Das Bildungsalphabet – Heute: U wie Unmündigkeit

Unmöglich, diesem Phänomen zu entgehen. Geradezu unumgänglich. Unmündigkeit. Und Mündigkeit. Das Antonym dazu. „Antonym? Klingt wie der große Bruder vom Enzym.“ Mensch, Max. Bleiben wir bei der Sache. In diesem Fall war es gerade das Persönlichkeitsmodell des „Inneren Teams“. „Erfinder“ ist der Hamburger Kommunikationswissenschaftler Schulz von Thun. Hilft Klarheit in der Kommunikation zu finden. Jeder sollte versuchen, seine inneren „Player“ zu erkennen. Lebendigkeit und Teamgeist. Interesse und Konzentration. Das stärkt Authentizität und Mündigkeit.
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„Und wenn man nun einen ‚inneren Schweinehund‘ in sich hat?“ fragt Christoph. „Den musst du überwinden. Vielleicht wechselst du ihn aus.“ Sage ich dann. Eine Idealvorlage. Da passte alles. Wie Manuel Neuer und Miroslaw Klose beim 1:0 im WM-Achtelfinalspiel 2010 gegen England. Traumtor.

Zugegeben, dieser Stundeneinstieg hat so nie stattgefunden. Bisweilen sieht man einen müden Angriff, die Chancenverwertung ist mangelhaft, die Abwehr leistet sich zu viele Foulspiele und beim Abseits …? Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters. „Ich korrigiere, also bin ich.“ Ständig ist der Lehrer gefordert, im Kopf das Paradoxon auszuhalten, das Schizoide seiner Rolle wird ihm, je reflektierter er wird, immer bewusster: Trainer und Schiri in einem zu sein. Coach und Kritiker, Trainer und Ringrichter in einer Person. Für das eine braucht er geistige und körperliche Fitness, als nimmt er mit einem Lächeln am Sportunterricht einer 10. Klasse teil; Reaktionsvermögen bisweilen, als gelte es, rechten Geraden von Muhammad Ali auszuweichen.

Für die andere Rolle genügt der Tugendkatalog, den vermutlich auch Nelson Mandela bei der Übernahme der Staatspräsidentschaft vorlegen musste: Gerechtigkeitssinn, Fairness gegenüber Jedermann, Geduld, Ruhe … das müsste es schon gewesen sein. „Ohne ihre Schuld geteilt zu haben, teile mit edler Resignation ihre Strafen und beuge dich mit Freiheit unter das Joch, das sie gleich schlecht entbehren und tragen. Durch den standhaften Mut, mit dem du ihr Glück verschmähest, wirst du ihnen beweisen, dass nicht deine Feigheit sich ihren Leiden unterwirft.“ Heißt es in Friedrich Schillers (Jetzt war der auch noch Pädagoge?) „Ästhetischen Briefen zur Erziehung des Menschen“ (1793). Na dann. Gilt das jetzt für den Coach oder den Schiri?

Trainer und Referee sind wir doch alle.

Stehen täglich vor unseren Möglichkeiten und Grenzen. Sehen sie vor uns, spüren sie in uns. Mal kämpfen wir gegen den Abstieg, in den Pausen träumen wir von der Schale, im nächsten Moment wird uns der Strafstoß verwehrt … Ständig im Bemühen, Resonanz zu erfahren. Bei den Zuschauern. Die aufs Spielfeld müssen. Das ist der Unterschied zum Bratwurstesser und Biertrinker im Stadion: Man muss mitmachen. Mitdenken. Hinterfragen. Bereitschaft zeigen, die drei Kernfelder des aktiven Eintretens gegen jegliches Aufkommen menschenfeindlicher Sprüche, Haltungen und Taten zu besetzen. Im Mittelfeld, Angriff und der Abwehr: Bildung – Reife – Attraktivität und Kraft zum Nicht-alles-Mitmachen. Jetzt bin ich live. Das steht wirklich an der Tafel, diese Nominalphrase starren die Jugendlichen an. „Was meinen Sie mit ‚Attraktivität‘?“ fragt mich Ariane. „Ok, ich weiß schon, was Sie meinen. Nicht nur ‚schön‘ sein, oder?“

Abgenickt. Halbzeit.

Es ist unsere Entscheidung, welche Spieler wir wann aufstellen, einsetzen, welche Position wir sie ausfüllen lassen. Irgendwann müssen wir auch ohne Trainerlizenz zur Erziehung fähig sein. Keiner kann sich dem entziehen. Das ist Mündigkeit, wenn ich das verstanden habe. Jung und klar im Verstand, gewachsen im Herzen. Dann ist man gereift. Aufgeklärt.

„Das hat doch der Kant gesagt!“ – „Kann schon sein …“ Ich versuche, etwas zu tricksen, nachdenklich zu tun, um das Nachforschen zu festigen. Innerlich bin ich angespannt wie ein Elfmeterschütze, möchte sehen, dass sie die Tore alleine schießen können. „Na klar, ‚Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit‘, sagt Kant.“ Grinst mich Stefan an? Egal. Wie seinerzeit beim aktiven Kicken sage ich mir: Es ist nur ein Spiel. Mein Übersteiger über den „inneren Schweinehund“ hat gesiegt. (Kommt der Name „Schweinsteiger“ da her?)

Immanuel Kant. Königsberger Philosoph. Moraldenker und Kritiker der „reinen Vernunft“. Passt in seine Zeit, der „Sattelzeit“ unserer Zeit. Lebte bis 1804 und ist nicht tot. Zeigte, dass der Mensch zur Kritik und Verhaltenskorrektur bestimmter „Player“ auf seinem „Spielfeld“ eigenständig in der Lage ist. Selbstbestimmt seine passende Aufstellung finden kann. Für das „Spiel“ mit Traum und Realität, Hoffnung und Resignation.

Das klingt wie klebrige Zuckerwatte denke ich, als ich sehe, wie Katharina im Kurs die Tränen in die Augen steigen. Was ist los? Sie fürchte sich immer mehr, wenn sie sieht, wie viele Menschenfeinde sich in den Straßen zeigen. Die anderen Menschen nach Leib und Leben trachten, wenn sie mit dem Feuer spielen. Sie wohnt doch schon so lange hier, kennt kein anderes Land, möchte hier nicht weg. „Das musst du auch nicht.“ Selten bewegende Momente. Das ist Bildung, die etwas mit dem Leben zu tun hat. Die bleibt.

„Weißt du, Katharina, der Kant hat noch etwas viel Genialeres gesagt. Es steht auf seinem Grabstein. Dort zeigt er uns, was wir zeigen und sehen können, uns und anderen erklären können. Dazu mehr demnächst. Heute nur so viel: Wenn die Zeiten kälter zu werden drohen, werden vielleicht die Nächte, wird die Wahrheit klarer.“

„Was steht denn auf seinem Grabstein?“

„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ (Immanuel Kant, Philosoph, 1724-1804)

Das Bildungsalphabet erschien in der LEIPZIGER ZEITUNG. Hier von A-Z an dieser Stelle zum Nachlesen auch für L-IZ.de-Leser mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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