Es waren gleich zwei Premieren: Nachdem in den letzten sechs Jahren bereits mehrere Singles und EPs der Leipziger Band Atlas Bird erschienen sind, wagten sich Axel Kunz (42) und Martin Schröder-Zabel (35) nun zum ersten Mal an ein Album. Zehn ausdrucksstarke Stücke veröffentlichte die Band im Oktober auf ihrem gleichnamigen Debüt. Gleichzeitig präsentieren sich die beiden Musiker erstmalig als Duo.

Nachdem im März letzten Jahres die Entscheidung gefallen war, dass Bassist Erik die Band verlassen würde, entschieden sich Martin und Axel dafür, ihn nicht zu ersetzen und setzten stattdessen auf neue Arten des Zusammenspiels. Ihren Stücken allerdings hört man die „Zwei-Mann-Show“ nicht an, im Gegenteil: Mit kraftvollen Soundflächen und sphärischen sowie vielschichtigen Arrangements bringen sie locker die große Geste einer Rockband auf die Bühne.

Wie das klingt, zeigen die https://www.nochbesserleben.com/beiden Musiker auch in Leipzig noch in diesem Jahr. Am 17.12.findet im „Noch Besser Leben“ das letzte Konzert für dieses Jahr statt. In 2023 soll eine größere Tour zur Präsentation der Platte folgen. Im Interview haben wir mit Axel und Martin darüber gesprochen, wie Veränderungen neue kreative Impulse setzen können, über den Druck der sozialen Medien und warum genau jetzt der richtige Zeitpunkt war, das erste Album zu produzieren.

Im Oktober ist euer Debutalbum „Atlas Bird“ erschienen. Wie geht es euch momentan?

Martin Schröder-Zabel: Momentan geht es uns sehr gut. Ich finde es schwierig, dass wir nicht so viel spielen können, wie wir wollen. Das nagt etwas an mir. Schließlich machen wir deshalb Musik; wir wollen viel unterwegs und auf den Bühnen sein. Aber auch das entwickelt sich gerade wieder.

Davon abgesehen bin ich sehr froh, dass wir jetzt unser Album herausgebracht haben, welches wir immerhin schon vor einem Jahr aufgenommen haben.

Axel Kunz: Das ist natürlich ein Highlight. Aber wir müssen uns auch erstmal wieder schütteln und das Gefühl von „Jetzt geht es los“ neu entwickeln. Die Aufnahmen schlummern ja schon seit längerem bei uns auf der Festplatte.

Wie kommt es, dass es bis zur Veröffentlichung des Albums ein Jahr gedauert hat?

MSZ: Es gibt diverse Gründe dafür. Maßgeblich lag es aber daran, dass wir die Platte nicht herausbringen wollten, ohne die Vinyl in der Hand zu halten.

AK: Die Press- und Lieferzeiten sind derzeit extrem lang. Das kann bis zu einem Jahr dauern, bei uns war es ein halbes Jahr. Außerdem musste die Promotion vorbereitet werden, das Design … Dafür arbeiten wir auch immer mit denselben Personen zusammen, wie zum Beispiel Marco, unserem Grafiker und Fotografen. Er ist wie ein drittes Bandmitglied.

MSZ: Was das angeht, sind wir loyal. Wir arbeiten seit den ersten EPs mit denselben Personen zusammen. Die kennen uns seit Jahren, die haben sich auch mit uns entwickelt. Wir glauben, mit diesen Menschen die beste Version herausholen zu können von dem, was wir darstellen wollen.

Die Veränderung für dieses Album war aber erstens, dass wir inzwischen nur noch zu zweit sind als Band. Und wir haben dieses Mal mit einem anderen Produzenten zusammengearbeitet und haben in einem anderen Studio aufgenommen. Wir mussten neu ausprobieren, wie wir als Band zu zweit – ohne Bass – funktionieren können.

Wo habt ihr das Album aufgenommen?

MSZ: In den H.O.M.E. Studios von Franz Plasa in Hamburg. Wir haben einen Produzenten gesucht, mit dem wir uns die Umsetzung dieses Albums, das wir schon vorproduziert hatten, vorstellen können. Dank der Förderung, die wir von der Initiative Musik erhalten haben, konnten wir uns das leisten. Uns war wichtig, rauszukommen aus Leipzig. Ohne die Förderung hätten wir die Aufnahmen auch nicht in der Größe umsetzen können. Allein die Preise für Vinylplatten sind im letzten Jahr um 50 Prozent gestiegen.

