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Himmelsmusik wider höllisches Zähneklappern: Das Festival zum 400. Todestag von Michael Praetorius – ein Rückblick

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    Vom 9. bis 11. Juli fand in der Michaeliskirche in Leipzig das „Festival zum 400. Todesjahr von Michael Praetorius“ statt. Mit einem konzertanten Dreiklang zu Ehren ihres Namensgebers hat die Jugendmusiziergruppe Michael Praetorius aus Leipzig mit einem dreitägigen Renaissancemusik-Festival in der Leipziger Michaeliskirche ihr 45. Gründungsjahr begangen.

    Gleichzeitig erinnerte das bei Wettbewerben wie beispielsweise Jugend musiziert stets hocherfolgreich abschneidende 40 Mitglieder umfassende Alte-Musik-Nachwuchs-Ensemble an Michael Praetorius‘ 400. Todestag.

    Mit von der Partie waren im Eröffnungskonzert auf das Motto „Nach italienischer Art“ am Freitagabend das von Gregor Meyer geleitete, hochkarätige Ensemble 1684, am Samstag das intime Ensemble La Protezione della Musica unter der Leitung von Jeroen Finke sowie am Sonntagabend im Abschlusskonzert in der sogenannten „Virtuosen Jam Session“ das Improvisationen auf Praetorius‘ Werke gebende quirlige Ensemble All’Improvviso mit Marco Ambrosini und dem unverwechselbaren Ian Harrison als Special Guests.

    Die Praetorianer und Praetorianerinnen des Jahrgangs 2021 eröffneten – endlich (!), nach langer, quälender stummer Coronapause – unter ihrem künstlerischen Leiter Andreas Künzel gemeinsam mit dem Gast Ensemble 1684 das Festival. In großer 3-chöriger Besetzung ertönte mit Raumklang-Anspruch von Seitenschiffen und Altarraum Allein Gott in der Höh sei Ehr von Michael Praetorius.

    Interessierte und Fans waren zahlreich erschienen und füllten bei allen drei Veranstaltungen die Kirche stattlich. Weiter ging es mit der 5-stimmigen Canzona von Samuel Scheidt, der von 1614–1616 in Halle eng mit Praetorius zusammenwirkte. Hier konnten sich die Dulciane der Praetorianer austoben.

    Auch solistische Beiträge wie unterschiedliche Choräle, die als Bicinium (Duo) oder Tricinium (Trio) vorgetragen wurden, sowie fröhliche Weisen wie Marco Uccellinis Aria sopra la Bergamasca bereicherten die Gesamtauswahl und fokussierten thematisch das auf den Länderschwerpunkt Italien ausgerichtete Programm.

    Konzert mit all’improvviso und Ian Harrison. Foto: Rainer Schilling
    Konzert mit all’improvviso und Ian Harrison. Foto: Rainer Schilling

    Als besonderes Erlebnis in musikalischer Hinsicht zu werten war der Auftritt des Ensemble 1684. Insbesondere der doppelchörige 116. Psalm Das ist mir lieb, der das brillante Spätwerk des Michael Praetorius markiert, geriet zur Ausnahmeperformance, nachdem die Gruppe mit Gregor Meyer an der Orgel und gleichzeitig als Spiritus Rector schon in Heinrich Schütz‘ Motette Lobe den Herrn meine Seele reüssiert hatte.

    Ensemble 1684 beherrscht dabei sowohl die dunklen, nasalen Nuancen wie die brillante-virtuose Ausschmückung der Partitur und verfügt über professionell geschulte Gesangssolistinnen und -solisten, die sich der Musik weitestgehend technisch vollendet emotional hingaben. Absolut eindrucksvoll! Das auch Johann Rosenmüllers Werk, das bis in unsere Tage vernachlässigt wird, mit drei Titeln ins Programm Einzug hielt, darf den Konzertmachern sehr hoch angerechnet werden. Wie sich herausstellte, beherrschte auch Rosenmüller sein Handwerk meisterlich.

