Mehr Verletzte bei weniger Unfällen und die zähe Arbeit an der Entschärfung von Unfallschwerpunkten

Für alle Leser Im September 2015 hat sich der Leipziger Stadtrat einen Verkehrsunfallbericht für die Stadt Leipzig bestellt. In den Medien sorgen immer wieder spektakuläre Unfälle für Aufsehen. Manchmal hat man das Gefühl: Es wird immer schlimmer. Und die Stadt tut nichts, lässt die Leipziger im Verkehrsgewühl allein. Aber die Zahlen sprechen eine andere Sprache.

Der erste Verkehrsunfallbericht der Stadt ist jetzt fertig und wurde am Montag, 14. August, auch den Ratsfraktionen zugänglich gemacht. Besonders die 2014 wieder drastisch angezogene Zahl von Unfällen mit Radfahrern bereitete dem Stadtrat 2015 Sorgen. Denn eigentlich möchte man ja, dass der Anteil der Radfahrer am Straßenverkehr steigt in Leipzig. Aber wenn es immer enger zugeht auf Leipzigs Straßen, sind Radfahrer und Fußgänger besonders gefährdet: Sie sind ungeschützt, haben keine Knautschzone. Wenn sie in schwerere Unfälle verwickelt werden, geht es selten ohne schwere Verletzungen ab.

Aber der Verkehrsunfallbericht enthält keine Sensationen. Nicht mal eine alarmierende Kurve. Denn während die Zahl der angezeigten Straftaten in Leipzig steigt, sinkt die der von der Polizei registrierten Verkehrsunfälle.

Gab es 2012 noch 14.564 Verkehrsunfälle in Leipzig, waren es 2016 nur noch 13.758. Die Unfallzahlen gehen zurück, obwohl immer mehr Autos in der Stadt unterwegs sind und auch immer mehr Radfahrer. Was nicht nur daran liegt, dass die zunehmende Zahl von Verkehrsteilnehmern auch dazu zwingt, langsamer zu fahren und mehr Rücksicht zu nehmen. Für Raser bleibt einfach immer weniger Platz.

Unfälle mit Radfahrern nach Jahren. Grafik: Stadt Leipzig, Verkehrsunfallbericht

Unfälle mit Radfahrern nach Jahren. Grafik: Stadt Leipzig, Verkehrsunfallbericht

Was aber nicht bedeutet, dass die Unfälle glimpflicher ausgehen.

Denn die Zahl der Verletzten und Getöteten ist von 2.367 auf 2.536 deutlich gestiegen. Wobei die Zahl der Getöteten selbst nach wie vor niedrig ist: 2012 waren es 15, 2016 dann 14. Zwischenzeitlich waren es auch schon mal 8 (2015). Und das bestätigt das mulmige Bauchgefühl der Stadträte aus dem Jahr 2015.

Liegt es an der zunehmenden Aggressivität der Verkehrsteilnehmer, die Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau ausgemacht hat, dass es nun mehr Verletzte gibt?

„Das können wir leider nicht messen“, sagt Thomas Schulze, Leiter der Abteilung Straßenverkehrsbehörde/Verkehrsmanagement im Verkehrs- und Tiefbauamt der Stadt, dem die ganze Sache Verkehrssicherheit von Amts her untersteht. Es ist möglich, dass einige Verkehrsteilnehmer aggressiver reagieren – oder einfach gestresster, weil gerade an großen Kreuzungen und Knotenpunkten wie vor dem Hauptbahnhof die Situation auch für Kraftfahrer unübersichtlicher wird.

