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Ex-Mitbewohnerin: „Ein kleines bisschen psycho“

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    Am nunmehr elften Prozesstermin um den grausamen Tod zweier Frauen in Leipzig-Lindenau bemühte sich das Landgericht am Montag um ein genaueres Bild vom Angeklagten und seiner Persönlichkeit. Mehrere Zeugen aus seinem früheren Umfeld zeichneten dabei ein unheimliches Bild des geständigen Täters.

    Vollkommen reglos, meist den Kopf gesenkt, die Hände ineinander gefaltet und ruhig – so verfolgte Dovchin D. (38) am Montag die Verhandlung am Landgericht. Die geradezu bohrende Unauffälligkeit des schmächtigen Mannes, der deutlich jünger als Ende Dreißig wirkt, scheint im völligen Kontrast zur Anklage. Doch gegenüber der Polizei hat der gebürtige Mongole, der 1999 nach Deutschland kam, bereits gestanden, die 43-Jährige Portugiesin Maria D. im Frühjahr 2016 mit zu sich nach Hause genommen und dort, vorgeblich nach einem Streit, erwürgt zu haben.

    Ihre Leiche habe er mehrere Tage später zerteilt und dann im Elsterbecken entsorgt.

    Das gleiche Schicksal widerfuhr Ende November des gleichen Jahres der 40 Jahre alten Anja B. aus Leipzig-Grünau. Auch ihren Körper zerstückelte Dovchin D. nach eigener Aussage, lagerte Teile davon in seiner Einraumwohnung, im Keller des Mehrfamilienhauses sowie einem nahen Abrissgebäude. Im Frühjahr 2017 stieß man dort auf die Überreste des Leichnams. Dovchin D. wurde Ende Februar 2017 verhaftet und legte bei der Kripo ein Geständnis ab.

    Die Vernehmung mehrerer Zeugen am Montag ergab ein ambivalentes Bild des Angeklagten, der sich vor Gericht bisher nur zu seiner Biographie einließ. Niemals habe er Probleme bereitet, maximal lief der Fernseher etwas laut, entsann sich eine ehemalige Nachbarin seines Wohnhauses in der Demmeringstraße. Auch eine Bekannte, die er gelegentlich zum Kaffee traf, wusste nur Gutes zu berichten: „Er war erzogen, höflich, ein sehr, sehr angenehmer Gesprächspartner.“

    Gastwirt Dirk W. (45), dessen Lindenauer Bar Dovchin D. unregelmäßig aufsuchte, erinnerte sich ebenfalls an keinen negativen Vorfall. Nie habe der mutmaßliche Doppelmörder bei ihm Streit gesucht, keinen genervt und nicht übermäßig viel Alkohol konsumiert – anders als das spätere Mordopfer Maria D., die im betrunkenen Zustand zu verbalen Entgleisungen tendiert haben soll. Auch sie ging in der Kneipe ein und aus. Zuletzt sah der Wirt sie dort am 9. April 2016 – womöglich nur einen Tag vor ihrem Tod.

    Schwer greifbar und „ein kleines bisschen psycho“

    Sarah M. (35) wusste dagegen von einer anderen Seite Dovchin D.s zu berichten. Als der gelernte Konstruktionsmechaniker im Frühjahr 2014, gut zwei Jahre vor dem ersten Mord, in ihrer Sechser-Wohngemeinschaft unterkam, habe er ein zuweilen verstörendes Auftreten an den Tag gelegt. So sei er anderen in der Wohnung grundlos gefolgt, habe sich neben sie gestellt, sei räumlich nahe an sie herangetreten. Zudem habe er die Unterhaltung bei Konversationen sehr schnell an sich gezogen, ohne auf sein Gegenüber einzugehen.

    Rasch stellte man fest, dass die Chemie einfach nicht passte. Es sei aber schwer greifbar, wo genau der Störfaktor lag, sagte Sarah M. im Zeugenstand. In ihrer Vernehmung bei der Polizei beschrieb sie den unheimlichen Mitbewohner von damals gar als „ein kleines bisschen psycho“. Nach nur vier Monaten zog Dovchin D. im Sommer 2014 aus der WG aus. „Im Nachhinein empfand ich ihn als sehr einsamen Menschen, der versucht hat, Anschluss zu finden, aber in sehr aufdringlicher Weise.“

    Auch Ex-Nachbar Till M. (35), der mit Dovchin D. in der Demmeringstraße auf dem gleichen Flur wohnte, erzählte von einem irritierenden Vorfall im Fahrstuhl des Hauses: Seine Freundin sei dem Angeklagten kurz nach ihrer Schwangerschaft dort begegnet. Dovchin D. habe ihr mit der Bemerkung, sie sehe wieder gut aus, an den Bauch gefasst. Sie habe ihn ob der Distanzlosigkeit zurechtgewiesen, Dovchin D. habe betreten darauf reagiert.

    Gelegentlich habe man sich kleine Nachbarschaftshilfen geleistet. So gab der Angeklagte, der im September 2014 Vater eines Mädchens wurde, dem Pärchen Kinderkleidung. Ab und an traf man sich in einem Café, wo Dovchin D. auch über Privates sprach – das Zerwürfnis mit seiner Ehefrau und die Trennung, seine Spielsucht, die ihn Ende 2015 in Behandlung brachte.

    Im Rahmen gemeinsamer Hoffeste habe man Dovchin D. immer wieder in das rege Nachbarschaftsleben zu integrieren versucht – doch sei stets eine seltsame, kaum beschreibbare Art von Abstand zu dem Mongolen geblieben, erinnerte sich Till M.: „Man merkt, man kommt mit manchen Leuten auf eine gewisse Basis und mit manchen nicht. Dadurch, dass der Kontakt im Haus relativ eng ist, fiel das auf. Aber es gab kein konkretes Verhalten, an dem das festzumachen war.“

    Der Flurfunk habe immer wieder gemunkelt, dass Dovchin D. vielleicht nicht das einfachste Leben hat. Irgendwann rückte die Polizei zu Befragungen an – und konfrontierte die Bewohnerschaft mit dem grausigen Mordgeständnis ihres seltsamen Nachbarn.

    Neben den Vernehmungen verlas der Vorsitzende Richter Hans Jagenlauf am Montag auch Gutachten der Universität Leipzig mit makabren Details unter anderem zum Zustand der Leichen und dem Madenbefall.

    Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt, drei weitere Termine sind bis einschließlich 5. März geplant.

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