    Scheinsuite XIII

     

    Das zweite Konzert am Samstagnachmittag war dem geistlichen Komponisten Michael Praetorius gewidmet. Schließlich kam er aus einem Pfarrhaushalt und auch seine älteren Brüder waren in diesem Metier tätig, sein älterer Bruder Andreas, der ihn nach dem Tod des Vaters 1585 bei sich aufgenommen hatte, sogar als Theologieprofessor an der Universität Viadrina in Frankfurt/O. Die Familie mit Ursprungsnamen „Schultheiß“ stammte eigentlich aus dem schlesischen Bunzlau und hatte auch einen Lüneburger Zweig.

    Nur wegen seines Vaters Anstellung als Pfarrer wurde Michael wohl 1671 in Creuzburg/Werra geboren, ging aber später in Torgau zur Schule. Eigentlich widmete Praetorius sein Lebenswerk vorwiegend der geistlichen Musik, insbesondere in Diensten des Herzogs Heinrich Julius, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel und Herrscher im Bistum Halberstadt.

    Praetorius verkörpert bis heute einen der maßgeblichen Vertreter lutherischen Kirchenmusik-Tradition. Das wussten Erika Tandiono (Sopran) und Jeroen Finke (Bariton) in ihren Gesangsbeiträgen markant zu unterstreichen. Ihnen gelang jeweils solistisch oder im Duett gemeinsam mit den Musikern eine intime Darstellung dieses Genres, in deren Zentrum eine kombinierte Messvertonung aus den Sammlungen Missodia Sionia (1611) beziehungsweise Musae Sioniae (1607) stand.

    Solistische Einlagen von Posaune (Andreas Neuhaus), Martin Bolterauer (Zink), Tobias Tietze (Theorbe) und Dávid Budai (Violone) trugen zum weichen Klangbild bei, dessen solide Stütze stets Tom Werzner (an der Orgel) darstellte. La Protezione della Musica, die neben Leipzig auch am Studienort ihres Leiters Jeroen Finke in Bremen seit ihrer Gründung 2015 aktiv sind und bereits zwei CD-Einspielungen vorweisen können, gelang an diesem Nachmittag ein auch durch die sensiblen Moderationen sehr reifes Konzert.

    Praetorius-Allerlei

     

    Das krönende Finale des kleinen, aber mit sehr viel Engagement und Liebe durch den Vorstand der Jugendmusiziergruppe Michael Praetorius e. V. vorbereitete Festival, markierte der Auftritt des Ensemble all’improvviso mit seinem Leiter Martin Erhardt, der in der Fachrichtung Alte Musik an der Leipziger Musikhochschule im Lehrauftrag „Historische Improvisation“ unterrichtet.

    Er hatte zwei erlesene Gäste geladen, die sein Team verstärkten: Marco Ambrosini, der an der selten so hörenden Schlüsselfidel (Nyckelharpa) eine für die Musikrichtung wertvolle Klangfarbe beisteuerte, sowie der von der Presse als „Miles Davis der Alten Musik“ titulierte Tausendsassa Ian Harrison aus Newcastle, der vom Zink über die Schalmei bis zum Tamburin viele Instrumente mit im Gepäck hatte und diese vorzüglich akustisch in Szene setzte.

    Das Besondere an diesem Konzert war die ausgelassene Farbigkeit der Improvisationen der Künstler, die musikalisch vorzüglich korrespondierten und ein sehr homogenes, kurzweiliges, abwechslungsreiches Programm mit zwölf Nummern auf die Beine gestellt hatten. Von schrägem Gesang Harrisons, virtuosen Einlagen am Zink, virtuosen Soli an der Barockvioline (Michael Spiecker), wilden Rhythmen von der Maultrommel angestoßen bis hin zu ernsten Gesängen über den Tod: Es ist ein Schnitter, war vieles dabei, was das Publikum mit Genuss goutierte.

    Das in der Zugabe Anklänge an Jingle Bells und Pipi Langstrumpfs-Evergreen durch den Kirchenraum zirpten, versetzte das Publikum mehr und mehr in Staunen. Das war die beste Werbung für das vom 23.–26. September geplante 7. Leipziger Improvisationsfestival für Alte Musik, das Martin Erhard schon einmal werbetechnisch ankündigte.

    Ein kleines Festival erntete große Resonanz.

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