Fahrraddiebstahl in Leipzig,Teil 1

Was können die Leipziger selbst tun, um ihre edlen Rösser vor Dieben zu schützen?

Für alle LeserDie Meldung war vielverheißend: „Stadt Leipzig und Polizei planen Konzept gegen Fahrraddiebstahl“. Das klang so, als hätten beide schon Ideen, wie man den Fahrraddieben in Leipzig das Handwerk legen könnte. Denn im letzten Jahr hat sich die Stadt an der Pleiße ja bekanntlich beinah zur deutschen Hochburg der Fahrraddiebstähle gemausert. Aber nur beinah: Münster hat noch die Nase vorn. Was eigentlich eine gute Nachricht ist.

Denn Münster ist nun mal anerkanntermaßen die Fahrradstadt Deutschlands. Seit Jahren schon, weil hier schon gute Radstrukturen für die kleine Universitätsstadt geschaffen wurden, als andernorts noch die Essen qualmten und die Leipziger davon träumten, dass es mal wieder eine Lieferung Mifa-Räder im „konsument“ gab. Oder wo es die Dinger damals gab. Wohl eher unterm Ladentisch und für vier, fünf Blaue Fliesen.

Das hat sich geändert. Jede Bürgerumfrage und jede Erhebung zum „Modal Split“ zeigen es: Leipzig ist zu einer Fahrradstadt geworden. Mittlerweile gewinnen die Leipziger locker den bundesweiten Städtevergleich im Stadtradeln, schrubben binnen zwei Wochen 1 Million Kilometer herunter und kommen nicht mal ins Schwitzen dabei.

Tapfer sagt Leipzigs Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal: „Wer sich mit Kriminalität beschäftigt, muss sich auch mit der Stadt auseinandersetzen.“

Trotzdem war das Erschrecken groß. Auch bei der Leipziger Polizei, denn mit 9.642 registrierten Fahrraddiebstählen erreichte Leipzig im Jahr 2016 eine neue Höchstmarke. „Das liegt uns trotzdem schwer im Magen“, sagt Jens Galka, Leiter der Polizeidirektion Leipzig und damit der zweite Mann hinter Polizeipräsident Bernd Merbitz. Denn damit stiegen die angezeigten Fahrraddiebstähle binnen eines Jahres um fast 2.800, während die Aufklärungsquote von 8,9 auf 6,3 Prozent absackte.

Gestrandet: Herrenlose Fahrräder als Ausschlachtobjekte am Connewitzer Kreuz. Foto: Ralf Julke

Gestrandet: Herrenlose Fahrräder als Ausschlachtobjekte am Connewitzer Kreuz. Foto: Ralf Julke

„Wir waren schon mal besser“, sagt Galka. 2014 hatte sich Leipzigs Polizei mit echter Fleißarbeit auf 11,8 Prozent hochgearbeitet. Das ist im Bundesvergleich ein guter Wert. Nicht an sich ein guter Wert. Aber da geht es den Polizisten in der ganzen Republik so: Fahrraddiebstähle sind schwer aufzuklären, die potenziellen Diebe selten zu fangen.

Was Gründe hat. Nicht nur in der Polizeiarbeit.

Darüber diskutierte am Montag, 16. Oktober, der Kriminalpräventive Rat (KPR) der Stadt. Das ist keine Oberbehörde, sondern das, was man ein Netzwerk nennt: Hier arbeiten die Stadt, die Polizei und alle involvierten Partner in der Stadt zusammen, um für einzelne kriminelle Probleme in der Stadt gemeinsam Lösungen zu suchen. Möglichst präventiv. Das heißt: So, dass die Leipziger selbst vorsorgen können und den Verbrechern das Handwerk möglichst schwer gemacht wird. Denn, wie formulierte es Heiko Rosenthal am Dienstag, 17.Oktober, zur Pressekonferenz so schön: „Eine Großstadt ohne Kriminalität gibt es nicht. Wir müssen uns mit dem Thema beschäftigen.“

Am Montag zum Treffen des PKR hatte man dann das heiße Thema Fahrraddiebstahl auf die Tagesordnung gesetzt. Die Polizei lieferte die Zahlen. Ein Blogger aus der Leipziger Radszene berichtete, wie sich die Radfahrerszene mit dem wachsenden Diebstahlsproblem auseinandersetzt. Finden kann man das Blog unter: www.werideleipzig.com.

