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Gastmanns Kolumne: Zurück zur Rasur

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    Es ist jedes Jahr dasselbe. Noch immer. Pünktlich am Morgen des 14. März, kurz nach dem Aufwachen, durchfährt mich ein dumpfer Schrecken. Ich eile dann wie ferngesteuert zum Fenster, um angstvoll zu prüfen, ob es geschneit hat. Nur wenn draußen tatsächlich alles weiß ist, geht es mir ein bisschen besser.

    Warum nun dieser traumatische Termin? Geschichtslehrer und Mitglieder der Linke ahnen es längst: Der 14. März ist der Todestag von Karl-Marx. Karl Marx, der größte Sohn des deutschen Volkes oder besser: der größte Bart des deutschen Volkes.

    Als wenn mit diesem (Ab-)leben nicht genug Tragik geschaffen worden wäre, hatte man sich in meiner Schulzeit für diesen Tag überdies die Mobilmachung sämtlicher Klassen zum Zwecke eines traditionellen Karl-Marx-Gedenklaufes rund ums Plattenbau-Wohngebiet ausbedungen. Ostdeutsche Pädagogik ging bekanntlich etwas beherzter zu Werke: Es genügte damals nämlich nicht, den Schüler „dort abzuholen, wo er steht“, sondern man holte sogar diejenigen von zuhause ab, die diesem Sportereignis lieber ferngeblieben wären. Nur Tiefschnee allein bedeutete das Nichtzustandekommen der verhassten Veranstaltung.

    In der DDR war zwar wahrlich nicht alles besser, das Wetter Mitte März jedoch leider schon.

    Dass sich als Folge alljährlich Hundertschaften Pubertierender zu Ehren eines kinderreichen und notorisch klammen Wessis mit Hang zum Dienstpersonal widerwillig zum Drops machten, war den Initiatoren des Laufes geflissentlich egal. Wahrscheinlich hatte irgendein Parteisekretär die Idee von der Trasse mitgebracht oder er wollte sich einfach nur an jemandem dafür rächen, dass ihn seine Eltern immer gezwungen hatten, die heiße Milch inklusive der oben schwimmenden Haut zu trinken. Vielleicht auch beides.

    Da auf Marketing noch sehr wenig Wert gelegt wurde, war unser Anreiz für diese Art Körperertüchtigung entsprechend gering, zumal ausgeprägtes Philosophen-Groupietum auch damals nicht zu den beliebtesten Teenager-Beschäftigungen zählte. Versuchen Sie heute mal, einen Zwölfjährigen für einen – vorwiegend Kinder und dicke Schwarten produzierenden -alten Zausel mit Gesichtspullover hinterm Computer vorzulocken und um den Block rennen zu lassen. Merken Sie was?

    Als gesichert gilt, dass damals wohl keiner einen einzigen Gedanken an den bärtigen Denksportler aus Trier verschwendete, wenn man hochroten Kopfes in unkleidsamen Turnhosen Runde für Runde um die tristen Architekturversuche des DDR-Wohnungsbaus drehte.

    In Anbetracht der Wohngebiets-Laufstrecke hätte man den Lauf eher dem Marxfreund Friedrich Engels widmen müssen. Dieser hatte Karl schließlich nicht nur zeitlebens mit bewundernswertem Langmut aus der Scheiße geholfen, sondern klarsten Blickes im Jahre 1879 die Wohnungsfrage als das zentrale Problem der Menschheit definiert.

    Aber im Grunde liefen wir weder für Marx noch für Engels.

    Wenn überhaupt ein Fünkchen Motivation in uns glomm, dann strengten wir uns ausschließlich für Herrn Koslowski an, unseren Sportlehrer – ein gutgewachsener und vor allem bartloser Augenschmaus, eine richtige Schnitte. Die Mädchen bemühten sich einzig aus (natürlich strikt geheim gehaltener) Liebe zu ihm und die Knaben, weil sie alle ein bisschen so sein wollten wie er.

    Ich weiß nicht, was Herrn Koslowski einige Jahre später dazu bewogen hatte, sich einen Oberlippenbart zuzulegen. Einen, der ihn auf der Attraktivitätsskala sofort um Kilometer nach unten sausen ließ. Vielleicht war ihm die weibliche Bewunderung minderjähriger Zahnspangenträgerinnen zu viel geworden, vielleicht hatten ihm auch zu viele ausgewachsene Damen hinterherrecherchiert.

    Fest steht, dass mit dem Bärtchen des Sportlehrers in den Folgejahren der letzte Stimulus beim Marx-Gedenklauf verschwunden war. Im Jahre 1990 gar wollte überraschenderweise überhaupt niemand mehr mitgelaufen sein.

    Der Mensch lernt einfach nicht aus der Geschichte: Schon wieder hatte ein kleiner Bart Weltpolitik gemacht.

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