AK: Plasa hat einen riesigen Erfahrungsschatz, hat mit Lindenberg, Selig oder Echt zusammengearbeitet. Er hatte einfach eine tolle Energie. Es war eine intensive Zusammenarbeit.

MSZ: Wir haben zunächst fast drei Wochen am Stück aufgenommen, in der Zeit gab es vielleicht mal zwei Tage, an denen wir nicht im Studio waren. Es war toll, sich da ganz drauf einzulassen. Später waren wir nochmal eine Woche dort.

Wir hatten uns schon, bevor Corona kam, vorgenommen, uns Zeit zu nehmen, um die Platte zu produzieren. Am Ende hatten wir 30 Songs. Klar haben wir uns auch im Vorhinein bemüht auszusortieren, aber die finalen Entscheidungen wurden erst direkt im Studio getroffen. Das ging viel über das Bauchgefühl.

Wie kommt es, dass euer Debütalbum erst nach sechs Jahren Bandgeschichte erscheint?

MSZ: Am Anfang war es eine bewusste Entscheidung, nur EPs herauszubringen. Wir wollten einfach schnell unsere Musik veröffentlichen. Ich bin aber auch heute noch der Meinung, dass sich das „Album“ an sich verabschiedet. Inzwischen haben wir aber gemerkt, dass wir auf einer EP zu begrenzt sind. Wir kamen immer nur an einen bestimmten Punkt, konnten nicht wirklich über den Tellerrand hinausschauen und progressivere Parts einbauen. Deshalb musste es jetzt ein Album werden.

AK: Man merkt auch von der Presseseite: Ohne ein Album wird man nicht für voll genommen. Zwar geht es immer mehr darum, Singles „rauszuballern“, aber ein Album ist für die Öffentlichkeit immer noch ein wichtiger Meilenstein.

Toll ist aber auch, dass man darum mehr bauen kann. Es bedeutet mehr Artwork, Videos, eine Vinyl-Platte …Auch dieser visuelle Aspekt ist uns wichtig als noch eine Art, uns auszudrücken.

Wie seht ihr euch bzw. wie möchtet ihr euch als Band Atlas Bird auf diesem Album darstellen?

MSZ: Für mich drückt dieses Album genau das aus, was wir jetzt als Duo sind. Wir haben so lange an diesen Songs geschraubt, dass Stücke entstanden sind, die nicht von Axel oder von mir kommen, sondern von uns beiden zusammen. Wir haben die Texte teilweise zusammen geschrieben. Beispielsweise steht auch ein Bild auf dem Cover fast sinnbildlich dafür: Wir lehnen uns so nah aneinander, dass kaum erkennbar ist, wo der eine aufhört und der andere beginnt. Es ist ein Album, das zwei Personen als eine Einheit erschaffen haben.

AK: Es war schon unser Wunsch, mal etwas mit Hilfe von Bildern, Klamotten, Grafik„zu bauen“. Dieses Mal haben wir im Gegensatz zu sonst auf Helles gesetzt und wollten in eine Richtung gehen, die uns im Alltag vielleicht weniger entspricht – oder zumindest dem, was wir bisher gemacht haben. Das war erst ungewohnt, hat sich aber wie von selbst entwickelt. Wir wollen auch nicht, dass die Musik in eine bestimmte Richtung geframed wird. Klar verstehen wir uns eher als Rock-Band, denken aber auch viel in der „Pop-Schiene“.

MSZ: Wir sind auch definitiv keine Kunstfiguren, aber wir lieben es, uns zu inszenieren. Natürlich wollen wir auch verstanden werden vom Publikum. Ein Konzert bedeutet immer in gewisser Weise, die Hosen herunterzulassen. Wir spielen die Songs, die wir uns zu zweit überlegt haben und wollen, dass die Leute davon auch etwas mitnehmen. Inhaltlich dreht sich in unserer Musik viel um Eskapismus, um zwischenweltliche Erfahrungen, die man für sich selbst greifbar machen und einordnen will. Man muss schon sagen: Wir sind auch irgendwo alte Emo-Charaktere.

