Friedliche Revolution: Ein Schild sagt mehr als 70.000 bunte Steine

Ab jetzt steht es - 3,60 Meter breit, 2,40 Meter hoch - an der Autobahn A 9, Fahrtrichtung von Berlin nach München, Kilometer 121,6: "Friedliche Revolution 1989". Wer die Stadt der Friedlichen Revolution sehen will, muss jetzt die nächste Abfahrt nehmen Richtung Leipzig. Als touristischer Wegweiser ist das neu. Und wieder einmal war man in Sachsen-Anhalt schneller.
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Denn Anfang 2011 beantragte die Leipziger Tourismus und Marketing GmbH (LTM) gleich mehrere solcher touristischer Hinweistafeln an den Autobahnen rings um die Stadt – darunter auch welche fürs Gondwanaland. Sowohl beim Freistaat Sachsen als auch beim Land Sachsen Anhalt. Denn während für die A 14 und die A 38 der Freistaat zuständig ist, ist es bei der A 9 das Nachbarland Sachsen-Anhalt. Das war in Sachen Gondwanaland ganz fix. Das Hinweisschild für die Leipziger Riesentropenhalle konnte noch 2011 an der Autobahn 9 Richtung Berlin, Kilometer 131,1, aufgestellt werden.

Die Genehmigung zum Aufstellen einer Tafel für die Friedliche Revolution an der A9 bekam der LTM im November 2011. „Aber wir wollten die Tafel nicht in der trüben Jahreszeit aufstellen“, sagt Volker Bremer, Geschäftsführer des LTM. Und auch nicht bei einem Termin im rauschenden Verkehr, fügt Marit Schulz, die Marketingmanagerin des LTM hinzu.

Eine günstige Gelegenheit ergab sich am Mittwoch, 8. August. Die Autobahnmeisterei aus dem Saalekreis hatte die Fundamente für das neue Schild gegossen. Das Schild selbst war auch fertig, musste nur noch montiert werden. Der Entwurf stammt vom Leipziger Büro Kassler Grafik Design. Aber vor der Montage machte das Bauteam einen Abstecher nach Leipziger und stellte das neue Schild fotogen auf den Nikolaikirchhof.
Auch das hatte sich Marit Schulz so schön gedacht. Immerhin ist neben der Leipziger Stadtsilhouette auch der Kopf der Säule zu sehen, die die Kulturstiftung Leipzig 1999 auf dem Nikolaikirchhof montieren ließ – jene von Andreas Stötzner entwickelte Idee, eine der Säulen aus der Nikolaikirche einfach nach draußen zu setzen auf den Platz und damit den Schritt aus dem innerkirchlichen Protest in die öffentlichen Demonstrationen sichtbar zu machen. Doch am 8. August ist die Säule als markantestes Denkmal für die Friedliche Revolution eingerüstet. Sie wird gerade auf Schäden untersucht, die möglicherweise nach verschiedenen Abrissen in der Innenstadt am Denkmal entstanden sind.

Also kein Doppelbild mit Säulen-Denkmal und Hinweistafel. Aber die Nikolaikirche selbst ist symbolisch genug. Eigentlich. Für Menschen, die sehen wollen, was wichtig ist. Oder haben die Frankfurter irgendwo ein Denkmal gebaut zur Erinnerung an die Revolution von 1848/1849? Brauchten sie nicht. Sie haben die Paulskirche als unübersehbares Erinnerungsstück.

In Leipziger Köpfe geht auch nach Abschluss der intensiven Internet-Debatte zum geplanten „Einheits- und Freiheitsdenkmal“ nicht, warum die Stadt unbedingt ein völlig unverbindliches und überflüssiges Denkmal an ein Ereignis bekommen soll, an das man in der Leipziger Innenstadt auf Schritt und Tritt erinnert wird.

