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Podiumsdiskussion zu kirchlichen Schulen

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    „Wozu noch (christliche) Bildung?“ Diese Frage stand im Zentrum einer Podiumsdiskussion im Maria-Montessori-Schulzentrum, Leipzig. Beim Podiumsgespräch diskutierten darüber: der katholische Bischof Dr. Heiner Koch, der Leiter der Regionalstelle der Sächsischen Bildungsagentur Ralf Berger, Professor Dr. Eckhard Nordhofen und Professor Dr. Holger Zaborowski. Moderiert wurde die Veranstaltung durch Albrecht Voigt, Referent der Katholischen Akademie Dresden. Anlass war die Vorstellung eines neuen Heftes der theologischen Zeitschrift Diakonia.

    Ballettunterricht, Reitunterricht, musikalische Erziehung. Das Spektrum möglicher Bildungsangebote ist vielfältig. Braucht es neben all diesen Angeboten auch noch eine religiöse Bildung? Ein klares Ja geht von diesem Abend aus. Auch das vorgestellte Themenheft der internationalen Zeitschrift für die Praxis der Kirche Diakonia ist in dieser Frage eindeutig. „Katholische Schulen – eine Notwendigkeit“ lautet der erste Artikel, der schon in der Überschrift großes Selbstbewusstsein ausstrahlt: „Schulen zu errichten und zu betreiben gehört zu den ältesten und vornehmsten Aufgaben der Kirchen, und so gehen die Wurzeln vieler Schulen in kirchlicher Trägerschaft weit zurück, ins Mittelalter, in die Zeit von Reformation und Gegenreformation, ins Barockzeitalter.“

    Dabei sind Schulen nicht einfach nur Orte, an denen Lebenschancen ermöglicht werden sollen, sondern vor allem Orte der Bildung. Bei der Frage, welche Schüler da gebildet werden sollen, haben private Schulen gegenüber staatlichen zumindest einen großen Vorteil: sie können auswählen. Das erfreue auch die Lehrer, schreibt Eckhard Nordhofen: „Alle Lehrer genießen das Schonklima einer Privatschule, die sich weder über faule oder destruktive oder überhaupt defizitäre Kinder beklagen muss. Es lebt und unterrichtet sich an einer Schule mit bildungsaffinen Eltern und Schülern leichter als im rauen Wind des staatlichen Schulwesens.“ Privatschulen sozusagen als Eliteschulen. Wobei nicht unerwähnt sein sollte, dass sich viele christliche – und andere private Schulen in Leipzig – zumindest darum bemühen, auch Kinder aufzunehmen, die nicht ganz so pflegeleicht sind.

    Eingangsberich Montessori-Schulzentrum. Foto: Ernst-Ulrich Kneitschel
    Eingangsbereich Montessori-Schulzentrum. Foto: Ernst-Ulrich Kneitschel

    An ausgewählten Schülern können hier also Grundlagen gelegt werden, die letztlich auch das staatliche Schulwesen prägen sollten. Wobei ja Privatschulen sich als Ersatzschulen an den staatlichen Schulen und Vorgaben zu orientieren haben … und in mancher Hinsicht schlechter ausgestattet sind. Darüber wird ja in Sachsen gerade gestritten. Vieles also, was an diesem Abend bezüglich katholischer oder christlicher Schulen gesagt wurde, lässt sich auf das Thema Schule und Bildung insgesamt übertragen.

    Am Beginn gab es einen verlesenen Gruß von Georg Austen, Generalsekretär des Bonifatiuswerkes. Darin ging es um die Frage, was auf der Strecke bleibt, wenn der Terminkalender von Kindern mit vielen Aktivitäten vollgestopft wird:

    „Wir legen uns krumm für unsere Kinder. Wir fördern sie, wo es eben geht. Wir setzen uns ein. Wir geben alles und noch viel mehr. Und genau da greift der Satz: gut gemeint ist das Gegenteil von gut. Denn auf der Strecke bleibt doch im Grunde das, was uns selbst wichtig erscheint oder was wir früher mit dem Ideal einer humanistisch-christlichen Bildung bezeichnet haben. Schülerinnen und Schüler, deren Terminkalender mit dem ihrer Eltern vergleichbar ist, haben im Grunde ihre Kindheit bereits verloren. Was hier und heute stattfindet, das ist allzu häufig verwaltete Kindheit, eine eilige Zurüstung auf das Funktionieren.“

    Bischof Heiner Koch. Foto: Ernst-Ulrich Kneitschel
    Bischof Heiner Koch. Foto: Ernst-Ulrich Kneitschel

    Theologische Tugenden, so war am Abend zu hören, sind das Spezifische an christlichen Schulen. Tugenden an sich sind etwa Gerechtigkeit, Tapferkeit und Weisheit. Theologische Tugenden seien Glaube, Hoffnung und Liebe. Sie gelten im christlichen Sprachgebrauch als Kardinaltugenden. Es ist sozusagen die Kernkompetenz des Christentums. Herr Berger wollte dem grundsätzlich nicht widersprechen, verwies aber dann doch auf Nachfrage darauf, dass diese „theologischen“ Tugenden auch Teil des Ethikunterrichts an staatlichen Schulen sind.