AK: Trotzdem haben wir uns auch eine Art „Bühnen-Persona“ aufgebaut. Ich zum Beispiel bin oft völlig ungehemmt, wahrscheinlich mehr als sonst. Trotzdem neigen wir dazu, eine gewisse Distanz zu halten. Aber ich finde das auch in Ordnung, so sind wir. Und das ist auch das Spannende an diesem Projekt zu zweit: Eigentlich können wir alles machen auf der Bühne.

Was hat sich verändert, seitdem ihr das ehemalige Trio Atlas Bird als Duo weiterführt? 

MSZ: Essenziell war die Entscheidung, ohne Bass weiterzumachen. Wir wollten auch keinen Ersatz suchen, haben vielmehr im Studio gemerkt, dass wir das mit anderen Mitteln ausgleichen können. Live ist es tatsächlich gar nicht so wichtig, dass der Bass vorhanden ist. Es geht vielmehr um dieses physische Element, die Kraft – wir haben schon immer ein wenig zu laut gespielt. Und das können wir auch als Duo (lacht). Sollten die Bühnen größer werden, laden wir uns vielleicht auch Gastmusiker ein. Momentan ist das aber nicht wichtig.

AK: Ich hatte schon Respekt davor. Für mich ist der Bass ein entscheidendes Sound-Element. Was geht denn sonst in den Bauch rein? Aber wir haben gemerkt, dass es auch anders funktioniert. Was mir gefällt: Es hat uns kreativer gemacht. Die größte Herausforderung ist, harmonisch spannend zu bleiben – mit nur einem Harmonieinstrument. Da mussten wir uns was einfallen lassen, haben viel detailgetreuer gearbeitet. Wir haben nicht mehr dieses Patentrezept, das wir vorher hatten. Aber noch immer hört man, dass wir es sind.

MSZ: Nicht, was wir geschrieben haben, hat sich verändert, sondern wie wir geschrieben haben. Wir hatten limitiertere Mittel. Für mich ist das die größte positive Weiterentwicklung im Gegensatz zu den EPs. Es ist spannender, weil es anders ist. Am Ende klingt es sogar viel größer als vorher.

Ihr seid seit Jahren befreundet, arbeitet zum Teil an denselben Projekten und seid eine Band. Wie funktioniert dieser Dreiklang für euch?

MSZ: Dass unsere beiden Persönlichkeiten so wahnsinnig gut zusammen funktionieren, ist ein großes Glück. Ohne diese Grundlage hätten wir uns niemals dazu entschieden, zu zweit weiterzumachen. Wir haben gelernt, uns an den nötigen Stellen auch mal in Ruhe zu lassen. Wir sind Freunde, wir arbeiten und musizieren zusammen. Deshalb muss man mit der gemeinsamen Zeit und Energie haushalten. Was wir zusammen machen, machen wir intensiv. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass wir uns jemals richtig gestritten hätten.

AK: Wir sind zwar sehr unterschiedlich, haben aber eine sehr ähnliche „Arbeitseinstellung“ und geben uns auch Mühe, mal bewusst über andere Dinge zu sprechen, als die Musik und die Arbeit. Und zu zweit fällt es einfach schnell auf, wenn nur einer der beiden etwas tut und sich der andere zurücklehnt. Das heißt, diesen Konflikt gibt es nicht. Wir haben beide unsere Stärken und Schwächen und in denen bewegen wir uns.

Habt ihr einen festen Ablauf als Band zusammen?

MSZ: Es gibt keinen festen Rhythmus, das kommt auch darauf an, ob wir gerade eine Tour vorbereiten. Als Band ist man heutzutage ja aber auch nicht nur eine Band. Ich habe letztens einen Artikel gelesen, der mich kurz hat zweifeln lassen. Dort stand: 25 Prozent bestehen daraus, Musik zu machen, der Rest ist Marketing. Das nervt manchmal schon, dass man nicht zum Musizieren kommt, weil Social Media bedient werden will.

AK: Wir haben auch schon mit Promo-Agenturen zusammengearbeitet. Und natürlich hätten wir manchmal auch gern jemanden, der das Booking übernimmt. Aber was bringt es, wenn man in einer großen Agentur das kleine Licht ist?