Unfallursachen 2016. Grafik: Stadt Leipzig, Verkehrsunfallbericht

Unfallursachen 2016. Grafik: Stadt Leipzig, Verkehrsunfallbericht

Der Hauptbahnhof ist ein echter Unfallschwerpunkt, mit dem sich das Verkehrs- und Tiefbauamt jetzt sehr intensiv beschäftige, so Michael Jana, der Leiter des Amtes. Aber schon der Blick auf das Dutzend hier verunglückter Fußgänger zeigt, dass hier mit ein paar Schildern nichts zu klären sein wird. Fünf von ihnen wurden von Kraftfahrzeugen erfasst, als sie bei Rot über die Straße liefen. Das ist fast ein Normalzustand am Hauptbahnhof. Die einen wollen eilig zum Zug und halten es nicht aus, auf Grün zu warten. Die anderen sehen ihre Straßenbahn einfahren und sehen nur noch in einem Rot-Sprint die Chance, die Bahn auch noch zu erwischen.

Was dann auch dazu führt, dass etliche der hier verunfallten Fußgänger beim Queren der Haltestelle mit einer ein- oder ausfahrenden Bahn kollidierten. „Die Haltestelle ist eindeutig zu klein“, sagt Schulze. Der Stadtrat hat das ja bekanntlich mit einem CDU-Antrag im vergangenen Jahr schon thematisiert. „Und wir beschäftigen uns damit auch intensiv im Rahmen der erweiterten Innenstadt“, sagt Jana. Aber gerade weil alle Verkehrsarten sich auf dichtem Raum verknüpfen, werde es mit einer einfachen Lösung nicht getan sein.

Und wie ist das mit den Radfahrern, die ja direkt vor Ost- und Westhalle die Fußgänger kreuzen?

Das scheint nicht mal das Problem zu sein. Insgesamt registrierte die Polizei übers Jahr ganze 12 Unfälle zwischen Radfahrern und Fußgängern in der gesamten Stadt. „Da täuscht dann wohl der Eindruck“, sagt Dubrau.

Eingang zur Hauptbahnhof-Westhalle. Foto: Ralf Julke

Eingang zur Hauptbahnhof-Westhalle. Foto: Ralf Julke

Die meisten Unfälle passieren nach wie vor zwischen motorisierten Verkehrsteilnehmern. Und sie haben ihre Ursache in den altbekannten Fehlern: Fehler beim Wenden und Rückwärtsfahren, ungenügender Sicherheitsabstand (da kracht es dann meist bei unerwarteten Bremsungen), Fehler beim Vorbeifahren und – das dann meistens mit schlechtem Ausgang – Nichtbeachten der Vorfahrt.

Und an den wichtigsten Unfallschwerpunkten der Stadt macht sich ein alter Fehler besonders tragisch bemerkbar: Fehler beim Abbiegen. Das bekommen meist Radfahrer zu spüren, so wie an der Kreuzung Jahnallee/Marschnerstraße.

Auch mit der muss sich das Verkehrs- und Tiefbauamt jetzt intensiv beschäftigen, nachdem die Verkehrsunfallkommission der Stadt sich die Problemstelle näher angeschaut hat.

Diese Kommission von Stadt und Polizei gibt es seit acht Jahren. Und sie hat sich zunehmend professionalisiert, betont Michael Jana. Zum Jahresauftakt trifft man sich und macht gemeinsam eine Liste von Unfallschwerpunkten, die man sich genauer anschauen will. „50 bis 60 schaffen wir im Jahr“, sagt Schulze. Voraussetzung ist, dass sich bestimmte Unfälle an dieser Stelle häufen. Vor Ort wird dann versucht herauszubekommen, ob sich die Unfälle ähneln und möglicherweise alle dieselbe Ursache haben. Die könnte dann, betont Schulze, möglicherweise in einer falschen Verkehrsanlage zu suchen sein. Wenn man den Fehler findet und beheben kann, gehen solche Unfallgeschehen zurück.

Was Schulze an einer Reihe von Kreuzungen in der Südvorstadt belegen kann, die in den vergangenen Jahren vor allem deshalb zum Ort der Karambolagen wurden, weil wichtige Sichtschneisen zugeparkt waren. Eine solche Stelle befand sich direkt an der Kreuzung Bernhard-Göring-Straße/Arno-Nitzsche-Straße: Die Radfahrer, auf dem Fußweg von Osten kommend, stießen direkt auf die wartenden Kraftfahrzeuge von Süden – ihre berechtigte Vorfahrt geradeaus war regelrecht verstellt.

