie sehr sich dieser Song von 2020 unterscheidet von dem, was die Dropkick Murphys sonst so zu Weihnachten angestellt haben, zeigt hier noch einmal zum Vergleich ihr Weihnachts-Clip von 2012. Der Unterschied ist schon heftig. Aber es ist trotzdem eine ganz andere Bandbreite als von „Ach du selige“ bis „O Tannenbaum“. Unsere heißgeliebten Volkskomponisten des 19. Jahrhunderts haben eine Menge süßliches Unheil angerichtet. Kein Wunder, dass so viele Leute zur Weihnacht derart deprimiert werden.

    Dropkick Murphys – „The Season’s Upon Us“ (Video)

    Denn das Leben geht weiter. Es gibt auch nächstes Jahr wieder Beulen und Schrammen. Der Wind wird uns ins Gesicht blasen und manches schiefgehen und manches glücken. Und oft werden wir erst hinterher merken, dass wir eigentlich einen glücklichen Moment aus lauter Blindheit verpasst haben.

    Das hat viel mit Menschen zu tun. Deswegen fehlen uns ja die Konzerte mit unseren geliebten Musiker/-innen. Gerade denen, die auf der Bühne ein echtes Feuerwerk der Emotionen entfachen und in diesem Jahr eigentlich alle zu Hause saßen – die Tourneen abgesagt. Andererseits jede Menge Zeit, im Studio noch mal eine richtig starke CD einzuspielen.

    Und da hat wohl eine Frau eins der stärksten und ermutigendsten Alben eingespielt: Amy MacDonald. Auch ihr oft gespieltes Lied „Fire“ klingt in der Dezember-Version von 2020 noch einen Zahn drängender und fordernder. Aufgeben ist wirklich keine Lösung. Da wartet noch jede Menge Leben auf jeden von uns. Aber wir müssen es selbst anpacken, egal, wie viel Gegenwind wir dabei bekommen. Eine Zukunft voller Abenteuer ist nun einmal nichts für faule Säcke.

    Amy Macdonald – Fire (Official Video)

    Und das hat noch immer jede Menge mit Bach zu tun. Deswegen gibt es hier jetzt zum Abschluss noch Bachs Toccata in D-Dur – gespielt von Laura Lāce (Lettland) auf der E-Gitarre. Lassen wir’s rocken.

    J. S. Bach – Toccata in D Minor Guitar cover

    Frohe Weihnacht mit der neuen „Leipziger Zeitung“ oder: Träume sind dazu da, sie mit Leben zu erfüllen

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