Wie geht ihr mit dem Druck um, die sozialen Medien zu bedienen?

MSZ: Bedienen ist schon das richtige Stichwort. Der Algorithmus baut unterbewusst Druck auf. Dabei möchte man das doch aus dem Bauch heraus machen, weil man seine Musik transportieren und darstellen möchte. Das ist definitiv ein Punkt, der nervt.

Wir haben uns dahingehend aber ein wenig zurückgefahren und wollen jeden Post vertreten können. Wem bringt ein Beitrag etwas, auf dem wir unser Essen zeigen?

AK: So sind wir auch persönlich nicht drauf. Das ist schließlich auch sehr zeitintensiv. Man muss verschiedene Formate bedienen. Das ist natürlich sinnvoll, wenn man Inhalte unter die Menschen bringen will, aber es ist viel Arbeit.

MSZ: Klar, der Grundgedanke spielt uns in die Karten: Wir inszenieren uns gern, machen Videos, Fotos… Aber in dem Moment, in dem dieser Druck dazukommt, irgendwelche Zahlen hochzutreiben, wird es belastend. Dadurch wird schließlich auch der Inhalt gar nicht mehr so relevant. Das ist schon seit einigen Jahren so.

AK: Wir wissen auch, dass wir als Gruppe auf Insta, TikTok und Co. niemals etwas Großes erreichen werden. Dafür sind wir selbst die falsche Zielgruppe, machen die „falsche“ Musik und haben die „falsche“ Botschaft. Wir sind nicht interessant für Personen, die nach wenigen Sekunden weiterklicken.

MSZ: Manchmal funktioniert die „Übersetzung“ auch einfach nicht. Man kann hunderttausende Plays haben auf einer Plattform, deshalb kommen die Leute aber noch lange nicht zu den Konzerten. Wir haben uns schon immer als eine Band verstanden, die sich über das Live-Spielen definiert.

Wie geht es in den kommenden Monaten für Atlas Bird weiter?

AK: Bis zum Jahresende sind noch einige Konzerte geplant, hoffentlich kommt im Dezember noch eine Show in Leipzig hinzu. Wir wollen definitiv auch den Release noch feiern. Im Januar sind wir nochmal unterwegs, im Februar soll dann eine Album-Show mit Gastmusiker/-innen und Videoeindrücken folgen – fast schon unter dem Motto „Vernissage“.

Die nächsten Konzerttermine von Atlas Bird: Mit dem Album im Gepäck spielen Atlas Bird noch zwei Shows dieses Jahr in München (16.12.) und Leipzig (17.12.), bevor es im Frühjahr des nächsten Jahres weitergeht. Dann auch mit einer Release-Show und metaphorisch als „Vernissage“ geplanten Tour, die von Gastmusiker/-innen begleitet werden soll.

nde es schwierig, dass wir nicht so viel spielen können, wie wir wollen. Das nagt etwas an mir. Schließlich machen wir deshalb Musik; wir wollen viel unterwegs und auf den Bühnen sein. Aber auch das entwickelt sich gerade wieder.

Davon abgesehen bin ich sehr froh, dass wir jetzt unser Album herausgebracht haben, welches wir immerhin schon vor einem Jahr aufgenommen haben.

Axel Kunz: Das ist natürlich ein Highlight. Aber wir müssen uns auch erstmal wieder schütteln und das Gefühl von „Jetzt geht es los“ neu entwickeln. Die Aufnahmen schlummern ja schon seit längerem bei uns auf der Festplatte.

Die Leipziger Band Atlas Bird (Axel Kunz und Martin Schröder-Zabel) hat ihr Debütalbum veröffentlicht. Foto: Marco de Haunt

Wie kommt es, dass es bis zur Veröffentlichung des Albums ein Jahr gedauert hat?

MSZ: Es gibt diverse Gründe dafür. Maßgeblich lag es aber daran, dass wir die Platte nicht herausbringen wollten, ohne die Vinyl in der Hand zu halten.

AK: Die Press- und Lieferzeiten sind derzeit extrem lang. Das kann bis zu einem Jahr dauern, bei uns war es ein halbes Jahr. Außerdem musste die Promotion vorbereitet werden, das Design … Dafür arbeiten wir auch immer mit denselben Personen zusammen, wie zum Beispiel Marco, unserem Grafiker und Fotografen. Er ist wie ein drittes Bandmitglied.

