Gastmanns Kolumne: Palmarum

Es soll Menschen geben, die heute, am Sonntag vor Ostern, an Ostern denken. Mir fällt dann aber auch immer gleich Holger Zastrow ein. Was aber hat nun dieses nassforsche Urgestein der sächsischen FDP ausgerechnet mit dem Osterfest zu tun? Eine ganze Menge. Es hat sogar etwas mit der aktuellen Diskussion um unsere westlichen Werte zu tun, von denen keiner so richtig weiß, wann diese zum letzten Mal gesehen worden sind. Aber Hauptsache man verteidigt diese vor dem Islam.

Auch Zastrow kümmerte sich mit Leibeskräften um die westlichen Werte. Wenn ihm gar nichts mehr einfiel, auch besonders gern mit ebenso medienwirksamen wie sinnlosen Vorschlägen: Kurz vor dem Liebesaus der FDP mit dem sächsischen Landtag vor zwei Jahren verlangte Zastrow zum Beispiel erneut, doch endlich den 17. Juni 1953 als Feiertag für den – in seinen Augen obsoleten – Buß- und Bettag im November einzutauschen. Man muss entschuldigen, wenn ich dazu ein bisschen aushole:

Als ich kürzlich meine Mutter besuchte, stolperte ich beim Suchen nach den Servietten (darauf besteht sie nun mal) über ein Fotoalbum aus Mamas Jugendzeit in den 50er und 60er Jahren. Ein Album voller angegilbter Fotos, teils noch mit gezacktem Zierrand. Vielleicht kennt Parteispitze Zastrow so was auch noch von seinen Eltern. Meine Mutter sah ganz gut aus damals. Man ist als Kind ja immer ein wenig hybris-artig überrascht, dass es mal eine Zeit gegeben haben mochte, in der die eigenen Eltern offensichtlich auch nicht als sexuelle Antimaterie auf der Erdkrume herumzukriechen gedachten.

Oft zeigten die Fotos meine Mutter im Bikini am Ostseestrand. Dunkle kurze Haare. Modern geschnittene Sonnenbrille. Zigarette. Gute Figur. Ziemlich viel Busen, von dem sie mir bis heute verschweigt, wem sie diesen vererbt hat. Der Busen saß meist im Pulk mit anderen Frauen mit der gleichen Frisur. Nur in blond. Das war es aber nicht, was mich am meisten beeindruckte. Die Fotos waren natürlich nicht nur eingeklebt, sondern auch säuberlich beschriftet, was die Zeit und den Ort der Aufnahme anging.

„Pfingsten bei Uschi 1956.“ Oder „Fasching bei Ilse 1954“. Oder „Palmarum 1957 bei Jutta.“ Oder eben „Buß- und Bettag 1959 Krankenhaus Eisenberg“.

Das Jahr hatte irgendwie Struktur damals. Christliche Feiertage gaben ein Geflecht vor, in dessen Maschen man sich unhinterfragt bewegte. Natürlich: Frömmigkeit hatte der liebe Gott schon damals in unterschiedlichem Maße über die Menschen ausgeschüttet. Trotzdem akzeptierten noch viele, dass es tatsächlich das Christentum war, auf dessen Säulen unsere mitteleuropäische Kultur ihren Grund findet. Christliche Feiertage inklusive: Feiertage der Freude und Feiertage des Innehaltens und der Mäßigung.

Dass es damals in der noch jungen DDR bereits gar nicht mehr so leicht war, die christliche Wiege der heimatlichen Kultur zu schaukeln, zeigte unter anderem auch der Aufstand des 17. Juni 1953. Genauer gesagt: Die DDR-Führung übte massiven Druck auf die Kirche und deren Mitglieder aus. Viele Jugendliche erklärten unter Zwang den Austritt aus den Kreisen der Jungen Gemeinde und Tausende von Schülern wurden damals von ihren Schulen ausgeschlossen. Nicht nur, aber AUCH DESHALB hatten sich am 17. Juni 1953 in der DDR rund eine Million Menschen an Streiks und Demonstrationen beteiligt, um den Rücktritt der Regierung, freie Wahlen, die Freilassung der politischen Häftlinge und eine Anhebung des Lebensstandards zu fordern. Wie man auch in der FDP wissen wird: Bei der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste durch sowjetische Truppen und Volkspolizei kamen mehr als 50 Demonstranten ums Leben.

Ob Holger Zastrow an dieser Stelle etwas merken würde …?

Man kann nicht das EINE für das ANDERE eintauschen. Man kann nicht wahlkampffiebrig-populistisch die stärkere Gewichtung des 17. Juni 1953 betonen, ohne jene Buß- und Bettag-Feiernden zu brüskieren, die damals mehr Federn gelassen haben als ein Chlorhuhn.

Da aber nicht nur Feiertage ausgetauscht werden können, sondern auch Vorsitzende des Landesverbandes, scheint die Ironie der Geschichte augenblicklich den Treppenwitz vorzubereiten, dass Holger Zastrow in den kommenden Jahren vermutlich wieder mehr Zeit haben wird, über innere Einkehr und das Kirchenjahr nachzudenken.

Nachdenken wird ohnehin wieder in Mode kommen müssen. Da steht die FDP nicht allein. Auch andere Parteien haben einsehen müssen, dass man allein mit neuen Feiertagen, neuen Frisuren und neuen Partei-Logo-Farben den übersättigten Wähler nicht mehr hinterm Happy Meal vorkriegt. Der braucht mittlerweile Härteres. Will wieder Thrill, Angst und Unsicherheit suggeriert bekommen.

Der hat die FDP längst vergessen und gegen neue Parteien ausgetauscht. Vielleicht gelingt das mit einem Leichtgewicht-Evangelium, dessen Substanz in dem Kernsatz „Mehr Netto vom Brutto“ besteht, aber auch besonders leicht. Jetzt haben erst einmal die Missionare mit der Brechstange und dem noch lockereren Umgang mit der Geschichte freie Bahn.

Die begründete Abschaffung des Buß- und Bettages aber rückt damit in noch weitere Ferne.

Kolumne
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