    Bischof Koch näherte sich der Frage nach dem Spezifischen der christlichen Schulen daher etwas anders. Er ist ja auch öfters in staatlichen Schulen unterwegs. Da wird er dann zunächst nach Reformation befragt … dann aber geht es um das Zentrum des Glaubens: Gott? Sind Sie ihm schon begegnet? Wer ist das? Gott und das Leid? Wo ist Gott? Gibt es Gott?“ Das ist das zentrale Thema christlicher Schulen: „Es sind die Einrichtungen, die die Frage nach Gott stellen.“ Und diesem Gott begegnet man dann letztlich, wenn es ihn denn gibt und wenn man seine Spuren findet, auch außerhalb des binnenkirchlichen Bereichs. Um aber etwas zu finden, muss überhaupt danach gefragt werden. Ansatzpunkt des Fragens kann dabei der Mensch sein.

    Am Abend wurde betont, dass man Tugenden am Vorbild lernt. Der Mensch, der in der Schule vor allem als Vorbild wirken soll, ist der Lehrer. Mit Blick auf diese Vorbildfunktion wurde daher der Lehrer als das größte Kapital der Schule – nicht nur der christlichen – bezeichnet. Daher unterstrich auch Herr Berger: „Gute Schule funktioniert vor allem auch mit guten Lehrern.“ Wichtig ist aber auch: Es braucht eine Anerkennungskultur. Nicht nur in der Begegnung mit Kindern ist es gut, zunächst die Stärken des anderen zu sehen. Es gehe darum, Kinder über ihre Stärken dazu zu bringen, an ihren Schwächen zu arbeiten.

    Ralf Berger, Leiter der Regionalstelle Leipzig der SBA. Foto: Ernst-Ulrich Kneitschel
    Ralf Berger, Leiter der Regionalstelle Leipzig der SBA. Foto: Ernst-Ulrich Kneitschel

    Mit Blick auf den Religionsunterricht weitete Berger vorsichtig den Blick über den christlichen Rahmen hinaus: „Wir werden in dieser Stadt, da bin ich mir relativ sicher, ganz schnell in eine Diskussion kommen, den Begriff des Religionsunterrichts zu erweitern, die Frage anderer Konfessionen, die Frage islamischer Religionsunterricht. Es ist wichtig für Schüler, Werte vermittelt zu bekommen, Werte zu erleben.“ Praktisch stellt sich allerdings für ihn die Frage, welche islamische Institution hier Dialogpartner für die Entwicklung eines entsprechenden Lehrplanes sein könnte.

    Offen für islamischen Religionsunterricht an katholischen Schulen zeigte sich in der Diskussion auch Bischof Koch: „Ich wäre da sehr dafür.“ Praktisch allerdings stellt sich die Frage aber wohl derzeit nicht.

    Wenngleich etwa am Montessori-Schulzentrum durchaus darauf geachtet wird, keine katholische Monokultur unter den Schülern zu haben, betonte Sebastian Heider, Leiter des Schulzentrums: „Wir könnten in manchen Jahrgängen reine christliche Jahrgänge aufmachen. Aber das wollen wir gar nicht. Wir empfinden es als große Chance, dass wir die Mischung haben von katholischen Schülern, evangelischen Schülern und von ungetauften Schülern, die an dieser Schule über die Hälfte der Schülerschaft ausmachen.“

    Was zum Schluss noch mal zu einem spannenden Artikel im Heft 1 der vorgestellten Zeitschrift Diakonia führt: Kooperativer Religionsunterricht Christentum-Islam in Kairo. Eine fundierte Kenntnis der eigenen Religion ist dabei Basis einer respektvollen und fairen Begegnung mit der fremden Religion.  Das gut angenommene Projekt findet an der deutschen evangelischen Oberschule Kairo statt. Zwei Lerngruppen erhalten zunächst getrennten Unterricht in ihrer Religion, bevor sie in der Oberstufe dann miteinander in Dialog kommen. „An der DEO Kairo verkünden Christen und Muslime das Friedenspotential ihres jeweils eigenen Glaubens, und sie tun es gemeinsam“, heißt es im Artikel von Frank van der Velden.

    Montessori-Schulzentrum Leipzig Grünau. Foto: Ernst-Ulrich Kneitschel
    Montessori-Schulzentrum Leipzig Grünau. Foto: Ernst-Ulrich Kneitschel

     

     

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