MSZ: Was das angeht, sind wir loyal. Wir arbeiten seit den ersten EPs mit denselben Personen zusammen. Die kennen uns seit Jahren, die haben sich auch mit uns entwickelt. Wir glauben, mit diesen Menschen die beste Version herausholen zu können von dem, was wir darstellen wollen.

Die Veränderung für dieses Album war aber erstens, dass wir inzwischen nur noch zu zweit sind als Band. Und wir haben dieses Mal mit einem anderen Produzenten zusammengearbeitet und haben in einem anderen Studio aufgenommen. Wir mussten neu ausprobieren, wie wir als Band zu zweit – ohne Bass – funktionieren können.

Wo habt ihr das Album aufgenommen?

Titelblatt der November-Ausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG, LZ 108
Die November-Ausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG, LZ 108. Foto: LZ

MSZ: In den H.O.M.E. Studios von Franz Plasa in Hamburg. Wir haben einen Produzenten gesucht, mit dem wir uns die Umsetzung dieses Albums, das wir schon vorproduziert hatten, vorstellen können. Dank der Förderung, die wir von der Initiative Musik erhalten haben, konnten wir uns das leisten. Uns war wichtig, rauszukommen aus Leipzig. Ohne die Förderung hätten wir die Aufnahmen auch nicht in der Größe umsetzen können. Allein die Preise für Vinylplatten sind im letzten Jahr um 50 Prozent gestiegen.

AK: Plasa hat einen riesigen Erfahrungsschatz, hat mit Lindenberg, Selig oder Echt zusammengearbeitet. Er hatte einfach eine tolle Energie. Es war eine intensive Zusammenarbeit.

MSZ: Wir haben zunächst fast drei Wochen am Stück aufgenommen, in der Zeit gab es vielleicht mal zwei Tage, an denen wir nicht im Studio waren. Es war toll, sich da ganz drauf einzulassen. Später waren wir nochmal eine Woche dort.

Wir hatten uns schon, bevor Corona kam, vorgenommen, uns Zeit zu nehmen, um die Platte zu produzieren. Am Ende hatten wir 30 Songs. Klar haben wir uns auch im Vorhinein bemüht auszusortieren, aber die finalen Entscheidungen wurden erst direkt im Studio getroffen. Das ging viel über das Bauchgefühl.

Wie kommt es, dass euer Debütalbum erst nach sechs Jahren Bandgeschichte erscheint?

MSZ: Am Anfang war es eine bewusste Entscheidung, nur EPs herauszubringen. Wir wollten einfach schnell unsere Musik veröffentlichen. Ich bin aber auch heute noch der Meinung, dass sich das „Album“ an sich verabschiedet. Inzwischen haben wir aber gemerkt, dass wir auf einer EP zu begrenzt sind. Wir kamen immer nur an einen bestimmten Punkt, konnten nicht wirklich über den Tellerrand hinausschauen und progressivere Parts einzubauen. Deshalb musste es jetzt ein Album werden.

AK: Man merkt auch von der Presseseite: Ohne ein Album wird man nicht für voll genommen. Zwar geht es immer mehr darum, Singles „rauszuballern“, aber ein Album ist für die Öffentlichkeit immer noch ein wichtiger Meilenstein.

Toll ist aber auch, dass man darum mehr bauen kann. Es bedeutet mehr Artwork, Videos, eine Vinyl-Platte …Auch dieser visuelle Aspekt ist uns wichtig als noch eine Art, uns auszudrücken.

Wie seht ihr euch bzw. wie möchtet ihr euch als Band Atlas Bird auf diesem Album darstellen?

MSZ: Für mich drückt dieses Album genau das aus, was wir jetzt als Duo sind. Wir haben so lange an diesen Songs geschraubt, dass Stücke entstanden sind, die nicht von Axel oder von mir kommen, sondern von uns beiden zusammen. Wir haben die Texte teilweise zusammen geschrieben. Beispielsweise steht auch ein Bild auf dem Cover fast sinnbildlich dafür: Wir lehnen uns so nah aneinander, dass kaum erkennbar ist, wo der eine aufhört und der andere beginnt. Es ist ein Album, das zwei Personen als eine Einheit erschaffen haben.