Wer die „Friedliche Revolution“ nachempfinden will, der besucht die Nikolaikirche, die Runde Ecke und das Zeitgeschichtliche Forum, der bewundert Stötzners Säule, die leuchtenden Pflastersteine von Tilo Schulz, die Demokratieglocke auf dem Augustusplatz und Mattheuers „Jahrhundertschritt“ in der Grimmaischen Straße. Wer dem neuen Hinweisschild folgt, das jetzt an der A 9 steht, der stolpert geradezu darüber.
Irgendwo an A14 oder A38 soll noch ein zweites Schild zur Aufstellung kommen. Doch die sächsischen Genehmigungsbehörden brauchen, wie man hört, zwei Jahre, um so etwas zu genehmigen. Das dauert also noch. Möglich auch, dass die Verantwortlichen noch verzweifelt nach einem Plätzchen suchen. „Das ist gar nicht so einfach“, sagt Marit Schulz. „Wir haben uns extra ins Auto gesetzt und sind einmal rundherum gefahren um Leipzigs Autobahnring. Wir hätten nicht gedacht, wie viele Hinweisschilder da schon stehen.“

Jutta Amann, Projektmanagerin im Stadt- und Standortmarketing, hat noch eine andere Erklärung. Im April 2011 hat der Freistaat die Verwaltungsvorschrift über das Aufstellen touristischer Hinweisschilder an Autobahnen geändert – und wurde wohl daraufhin geradezu mit Anträgen geflutet. Aller 250 Meter darf jetzt so ein Schild stehen. Ob das gut überlegt ist, weiß man wohl im zuständigen Ministerium am besten.

Derzeit am auffälligsten am Leipziger Autobahnring ist augenscheinlich der legendäre Ritter Wiprecht von Groitzsch. Aber auch zwei wichtige Leipziger Wegmarken sind seit Jahren präsent: Johann Sebastian Bach, der musikalische Ortsheilige, und das Völkerschlachtdenkmal. „Man muss schon genau abwägen, mit welcher Botschaft man an der Autobahn wirbt“, sagt Bremer. „Man darf das nicht überfrachten.“

Die zur „Friedlichen Revolution“ aber gehöre unverkennbar zu den Kernbotschaften der Stadt. Und seit dem Jubiläums-Lichtfest 2009 funktioniert die Botschaft auch wieder. Das bestätigt auch Regina Schild.

Bach steht an der A14 Richtung Dresden am Kilometer 118,9 zwischen den Ausfahrten „Schkeuditz“ und „Leipzig-Nord“, das Völkerschlachtdenkmal ebenfalls an der A14 Richtung Dresden am Kilometer 70,8 zwischen den Ausfahrten „Leipzig-Ost“ und „Kleinpösna“.

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Ansonsten findet man rund um Leipzig nach den Erkundungen des LTM neben dem Ritter von Groitzsch auch das Neuseenland, das Sonnenobservatorium Goseck, das Barockschloss Delitzsch, das Schloss Machern und den Bergbaupark, den Kanupark am Markkleeberger See und die Wehrkirche Beucha, die Gedenkstätte Lützen und den Dom von Merseburg – insgesamt 25 touristische Wegmarken, ab heute 26.

Nach Hörensagen sind in Dresden jetzt noch 120 offene Anträge für solche touristischen Hinweisschilder am Leipziger Autobahnring offen. Da kann man den Bearbeitern eigentlich nur Zurückhaltung wünschen, denn wer so mit Wichtigkeiten geflutet wird, der weiß ganz gewiss nach dem zehnten Schild nicht mehr, ob das Abbiegen tatsächlich sinnvoll ist.

Außer von der A9 bei Großkugel natürlich.

In nächster Zeit wird sicher der eine oder andere Hamburger, Rostocker oder Berliner auf der Autobahn den Lenker drehen und mal kurz nach Leipzig reinfahren, sein Auto unterm Augustusplatz abstellen und am Nikolikirchhof einen Kaffee trinken, ein Eis futtern oder einfach einen Euro in den Hut der Musikantin an der offenen Tür der Nikolaikirche werfen, um dann für ein paar Minuten hineinzugehen. Die Meisten kommen ganz friedlich wieder raus. Denn das ist ja das besondere an der Leipziger Revolution: Sie war von Anfang an auf Friedfertigkeit angelegt. Und hat trotzdem funktioniert.

Aber wie fasst man das in ein Denkmal? – Für den LTM war es logisch, Stötzners Säule vom Nikolaikirchhof aufs Schild zu heben. Was die Friedliche Revolution übrigens auf ganz stille und symbolische Weise mit der Leipziger Aufklärung verbindet.

Und für Leipziger, die zum Urlaub im schönen Norden waren, heißt es künftig: Augen auf an der Autobahn. Bei der „Friedlichen Revolution“ geht’s nach Hause.

www.leipziger-freiheit.de


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