Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts in Hannover sorgt schon dieser Tage für Schlagzeilen, auch wenn sie erst im Frühjahr 2017 veröffentlicht wird. Sie macht deutlich, wie ohnmächtig die Polizei vor allem den Wohnungseinbrüchen reisender Banden aus Osteuropa gegenübersteht. Eigentlich nicht nur denen. Aber bei Verurteilungsraten von 3 Prozent scheint Wohnungseinbruch aus Einbrechersicht reineweg lukrativ zu sein.

Die Bundesregierung hat das Thema seit geraumer Zeit auf dem Tisch und glaubt nun, der Sache mit höheren Strafen beikommen zu können. Aber die werden wohl nichts bewirken, erklärte Studienleiterin Gina-Rosa Wollinger laut FAZ: „Die Strafhöhe macht gar nicht so viel aus, sondern die Wahrscheinlichkeit, dass man wirklich entdeckt wird. Und die ist beim Wohnungseinbruch generell niedrig. In unserer bisherigen Studie haben wir gesehen, dass wirklich nur 2,6 Prozent der Einbrüche mit einer Verurteilung enden.“

Die Aufklärungsrate liegt etwas höher, bei 15,2 Prozent. Aber das ist immer noch wenig. Die professionellen Einbrecher weichen aus, nehmen die Polizei nicht ernst, kennen auch deren Strategie und können sie unterlaufen.

In Sachsen versucht ja Innenminister Markus Ulbig (CDU) auf eine Vorhersagesoftware wie PreCops zu setzen. Aber welche Wirkung hat die, wenn die Reaktionsmuster der Polizei dann doch die alten sind und die Einbrecher den Sperren entschlüpfen?

Dass das Problem gewachsen ist, steht fest. Auch wenn die Zunahme der Einbrüche eben nicht erst 2015 oder 2014 geschah, sondern seit 2005. Was die Vermutung nahelegt, es könnte mit der letzten EU-Erweiterung nach Osten zu tun haben und der größeren Reisefreiheit für dort heimische Einbrecherbanden.

Aber das macht nur einen Teil des Problems aus. Denn der Löwenanteil der ermittelten Tatverdächtigen stammt aus Deutschland. Was einerseits damit zusammenhängt, dass professionell agierende Banden relativ selten auch erwischt werden und viele einheimische Einbrecher keine Profis sind, sondern in der Regel das, was die Polizei unter Beschaffungskriminalität subsumiert. Was dann freilich nicht nur Drogensüchtige beschreibt, die zur Finanzierung ihrer Sucht auf das Eigentum anderer Leute zugreifen, sondern auch Menschen in finanzieller Not, die so versuchen, sich zusätzliche Einnahmen zu verschaffen – aus fremder Leute Keller, Dachböden und Garagen zum Beispiel.

Bei einigen der Einbrecherbanden aus dem Osten hat Sachsens Polizei durchaus Fahndungserfolge: Es sind vor allem Georgier, Polen, Tschechen und Rumänen, die ihnen Jahr für Jahr in überschaubarer Zahl ins Netz gehen. Alles meist eher kleine Fische, denn am eigentlichen Niveau der Einbrüche und der Schadenssummen ändern diese überschaubaren Fahndungserfolge nichts. Was wohl auch daran liegt, dass sie – genauso wie bei der Rauschgiftkriminalität – die dahinter agierenden Netzwerke und „Vertriebskanäle“ nicht beseitigen.

Ob die AfD-Fraktion mit ihrer Anfrage zum Thema in diesen Tagen mehr Erkenntnisse gewinnt, darf bezweifelt werden. Sie legt in der Anfrage an die sächsische Regierung großen Wert auf die Nationalität der gefassten Einbrecher. Aber wird das zu mehr werden als zu neuen Abschiebe-Forderungen? Oder steht ein Antrag am Ende, mit dem die polizeiliche Zusammenarbeit mit den Herkunftsländern der Einbrecherbanden verstärkt wird?

Was auch schneller gefordert als umgesetzt ist. Das zeigt die immer auf neue Stufen gehobene Zusammenarbeit mit der Tschechischen Republik, in der Sachsen sogar eine richtige Sicherheitspartnerschaft sehen will. Nur hat das bislang nichts an den Rauschgiftimporten geändert und augenscheinlich auch nichts am Agieren der Einbrecherbanden.

Denn die Schadenszahlen sind auf hohem Niveau konstant, seit dem Jahr 2010 übrigens, als die ermittelte Schadenssumme erstmals über 6 Millionen Euro betrug. Auch 2016 wird der Stehlschaden in dieser Dimension liegen. Und dass das eben nicht nur mit systematisch operierenden Banden zu tun hat, zeigt der Blick in die Landkreise und Städte. Die legendäre „Armutshauptstadt“ Leipzig liegt seit Jahren unangefochten an der Spitze der Einbruchsliste mit Zahlen doppelt so hoch wie in Dresden. Das deutet auf die dominierende Form der Beschaffungskriminalität hin und die in Leipzig verankerten sozialen Problemfälle.

Man hat es also mindestens mit zwei unterschiedlichen Gruppen Verdächtiger zu tun, für die es auch unterschiedliche Strategien geben muss. Oder überhaupt erst einmal Strategien. Denn bislang kranken die polizeilichen Lösungen meist noch an ihrem engen regionalen Fokus. Daran wird auch ein Programm wie PreCops nichts ändern. Wenn kriminelle Netzwerke international agieren, braucht es dafür auch internationale Strategien.

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