AK: Es war schon unser Wunsch, mal etwas mit Hilfe von Bildern, Klamotten, Grafik„zu bauen“. Dieses Mal haben wir im Gegensatz zu sonst auf Helles gesetzt und wollten in eine Richtung gehen, die uns im Alltag vielleicht weniger entspricht – oder zumindest dem, was wir bisher gemacht haben. Das war erst ungewohnt, hat sich aber wie von selbst entwickelt. Wir wollen auch nicht, dass die Musik in eine bestimmte Richtung geframet wird. Klar verstehen wir uns eher als Rock-Band, denken aber auch viel in der „Pop-Schiene“.

MSZ: Wir sind auch definitiv keine Kunstfiguren, aber wir lieben es, uns zu inszenieren. Natürlich wollen wir auch verstanden werden vom Publikum. Ein Konzert bedeutet immer in gewisser Weise, die Hosen herunterzulassen. Wir spielen die Songs, die wir uns zu zweit überlegt haben und wollen, dass die Leute davon auch etwas mitnehmen. Inhaltlich dreht sich in unserer Musik viel um Eskapismus, um zwischenweltliche Erfahrungen, die man für sich selbst greifbar machen und einordnen will. Man muss schon sagen: Wir sind auch irgendwo alte Emo-Charaktere.

AK: Trotzdem haben wir uns auch eine Art „Bühnen-Persona“ aufgebaut. Ich zum Beispiel bin oft völlig ungehemmt, wahrscheinlich mehr als sonst. Trotzdem neigen wir dazu, eine gewisse Distanz zu halten. Aber ich finde das auch in Ordnung, so sind wir. Und das ist auch das Spannende an diesem Projekt zu zweit: Eigentlich können wir alles machen auf der Bühne.

Was hat sich verändert, seitdem ihr das ehemalige Trio Atlas Bird als Duo weiterführt? 

MSZ: Essenziell war die Entscheidung, ohne Bass weiterzumachen. Wir wollten auch keinen Ersatz suchen, haben vielmehr im Studio gemerkt, dass wir das mit anderen Mitteln ausgleichen können. Live ist es tatsächlich gar nicht so wichtig, dass der Bass vorhanden ist. Es geht vielmehr um dieses physische Element, die Kraft – wir haben schon immer ein wenig zu laut gespielt. Und das können wir auch als Duo (lacht). Sollten die Bühnen größer werden, laden wir uns vielleicht auch Gastmusiker ein. Momentan ist das aber nicht wichtig.

AK: Ich hatte schon Respekt davor. Für mich ist der Bass ein entscheidendes Sound-Element. Was geht denn sonst in den Bauch rein? Aber wir haben gemerkt, dass es auch anders funktioniert. Was mir gefällt: Es hat uns kreativer gemacht. Die größte Herausforderung ist, harmonisch spannend zu bleiben – mit nur einem Harmonieinstrument. Da mussten wir uns was einfallen lassen, haben viel detailgetreuer gearbeitet. Wir haben nicht mehr dieses Patentrezept, das wir vorher hatten. Aber noch immer hört man, dass wir es sind.

MSZ: Nicht, was wir geschrieben haben, hat sich verändert, sondern wie wir geschrieben haben. Wir hatten limitiertere Mittel. Für mich ist das die größte positive Weiterentwicklung im Gegensatz zu den EPs. Es ist spannender, weil es anders ist. Am Ende klingt es sogar viel größer als vorher.

Ihr seid seit Jahren befreundet, arbeitet zum Teil an denselben Projekten und seid eine Band. Wie funktioniert dieser Dreiklang für euch?

MSZ: Dass unsere beiden Persönlichkeiten so wahnsinnig gut zusammen funktionieren, ist ein großes Glück. Ohne diese Grundlage hätten wir uns niemals dazu entschieden, zu zweit weiterzumachen. Wir haben gelernt, uns an den nötigen Stellen auch mal in Ruhe zu lassen. Wir sind Freunde, wir arbeiten und musizieren zusammen. Deshalb muss man mit der gemeinsamen Zeit und Energie haushalten. Was wir zusammen machen, machen wir intensiv. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass wir uns jemals richtig gestritten hätten.