Und da die Stadt selbst keine Diebe fangen kann, setzte sie auf die Frage: Wie kann man Fahrraddiebstahl besser vorbeugen? Denn aus Rosenthals Warte beugen die meisten Leipziger nicht wirklich ausreichend vor. Gelegenheit macht Diebe.

Wobei zwei Leipziger Initiativen wohl auch von der Radcommunity sehr gewürdigt werden: Das eine sind die Radbügel, die man immer öfter im Straßenraum findet und die das sichere Anketten von Fahrrädern ermöglichen. Aus Sicht der Stadt tragen sie erheblich zur Minimierung der Gelegenheitsdiebstähle bei. Das andere sind die Fahrradregistrierungen, die die Stadt anbietet. Denn jedes Fahrrad, das registriert ist, kann beim Auffinden nach einem Diebstahl auch wieder dem Bestohlenen zugeordnet werden. Etwas, was auch der Polizei schon mehrfach half, so Jens Galka: 2016 fielen so 70 Fahrräder aus Leipzig bei einer Grenzkontrolle auf. Ein Vorgang, der erstmals sichtbar machte, wie systematisch einige gut organisierte Diebesbanden unterwegs sind, um vor allem wertvolle Fahrräder zu stehlen und ins Ausland zu verbringen.

117.000 Leipziger Fahrräder sind schon registriert. Von geschätzt ungefähr 500.000. Was uns auf die möglichen Ursachen der gestiegenen Diebstahlszahlen bringt. Aber damit beschäftigen wir uns extra.

Am Montag war ja vor allem Thema, wie man besser vorsorgen kann. Dazu wurde das in Leipzig entwickelte, leichte, aber auch schwer zu knackende Fahrradschloss der Firma Texlock vorgestellt (www.tex-lock.com). Und aus Rostock reiste das kleine Unternehmen Fahrradjäger an (www.fahrradjaeger.de), das mit einer neuartigen App versucht, dort Hilfe zu schaffen, wo noch reagiert werden kann: im Akt des Diebstahls. Das Gerät sitzt am Fahrrad und reagiert schon auf Stoß, löst dabei ein Sirenensignal von 90 Dezibel aus, was schon einmal jede Menge Aufmerksamkeit für den Vorgang des Diebstahls schafft. Gleichzeitig erhält der Besitzer die Nachricht vom Dienstahlsversuch direkt auf sein Handy und alle anderen Nutzer der App im Umkreis von 100 Meter werden ebenfalls benachrichtigt, so dass, wer in der Nähe ist, einschreiten kann.

Heiko Rosenthal findet die Idee so genial, dass er die App gern in einem Pilotprojekt in Leipzig ausprobieren möchte. Quasi genau da, wo so ein Teil vielleicht am dringendsten gebraucht würde. Aber: „Wir sind noch in der Diskussionsphase“, sagt Rosenthal.

Und was will die Polizei tun, um die Aufklärung zu verbessern? – „Wir machen schon mehr Kontrollen“, sagt Jens Galka. Man hat sehr wohl mitbekommen, dass die Zahl der Dienstähle rasant wuchs, als die Kontrollen der Polizei im öffentlichen Raum drastisch zurückgingen. „Unsere Leute waren kräftemäßig woanders voll eingespannt“, sagt Galka.

Man möchte fast frech weiterformulieren: Da haben Pegida und Legida wohl den Fahrraddieben in die Hand gearbeitet. Herzlichen Glückwunsch.

Was trotzdem die Frage noch nicht klärt, warum ausgerechnet in Leipzig die Fahrraddiebstähle so zugelegt haben.

Das bearbeiten wir an dieser Stelle noch extra.

Kriminanalpräventiver RatFahrraddiebstahl
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