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Das Legida-„Manifest“: Patrioten aller Länder, vereinigt euch!

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    Legida hat sich ein Manifest gegeben und spart dabei nicht an historischen Verweisen. Es geht um Geflüchtete, Medien und die Antifa. Im Kern bedient der Text das bekannte Narrativ: Nicht wir sind die Nazis, sondern die anderen. Die Sprachwahl und Ausdrucksform erinnert dabei eher an den Heroismus rechtsextremer Kreise und die NPD.

    Deutlicher kann man die Referenz kaum markieren: Wo das Original von Karl Marx und Friedrich Engels einleitend vom „Gespenst des Kommunismus“ sprach, heißt es nun in der Neuauflage von Legida: „Ein Gespenst geht um in Deutschland und Europa – das Gespenst des erwachenden Staatsbürgers.“ Zugleich markiert dieser Einstieg aber auch einen wesentlichen Unterschied. Im „Manifest der Kommunistischen Partei“ war im ersten Satz nur von Europa die Rede. Das ist einer nationalistischen Bewegung natürlich zu weit gefasst.

    Legida hat auf Facebook ein „Manifest“ veröffentlicht, das zeigen soll, wofür man steht und wer die Feinde sind, und dass man „jene, die noch getäuscht auf der anderen Seite stehen“, für die eigenen Ziele gewinnen möchte. Zunächst einmal ist diese Facebook-Notiz – genau darum handelt es sich streng genommen – jedoch eine Ansammlung von Erklärungen und Rechtfertigungen. Das übergeordnete Thema lautet: Wir sind keine Nazis und haben nichts gegen Flüchtlinge.

    Nazis erkenne man laut Verfassern an ihren Taten; also daran, dass sie Andersdenkende nicht respektieren, Denkverbote aussprechen und zur Gewalt aufrufen würden. Auf wen das zutrifft, sollen die Leser selbst beurteilen, heißt es am Ende. Freilich suggerieren diese Zeilen: Auf uns nicht. Wären die genannten Punkte hinreichend, um eine Person als Nazi zu identifizieren, gäbe es heute vermutlich deutlich mehr davon als noch vor 75 Jahren. Zur Beschreibung viel geeignetere Begriffe wie „Führerkult“, „Holocaust“, „Gleichschaltung“ und „Vernichtungskrieg“ finden keine Verwendung.

    Aber auch die eigene, vermeintlich maßgeschneiderte, Definition lässt Legida nicht allzu gut wegkommen. Am 11. Januar rief Tatjana Festerling öffentlich dazu auf, mit Mistgabeln gegen Andersdenkende vorzugehen. Diese Forderung wiederholte sie seitdem mehrfach. Zahlreiche Angriffe auf Journalisten sind bestens dokumentiert. Gäbe es die massive Polizeipräsenz nicht, die Legida-Teilnehmer strikt von Gegendemonstranten trennt, würde man wohl auch andere Zielgruppen ins Visier nehmen. Fasst man den Gewaltbegriff etwas weiter, so gibt es Gewalt auf jeder Legida-Kundgebung dutzendfach – verbal in Form von Hetze auf der Bühne oder durch Beleidigungen und Morddrohungen gegen die Presse während der Spaziergänge.

    Beweislastumkehr und Opfermythos bei Legida

    Wer pauschal von „Lügenpresse“, „Volksverrätern“ und „Gutmenschen“ redet, scheint Andersdenkende zudem kaum zu respektieren. Misst man Legida an den Worten und Kriterien ihres Manifests, handelt es sich bei den maßgeblichen Akteuren sozusagen um „selbsternannte Nazis“.

    Aus Sicht der Deutschnationalen sind die Nazis jedoch die anderen, da lässt die Wahl der Worte keine Zweifel. So ist von „schwerstkriminellen Gewalttätern“, die „in Manier der Sturm-Abteilungen“ agieren und „offenen Terror“ verbreiten könnten, die Rede. Tatsächlich sind gewalttätige Übergriffe gegen Legida-Teilnehmer oder Angriffe auf Polizeidienststellen nicht von der Hand zu weisen. Nur hat das alles mit Ausmaß, Struktur und Zielsetzung des Straßenterrors der historischen SA nicht viel gemeinsam.

    „Hätte es jemals ein Wort der Distanzierung von diesen Kräften gegeben?“, fragen die Verfasser des Manifests schließlich. Die Antwort lautet: „Nein!“ Eine glatte Lüge, vor dem Hintergrund des eigenen Schweigens zum Überfall von über 200 rechten Schlägern in Leipzig Connewitz am 11. Januar 2016 fast schon eine Selbstanzeige durch Legida. Sowohl Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) als auch das Aktionsnetzwerk „Leipzig nimmt Platz“ – um nur zwei zu nennen – haben sich hingegen nach den Ausschreitungen am 12. Dezember in der Südvorstadt von körperlicher Gewalt gegen Neonazis und Polizisten distanziert. Ersterer musste anschließend Kritik für seine Verwendung des Begriffs „Straßenterror“ einstecken, letztere sahen sich mit dem Vorwurf der „Entsolidarisierung“ von linken Aktivisten konfrontiert.

    Legida sieht sich dennoch in der Opferrolle, als Unterdrückte, die gegen die Unterdrückenden kämpfen. Bei Marx und Engels heißt es: „Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten.“ Da man bei Legida eher Lob als Tadel für deutsche Polizisten hört, sind es nun im Manifest ersatzweise und wie zu erwarten war die Medien, die zu „eilfertigen Lakaien der Mächtigen herabgesunken“ sind.

    Weil jene genau wie die „gleichgeschalteten Medien früherer Epochen“ vor allem „ganze Lügen und halbe Wahrheiten“ verbreiten würden, bezeichne man sie als „Lügenpresse“. Auch das ist eine interessante Umdeutung politischer Realitäten, waren es doch nicht die gleichgeschalteten Medien, die während der Zeit des Nationalsozialismus als „Lügenpresse“ bezeichnet wurden, sondern jene, die vorher frei berichteten. Auch hierin findet sich die gleiche Sehnsucht nach diktatorischen Verhältnissen und die Unterdrückung anderer Haltungen und Sichtweisen, als die, welche Legida-Anhänger auf selbst gewählten, einschlägigen Hetzseiten vorfinden.

    Legida übernimmt demnach ein weiteres Mal freiwillig die Perspektive der Nazis. Zusätzliches Indiz: Die im Manifest genutzte Sprache ist vom Heroismus rechtsextremer Kreise derart durchdrungen, dass es auch von der NPD stammen könnte. Wenn es in ihrem patriotischen „Manifest“ so etwas wie einen roten Faden gibt, dann ist es wohl dieser. Nur ist er in diesem Fall nicht rot, sondern braun – auch wenn Legida das wieder ganz anders sehen wird.

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    10 KOMMENTARE

    1. Wieder mal ’n Zitat:
      „Gegen eine Dummheit , die gerade in Mode ist, kommt keine Klugheit auf.“ Theodor Fontane

    2. „bleibt am Ende ja nur der Schwachsinn übrig“
      Eben – deswegen funktionieren gute und schlechte Werbung am Ende immer.
      Egal ob witzig oder schwachsinnig – die Botschaften bleiben hängen.
      Jede wiederholende Erwähnung schadet unter Umständen – und Gita ist ein solch schadender Umstand.

    3. Naja, der ganze Gida-Kram ist ja eine Endlosschleife. Wobei die Ticker dann wenigstens lustig waren, selbst wenn man nicht in Leipzig wohnt. Wenn schon so eine Schwachsinns-Veranstaltung, dann wenigstens intelligent begleitet. Sonst bleibt am Ende ja nur der Schwachsinn übrig.

    4. Ich denke, es kommt darauf an, WIE man darüber berichtet. Die Panikmache einiger Zeitungen ist da natürlich wenig hilfreich, die Ticker hier zeigen da eher ein realeres Bild. Das einer hasserfüllten, gewaltbereiten Gruppierung, die man zwar genau deshalb ernst nehmen muss, über die man aber trotzdem den Kopf schüttelt und beim lesen immer wieder schmunzeln muss. Und es gab zum Ticker ja auch immer wieder genug Hintergrundinfos, um sich ein komplettes Bild zu machen, das hab ich so noch nirgendwo gelesen. Das ist doch allemal besser, als etwas nicht zu beachten.

    5. „So kann zumindest niemand behaupten, nicht gewusst zu haben, wer und was da montags durch Leipzig läuft.“

      Vor 75 Jahren lagen die KZ unweit der Dörfer und Städte. Die Bewohner derer haben die Verbrennung der Juden gerochen.
      Es roch komisch – mehr nicht.

      Heute beklagen die Menschen in Deutschland die „Überpräsenz“ der AFD“ in den Medien.
      http://www.spiegel.de/politik/deutschland/forsa-umfrage-medien-berichten-zu-viel-ueber-die-afd-a-1078193.html
      Es nervt eben – mehr nicht.

      Man gebe einem Menschen, gleich ob rechtschaffend oder Idiot, ein Übermaß an Beachtung – er wird, in seine von ihm bestimmte Richtung wachsen.
      Ignorieren Sie einen Menschen – er wird eingehen.

      Es geht also, wie immer und bei allem, um die Dosis.

      Mir ist als Leser einer Zeitung (gleich ob Papier oder digital), der Unterschied von Titelblatt oder Seite 9 rechts unten, dabei sehr bewußt.

      AFD und die Gida’s schaffen es, nach meinem Empfinden, zu oft auf die Titelseite und das obwohl jeder den Gestank riechen kann.

    6. In erster Linie ist es halt Aufgabe der Medien, über Belange von öffentlichem Interesse (was Pegida und Legida ja zweifelsfrei sind) zu berichten und sie ggf. einzuordnen. Sich dafür zu entscheiden, über etwas gar nicht mehr zu berichten, wäre ein ziemlich drastischer Schnitt und meines Erachtens auch nur schwer zu rechtfertigen.

      Zudem kann man sowieso nur spekulieren: Wäre Legida größer oder kleiner, wenn es keine intensive Berichterstattung und keine Hunderttausend Gegendemonstranten gegeben hätte?

      Ich persönlich denke, dass wer solch menschenverachtende Inhalte wie Legida verbreitet, auch breit thematisiert werden muss. So kann zumindest niemand behaupten, nicht gewusst zu haben, wer und was da montags durch Leipzig läuft.

    7. Ich empfinde die mediale Dauerpräsens der Kaspertruppe als unklug.

      Es erinnert mich an den Klassenclown in der Schulzeit. Der hatte auch nur dümmliches von sich gegeben, hatte aber eine ebensolche Aufmerksamkeit auf sich gezogen und bekommen, wie heute die Gide-Pappnasen.

    8. Mal angenommen, ich hätte die letzten Jahre auf ner einsamen Insel verbracht und nichts von dem ganzen Gida-Kram mitbekommen – ich würd im ersten Moment wahrscheinlich denken, das wär ne schlechte Comedy-Produktion. Ich schwanke bei denen immer zwischen entsetztsein und kringeliglachen. Wie können erwachsene Menschen auf diese Kasperköppe reinfallen?

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