Tanners Sommer-Special-Interview mit dem Schriftsteller und mehrfachen Gewinner des Deutschen Science Fiction Preises Karsten Kruschel

Im Sommer sind auch mal andere Dinge wichtig. Da soll ausgeruht werden und wenn's schön ist, dürfen ein paar Gedanken freigelassen werden zum Selbst und zum Morgen der Welt. Deshalb fragt Tanner Menschen nach ihrer Eigensicht und bringt diese dazu, innezuhalten und darüber nachzudenken. Heute: der Schriftsteller und mehrfache Gewinner des Deutschen Science Fiction Preises Karsten Kruschel.
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Wohin fahre ich dieses Jahr in den Urlaub?

Bayern. Bayerischer Wald, um genau zu sein. Und dann noch nach Bremerhaven, aber das ist kein Urlaub, sondern eine Feier zum zweiten Berufsabschluss meines Sohnes.

Welches ist mein Traumort und warum?

Es gibt so viele … Aber wenn es um eine Stadt (außer Leipzig) geht, in der zu wohnen ich mir vorstellen könnte: Torun.

Welches Buch liegt derzeit auf meinem Nachttisch und warum? Und um was geht es darinnen?

„Messiasmaschine“ von Chris Beckett, den ich dieses Jahr in Dortmund kennengelernt habe, als wir gemeinsam Ehrengäste auf dem DortCon waren. Es geht darin um eine Welt, in der alle Staaten der Erde bis auf einen einzigen religiös-fundamentalistisch regiert werden. Um Vernunft angesichts des Wahnsinns.

Wenn ich die Möglichkeit hätte, diese Welt gut zu machen, vielleicht sogar zu heilen – und ich würde es auch machen wollen, wie sähe diese Welt ab morgen aus?

Ich würde einen Virus weltweit verbreiten, der wirklich alle ansteckt und lediglich eine einzige Folge hat: Jeder Mensch, der einem anderen aus religiösen Gründen wehtut, wird dafür mit einer zweistündigen Nierenkolik belohnt. Die Welt wäre dann zwar immer noch nicht perfekt, aber wesentlich besser. Allein die vielen Stunden, in denen sich IS-Anhänger, CSU-Wähler und Ku-Klux-Klan-Kuttenträger in Schmerzen wälzen, wären eine Reise wert.

An was glaube ich oder an wen und warum?

Glaube ist keine der Kategorien, in denen ich denke. Ich weiß entweder etwas, oder bezweifle es, stelle infrage, grabe nach, vergewissere mich, ändere meine Meinung im Lichte neuer Erkenntnisse oder stoße Wahrgeglaubtes um. Das alles kann man mit Glaube nicht machen. Glaube ist ein Irrtum, aber das ist ja nun wirklich nicht neu.

Was mag ich an mir und was mag ich nicht an mir? Und warum natürlich!

Im Grunde genommen mag ich mich, weil ich der einzige Mensch bin, in dessen Haut ich je stecken werde. Auch wenn diese Haut ein paar Kilo zu viel enthält. Welchen Sinn kann es schon haben, sich selbst nicht zu mögen? Ironiemodus an: Natürlich habe ich keine Fehler, denn wenn ich sie hätte, würde ich sie zugeben.

Wenn ich mich an meinen letzten Traum erinnere, welche Geschichte war das?

Eine sehr komplizierte, bunte Geschichte, in der eine große Maschine vorkam, die durch die Gegend stakste und hundewelpenförmige Löcher im Erdboden hinterließ. Das hatte eine tiefere Bedeutung, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Immer noch besser als diese Ich-fall-in-einen-Aufzugsschacht-Träume, oder?

Gibt es ein Motto, nach dem ich mein Leben gestalte? Und wenn ja, welches ist das und warum?

Nein. Und jeden, der auf diese Frage etwas anderes antwortet, halte ich für einen Lügner.

Was macht mich traurig?

Dummheit. Freche Dummheit. Religiös bemäntelte Dummheit.

Wann und in welchem Zusammenhang hat sich in letzter Zeit mein Mitgefühl geregt?

Supermarkt, Kühlregal: Vielleicht fünfjähriges Kind fragt: „Mami, kann ich ein Eis?“ Antwort der Mutter (schiebt Wagen voll mit Tiefkühlpizzas und Suppendosen): „Nä“. Dieses Kind hätte ich gern in den Arm genommen und ihm ein Eis spendiert.

Was wollte ich schon immer einmal sagen? Aber es passte nie so wirklich – doch, da die Frage ja jetzt hier gestellt wurde, nehme ich die Chance beim Schopfe und sage es allen einfach mal:

Die meisten Eichhörnchen sind gar nicht geeicht.

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