Es ist das ganz normale Leben, das in öffentlichen Einrichtungen in der Vergangenheit oft einfach ausgeblendet und nicht berücksichtigt wurde. Beim großen Thema Barrierefreiheit wird ja schon deutlich, was da alles nicht stimmt für Menschen, die Schwierigkeiten mit ihrer Mobilität haben. Aber bei einem so simplen Problem wie dem Stillen von Babys geht es weiter.
Was können junge Mütter da eigentlich tun, wenn das Warten im Bürgerbüro länger dauert, aber schlicht kein Raum zum Stillen der Babys vorhanden ist? Die Grünen-Stadträtin Anna-Lisa Möbius hat das mit einem Stadtratsantrag thematisiert.
Sie erläuterte das Problem dann auch in der Ratsversammlung am 29. April. Denn Mütter, die mit ihrem Baby ins Bürgerbüro gehen, verlangen ja eigentlich nicht viel. Eigentlich nur einen Sichtschutz, einen gesicherten Ort, einen „Ort der Würde“, wie es Anna-Lisa Möbius formulierte.
Die nicht so ganz zufrieden war mit dem doch deutlich weicher formulierten Verwaltungsstandpunkt, der eher das Komplizierte an der Einrichtung von Stillbereichen in den Vordergrund rückte. Anna-Lisa Möbius: „Ein Stillbereich ist kein Hochsicherheitslabor.“
Wertschätzung gegenüber Familien
Andererseits haben sich ganz offensichtlich eine ganze Reihe von Müttern in der Grünen-Fraktion gemeldet, die das Fehlen von solchen Stillbereichen in den Bürgerbüros kritisierten.
Im Antrag von Anna-Lisa Möbius liest man dazu: „An uns wurde eine entsprechende Beschwerdelage herangetragen. Wenn es möglich und nötig war, haben Mitarbeiter*innen der Bürgerbüros sogar ihren Arbeitsplatz zur Verfügung gestellt, jedoch können in dieser Zeit keine anderen Kund*innen bedient werden. Dies sollte daher die Ausnahme bleiben. Dem Dilemma der Eltern zwischen dem unaufschiebbaren Hunger der Babys und einem Mindestmaß an Privatsphäre sollten wir darum unbedingt Beachtung schenken.
Die Einrichtung solcher Rückzugsorte verbessert die Aufenthaltsqualität, signalisiert Wertschätzung gegenüber Familien mit Kleinkindern und trägt zur familienfreundlichen Ausgestaltung städtischer Dienstleistungsangebote bei.
Zahlreiche öffentliche Einrichtungen anderer Städte zeigen, dass einfache Stillbereiche, beispielsweise abgetrennte Nischen mit einem bequemen Stuhl und Sichtschutz, mit geringem Aufwand realisierbar sind. Wo möglich, können auch bestehende Nebenräume temporär oder dauerhaft umgewidmet werden.
Die Maßnahme soll haushaltsneutral realisiert werden, indem bestehende Raum- und Möblierungsressourcen genutzt werden. Eine Umsetzung durch einfache Mittel ist kurzfristig und flexibel möglich.“
Prüfen und planen
Nur ist dieser simple Aufwand aus Sicht der Stadt dann doch etwas aufwändiger, wie das Referat für Verwaltungsunterbringung formuliert: „In den Bürgerbüros werden Still- und Wickelzonen sukzessive eingerichtet. Die bürgerfreundliche Ausstattung ist weiterhin vorgesehen und wird im Standortkonzept Bürgerbüros fortgeschrieben. In den stark frequentierten Bürgerbüros im Gohlis Center, Elsbethstraße 19–25, sowie im Ratzelbogen, Kiewer Straße 3, sind bereits räumlich abgetrennte Still- und Wickelmöglichkeiten vorhanden. Für das Bürgerbüro Mitte in der Otto-Schill-Straße 2 wird eine räumliche Lösung für einen Still- und Wickelbereich im Moment geprüft.
Auch in weiteren Verwaltungsobjekten mit Wartezonen bürgernaher Dienstleistungen sind Still- und Wickelzonen bereits vorhanden oder geplant. So steht z. B. im Stadthaus, Burgplatz 1, ein Still- und Wickelraum schon zur Verfügung. Im Wartebereich in der (ehemaligen) Messehalle 12, zweiter Bauabschnitt, ist mit Erstbezug ein Still- und Wickelraum geplant. Auch für den zukünftigen Wartebereich des Allgemeinen Sozialdienstes in der Rohrteichstraße – Umzug im Jahr 2026 – wird eine Still- und Wickelzone geplant.“
Es muss also geprüft werden. Und nicht jedes heutige Bürgerbüro, so betonte Verwaltungsbürgermeister Uldrich Hörning, bietet räumlich tatsächlich die Möglichkeiten, ohne viel Aufwand eine Stillecke einzurichten. Die Prüfung sei aber auch Bestandteil im neuen Konzept für die Bürgerbüros, an dem gerade gearbeitet wird.
Sogar Mal- und Spielecken gibt es
Manchmal bieten die Bürgerbüros sogar noch mehr an, wie SPD-Stadtrat Frank Franke anmerkte. Seine Fraktion hatte noch einen Extra-Antrag geschrieben, der zusätzlich zur Einrichtung von Stillzonen wünschte, dass „bereits vorhandene, familienfreundliche Angebote (z.B. Bücher, Malecke, Spielzeug) bereits im Wartebereich und nicht erst im Beratungsraum angeboten werden können“.
Denn einige Bürgerbüros bieten das ja an, nur halt nicht dort, wo Eltern mit ihren Kindern oft recht lange warten müssen. Und es müsste auch schon vorher kommuniziert werden.
Was Ulrich Hörning auch aufgriff: Mit entsprechender Beschilderung in den Bürgerbüros soll künftig darauf hingewiesen werden.
Anna-Lisa Möbius stellte dann – weil das am Ende wohl wirklich der einzig gangbare Weg ist – den Verwaltungsstandpunkt zur Abstimmung, der zumindest verspricht, dass die Einrichtung von Stillbereichen in allen Bürgerbüros geprüft werde. Und da das Anliegen so natürlich und selbstverständlich war, bekam der Verwaltungsstandpunkt dann auch die einhellige Zustimmung des Stadtrats.
Jetzt kann man gespannt sein, ob nun zeitnah in weiteren Bürgerbüros neue Stillzonen auftauchen und damit eigentlich etwas Selbstverständliches auch dort Wirklichkeit werden lassen, wo es bisher nicht so ist.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:
















Keine Kommentare bisher