AK: Wir sind zwar sehr unterschiedlich, haben aber eine sehr ähnliche „Arbeitseinstellung“ und geben uns auch Mühe, mal bewusst über andere Dinge zu sprechen, als die Musik und die Arbeit. Und zu zweit fällt es einfach schnell auf, wenn nur einer der beiden etwas tut und sich der andere zurücklehnt. Das heißt, diesen Konflikt gibt es nicht. Wir haben beide unsere Stärken und Schwächen und in denen bewegen wir uns.

Habt ihr einen festen Ablauf als Band zusammen?

MSZ: Es gibt keinen festen Rhythmus, das kommt auch darauf an, ob wir gerade eine Tour vorbereiten. Als Band ist man heutzutage ja aber auch nicht nur eine Band. Ich habe letztens einen Artikel gelesen, der mich kurz hat zweifeln lassen. Dort stand: 25 Prozent bestehen daraus, Musik zu machen, der Rest ist Marketing. Das nervt manchmal schon, dass man nicht zum Musizieren kommt, weil Social Media bedient werden will.

AK: Wir haben auch schon mit Promo-Agenturen zusammengearbeitet. Und natürlich hätten wir manchmal auch gern jemanden, der das Booking übernimmt. Aber was bringt es, wenn man in einer großen Agentur das kleine Licht ist?

Wie geht ihr mit dem Druck um, die sozialen Medien zu bedienen?

MSZ: Bedienen ist schon das richtige Stichwort. Der Algorithmus baut unterbewusst Druck auf. Dabei möchte man das doch aus dem Bauch heraus machen, weil man seine Musik transportieren und darstellen möchte. Das ist definitiv ein Punkt, der nervt.

Wir haben uns dahingehend aber ein wenig zurückgefahren und wollen jeden Post vertreten können. Wem bringt ein Beitrag etwas, auf dem wir unser Essen zeigen?

AK: So sind wir auch persönlich nicht drauf. Das ist schließlich auch sehr zeitintensiv. Man muss verschiedene Formate bedienen. Das ist natürlich sinnvoll, wenn man Inhalte unter die Menschen bringen will, aber es ist viel Arbeit.

MSZ: Klar, der Grundgedanke spielt uns in die Karten: Wir inszenieren uns gern, machen Videos, Fotos… Aber in dem Moment, in dem dieser Druck dazukommt, irgendwelche Zahlen hochzutreiben, wird es belastend. Dadurch wird schließlich auch der Inhalt gar nicht mehr so relevant. Das ist schon seit einigen Jahren so.

AK: Wir wissen auch, dass wir als Gruppe auf Insta, TikTok und Co. niemals etwas Großes erreichen werden. Dafür sind wir selbst die falsche Zielgruppe, machen die „falsche“ Musik und haben die „falsche“ Botschaft. Wir sind nicht interessant für Personen, die nach wenigen Sekunden weiterklicken.

MSZ: Manchmal funktioniert die „Übersetzung“ auch einfach nicht. Man kann hunderttausende Plays haben auf einer Plattform, deshalb kommen die Leute aber noch lange nicht zu den Konzerten. Wir haben uns schon immer als eine Band verstanden, die sich über das Live-Spielen definiert.

Wie geht es in den kommenden Monaten für Atlas Bird weiter?

AK: Bis zum Jahresende sind noch einige Konzerte geplant, hoffentlich kommt im Dezember noch eine Show in Leipzig hinzu. Wir wollen definitiv auch den Release noch feiern. Im Januar sind wir nochmal unterwegs, im Februar soll dann eine Album-Show mit Gastmusiker/-innen und Videoeindrücken folgen – fast schon unter dem Motto „Vernissage“.

Die nächsten Konzerttermine von Atlas Bird: Mit dem Album im Gepäck spielen Atlas Bird noch zwei Shows Jahr in München (16.12.) und Leipzig (17.12.), bevor es im Frühjahr des nächsten Jahres weitergeht. Dann auch mit einer Release-Show und metaphorisch als „Vernissage“ geplanten Tour, die von Gastmusiker/-innen begleitet werden soll.

„Die Leipziger Band Atlas Bird gibt ihr Debüt – Ein Blick über den Tellerrand“ erschien erstmals am 25. November 2022 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 108 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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