Am 27. März versammelte der Gleichstellungsbeirat der Stadt Leipzig unter Leitung seiner Vorsitzenden, Genka Lapön, Kulturverantwortliche, Unterstützende und KritikerInnen im Klingersaal des Museums der bildenden Künste. Anlass hatte die Ausstellung "Die Schöne und das Biest" mit ihrem großformatigen Werbeplakat gegeben, die vom 13. Oktober 2013 bis zum 12. Januar 2014 gezeigt wurde.

Der Saal war bis an die Wände gefüllt, manche ZuhörerIn musste abgewiesen werden. Für die Teilnehmenden war es ein Erlebnis der ganz besonderen Art. Auf der einen Seite der Kulturbürgermeister Michael Faber, der Direktor des Museums, Hans-Werner Schmidt, und durchaus auch der Präsident des deutschen Museumsbundes, Dr. Volker Rodekamp. Auf der anderen Seite im Podium die Kunsthistorikerin Franciska Zólyom, Direktorin der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig, und im Publikum junge ProtagonistInnen der Leipziger Kunstkritik, PolitikerInnen und Interessierte.

In ihrem einleitenden Statement beschrieben die Initiatorinnen Katharina Krefft und Katharina Kleinschmidt, beide Beiratsmitglieder, ihre Motivation, den Werdegang bis zum heutigen Abend und zusammengenommen ihr Problem mit einer sexistischen Werbung, die Frauen auf eine Rolle reduziert, während die Rollenzuschreibungen und das Körpergefühl der Frauen heute in der Ausstellung in keinster Weise reflektiert wurde. Im Laufe des Abends lernten wir, dass die Protagonisten auch weiterhin kein Verständnis für die Kritik selbst, aber auch kein Verständnis für diese Position aufbringen.

Für den Kulturbürgermeister gar handelte es sich bei der Ausstellung um eine aufklärerische Situation, wie drei verschiedene Künstler mit dem Thema umgingen. Herr Dr. Schmidt gab sich sehr kämpferisch. Mit hohem Unterhaltungswert erweiterte er seine Verteidigung um die an diesem Abend gar nicht thematisierte Kritik an einer “Nazikunst” und am “Promifaktor”, um schließlich beim Thema Sexismus auf Ausstellungen in Hamburg, Frankfurt oder Erfurt zu verweisen, die ebendiese Themen, und wie Herr Dr. Rodekamp ergänzte, vollkommen unkritisiert, präsentieren.Also gibt’s nur in Leipzig solche geschlechtersensiblen Frauen und Männer, die, wie es Herr Dr. Schmidt sieht, gefrustet werden vom Privatfernsehen mit seinen Castingschauen.

Auch an diesem frühen Abend wurde deutlich, dass Herr Dr. Schmidt nicht bereit ist, sich dem Vorwurf zu öffnen und nachzuvollziehen, was die Kritikerinnen umtreibt. Mit abweisender Körperhaltung, seitlich sitzend, sprachdominant und arrogant zeichnete er das Bild eines Museumsdirektors, der nicht bereit ist, das Museum partizipativ auszurichten. Es bleibt beim Dialog der ausgestellten Künstler, der Dialog mit den Betrachterinnen ist abwegig. Der Gedanke, den Kulturentwicklungsplan als Kulturvermittlungsplan zu verstehen, ist kennzeichnend: Hier die Kunstversteher, die den Dummen draußen, die klassische Kodes nicht verstünden, die Kunst erklären.

Ist also die Politik gefragt?In Herrn Faber haben die Erneuerer jedenfalls schon mal keinen Verbündeten. Er sieht den Kulturentwicklungsplan erfüllt, die Ausstellung sei nur ein Ausschnitt des Gesamtgeschehens und damit ein singulärer Beitrag.

Doch an diesem Abend konnten wir auch lernen, wie es anders gehen könnte. Frau Zólyom nahm uns mit auf den Weg durch den Zeitgeist. Welchem Zeitgeist die Künstler ausgesetzt waren, als sie ihre Kunst schufen, und was uns das heute erzählt – dieses war kein Thema in der Ausstellung. Hier wurde ohne Vermittlung, ohne Kommentar im öffentlichen Raum eine nackte Frau präsentiert, und man sah: eine nackte Frau. Zur Sinnstiftung des Ausstellungskonzeptes hatte sie außerdem eine klare Meinung. Während die Herren auf dem Podium die Freiheit der Kunst verteidigten und einen Bildersturm zeichneten, an dessen Ende auch der homoerotische Klinger abgehängt werden müsse, stellte Frau Zolyom klar: es geht nicht um die Kunst, es geht um die Werbung. Und es geht darum, wie sich ein öffentlich finanziertes Museum gegenüber dem ökonomischen Druck, den auch die Kultur erreicht hat, positioniert. Denn es sollten doch die Zeitfragen sein, die ein städtisches Museum verhandelt, aber, so stellt sie klar: dazu ist sorgfältige Arbeit gefragt. Und ein Bewusstsein für das Heute nach 5 Jahrzehnten “cultural und gender studies”.

Nicht die Festschreibung, nicht die Wiederholung, sondern eine Bewegung sollte in der präsentierten Kunst erkennbar sein, denn Kunst und Kultur sind nicht etwas Gegebenes, sondern sozial und kulturell bedingt, sie bilden letztlich Machtverhältnisse ab.

Für Herrn Dr. Rodekamp Anlass, sich international umzublicken und zu konstatieren: Deutschland sei eher ein prüdes Land, hier werde geurteilt nach dem Maßstab des Gefallens oder Sich-gestört-fühlens. Die Freiheit der Kunst erfordere geschützte Orte, und schon gar nicht dürften politische Vorgaben gemacht werden. Alles ist gut, wie es ist, denn immerhin haben sich die Museen personell gewandelt, der personelle Anteil habe sich dramatisch hin zu den Frauen verschoben. Nicht nur die Frauen konnten sich in den letzten Jahrzehnten emanzipieren, auch die Männer konnten sich von Identitäten befreien, die ihnen übergestülpt wurden.

Sind also die KritikerInnen einfach nur prüde, verstehen die Botschaft der Konsumkritik in der ausgestellten Kunst nicht, sind gefrustet vom Sexismus des Privatfernsehens?

Nein, Nein. Man möchte es laut rufen, denn die Herren dort vorne verstehen es nicht, sie verstehen nicht, dass die Welt sich weiter gedreht hat, und die alten Konzepte, auch neu verpackt um marktfähig zu bleiben, nicht ziehen. Mein bescheiden unfachlicher Blick in die deutsche und internationale Museumsszene zeigt mir: die angesagten Themen sind das Partizipative Museum, Besucherorientierung, Inklusion, Demokratie. Leipzig, diese Vibrations haben Dich noch nicht erreicht.

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Redaktion über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar