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Jüdische Sportgeschichte planiert: Bar Kochba – Denkmal unter Schutt beerdigt

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    Dass die Bauaktion auf dem Platz an der Dübener Landstraße ein Nachspiel haben wird, ist bereits klar. Seit zwei Wochen begradigen Baumaschinen den Sportplatz des ehemaligen jüdischen Fußballclubs Bar Kochba in Leipzig. Das kleine Denkmal am Rande ist nicht mehr zu sehen, Schutt und Geröll wurden einfach drüber gekippt. Offenbar soll hier, wo ein gehöriges Stück Leipziger Fußballtradition zu Hause war, zukünftig ein Parkplatz für das nahe liegende VW-Autohaus entstehen. Dabei waren offenbar Denkmal und eine kleine Mauer mit einem eingelassenen Davidstern ebenso egal, wie die Geschichte des Ortes an sich.

    Es ist ein Skandal, was da gerade passiert. Drunter wird dieses Thema wohl kaum zu debattieren sein, denn nicht wenige Leipziger hatten sich bereits seit Jahren darum bemüht, den Ort jüdischer Sportgeschichte in Leipzig in Erinnerung zu halten. Initiativen wie die „Initiative 1903“ gründeten sich, versuchten gar den Platz wieder bespielbar zu machen. Sie entdeckten auch die kleinen Überreste aus der Geschichte in Form eines Emblems an einer Steinmauer.

    Auch der Verein Tüpfelhausen e.V. setzte sich ein und begann 2015 sogar ein jährliches, international bis nach Israel und den USA beachtetes Kinder- und Jugend-Gedenkturnier namens „Max & Leo Bartfeld Pokal“, um das Gedenken an den Verein, herausragende Sportler und die Gründer Bar Kochbas wach zu halten. Gemeinsam hatte man zudem 2013 den Sportplatz freigelegt, um im November 2013 ein Freundschaftsspiel auf historischem Grund an der Dübener Landstraße auszutragen. Wie einst, als der Platz 1922 eröffnet wurde, traf eine Stadtauswahl aus Leipzig auf den damaligen Bar Kochba-Gegner Hakoah Zürich.

    Auch die Denkmalbehörde des Landes Sachsen schaltete sich ein und besichtigte mehrfach das jahrelang brachliegende Gelände, ein Schutz als wertvolle Stätte schien nah. Die Hoffnung der Initiativen und des Tüpfelhausen e.V.: an der Dübener Landstraße vielleicht sogar wieder aktiven Sport zu erleben, mindestens aber eine Gedenkstätte für die Zwangsauflösung des Clubs 1938, die Vertreibung und Ermordung jüdischer Sportler durch die Nazis errichten zu können.

    Der kleine Vorläufer ist unterdessen unter Schutt begraben, die alte Mauer mit dem Davidstern im Emblem ebenfalls. Die Initiative 1903 teilt auf ihrer Facebookseite mit: „Ein Schock ereilte uns am vergangenen Freitag. In einer banalen Mail berichtete uns ein Anhänger unseres Treibens, der einstige Sportplatz des SK Bar Kochba Leipzig würde mittlerweile nicht mehr brachliegen, sondern bebaut. Ihr erinnert Euch, 2012 begannen wir gemeinsam mit Tüpfelhausen – das Familienportal e.V. die ersten Forschungen zu dem Verein. Im Rahmen diverser Platzbegehungen, so auch bei den Dreharbeiten für das mdr-Magazin Lexi TV, stießen Christoph David Schumacher (Tüpfelhausen) und Sebastian Bona (Initiative 1903) auf diverse Zeitzeugnisse.“

    Der PLatz ist eingeebnet - ein Parkplatz entsteht. Foto: Privat
    Der Platz ist eingeebnet – ein Parkplatz entsteht. Foto: Privat

    Die Fragen der Initiative und nach L-IZ-Informationen längst auch der Stadträtin Skadi Jennicke (Die Linke), welche bereits heute das Bauordnungsamt der Stadt zum Vorgang und die Baugenehmigung anfragte: Sollen diese jetzt alle dem Bau zum Opfer fallen? Und – wer ist dafür verantwortlich, was da gerade auf dem Gelände geschieht?

    Vielleicht sollte man in der Fragestellung etwas weitergehen: Wie wird hier mit der Erinnerung an die Vertreibung der jüdischen Leipziger seitens des Bauherren und der Stadt Leipzig umgegangen? Ist ein Parkplatz wichtiger als ein Ort, an welchem die Möglichkeit einer Wiederbelebung eines Stücks Leipziger Geschichte möglich wäre?

    Aktuell sieht es ganz danach aus – der achtlose Umgang der neuen Bauherren und die Baufreigabe der Stadt Leipzig lassen Schlimmes ahnen. Die wichtigste Frage ist derzeit wohl, was da gerade auf einer Baustelle am Rande der Stadt zerstört und einfach einplaniert wird.

    Info: Der Gesamtverein Bar Kochba und damit auch die Fußballer waren ab 1933 stärkeren Repressalien ausgesetzt, auch wenn der Verein bei einer Untersuchung als nicht marxistisch eingestuft wurde. Trotzdem kam es vor, dass die Gestapo zu Beginn von Leichtathletikwettkämpfen auf dem Sportplatz erschien und deren Durchführung verbot. 1938 löste sich der Turn- und Sportverein Bar Kochba auf, auch weil viele Mitglieder bereits emigrierten, die Fußballabteilung bestand bis zum 29. März 1939 fort.

    Dann endete die letzte Generalversammlung des Vereins mit dem Singen der Hatikwah. Der Sportplatz wurde weit unter Einheitspreis an die Stadt verkauft.

    Auch 2016 findet der internationale „Max & Leo Bartfeld Pokal“ vom 1. bis 3. Juli 2016 statt.
    www.fussballbegegnungsfest2016.de

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