Das wurde jetzt behoben, indem ein neuer Radfahrstreifen die Radfahrer schon weit vor der Kreuzung auf die Fahrbahn führt – sie werden besser gesehen und haben einen gut sichtbaren Streifen für sich, auf dem sie auch die Vorfahrt bekommen.

Was eine kleinere Lösung war, mit der ein altes, nachweisbares Problem behoben wurde. Größer war die Lösung am Kreisel in der Karl-Tauchnitz-Straße, dem heutigen Herzlyia-Platz, der nach dutzenden Unfällen mit Radfahrern komplett umgebaut wurde. Ein eingebauter Bordstein sorgt jetzt dafür, dass die Radfahrer im Kreisel nicht mehr überholt werden können. „Die Radfahrerunfälle im Südteil, wo sie sich gehäuft haben, sind verschwunden“, sagt Schulze.

So einfach ist es selten, erst recht nicht an den Unfallschwerpunkten. „Das sind in der Regel große, unübersichtliche Kreuzungen“, sagt Schulze. „Und da gibt es selten eine einzige Ursache, die wir beseitigen können.“

Kreuzung Arno-Nitzsche-Straße / Bernhard-Göring-Straße am 10. Mai. Foto: Ralf Julke

Kreuzung Arno-Nitzsche-Straße / Bernhard-Göring-Straße am 10. Mai. Foto: Ralf Julke

Also konzentriert man sich darauf, gerade die kleineren Problemstellen zu lösen, wo eine Umsetzung nicht erst nach Jahren zu erwarten ist. Etwa an der Kreuzung Käthe-Kollwitz-Straße/Marschnerstraße, wo die Ampelanlage für einige Verkehrsteilnehmer oft nicht einsehbar ist. Ergebnis: Etliche Rot-Unfälle. Die Anlage soll jetzt umgebaut werden.

Eher problematisch ist hingegen die Häufung von Radfahrerunfällen an der Einmündung des Cottawegs in die Jahnallee. Weil die „Radfahrer falsch fahren“, wie Schulze sagt. Denn auf dem Weg zum Cottaweg oder Richtung Zentralstadion queren sie hier (auf einem breiten roten Radfahrstreifen) von Westen kommend den Cottaweg – und kollidieren dann mit Rechtsabbiegern aus dem Cottaweg, die von rechts keine Radfahrer erwarten. Aber hier hängt das Problem unübersehbar mit der gesamten Radwegeführung zusammen, die mit den jetzigen Gegebenheiten ziemlich verfahren ist. „Wir sind erst mal ratlos“, sagt Schulze.

Aber eine Lösung wird man hier nur finden, wenn man logische Lösungen für die Radwegeführung findet.

Was bleibt als Fazit?

Wo die Unfallkommission eine kluge Lösung findet für einzelne Problemstellen, hören die „systematischen“ Unfälle tatsächlich auf.

Die großen Unfallschwerpunkte sind nur mit großen, auch sehr teuren Umbaumaßnahmen zu mildern. Wenn überhaupt. Denn auch wenn sich das Verkehrs- und Tiefbauamt jetzt mit dem Platz vorm Hauptbahnhof beschäftigt, heißt das nicht, dass man hier tatsächlich eine Lösung findet, die die Lage für alle Verkehrsteilnehmer entspannt.

Schulze warnt sogar: „Die Lösung für das eine Problem könnte bedeuten, dass wir an anderer Stelle mehr Unfälle bekommen.“ Aber eine Vermutung, warum es mehr Verletzte bei sinkenden Unfallzahlen gibt, hat er zumindest: „Es könnte mit der steigenden Zahl von Radfahrern zusammenhängen“, sagt er. Wenn sie in Unfälle verwickelt sind, geht es meist nicht ohne Verletzungen ab.

„Aber das ist nur eine Vermutung“, sagt Schulze. „Messen lässt sich das auch nicht.“

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