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Gastmanns Kolumne: „Auch Deutsche unter den Opfern“

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    Früher standen die Menschen einfach am Morgen auf, machten sich eine Tasse Kaffee, schickten den Ehepartner zur Arbeit oder die nächtliche Begleitung nach Hause und guckten ein bisschen aus dem Fenster. Dann brach die Zeit an, in der man - statt aus dem Fenster zu gucken - den Laptop hochfuhr und sich erst einmal informierte, was für Wetter da draußen ist.

    Mittlerweile allerdings hat man davor fast ein bisschen Angst: Das Internet erläutert einem ja nicht nur das Wetter, sondern schließlich auch den Zustand der Welt. Und der wirkt bekanntlich zurzeit ein bisschen als sei Chefvisite auf der Palliativstation. Da meldet selbst die handfesteste seelische Festplatte – angesichts der Frequenz und Massivität der Katastrophenmeldungen – ein paar Speicherschwierigkeiten.

    Letzte Woche war noch Nizza, jetzt haben wir schon Würzburg und München hinter uns gebracht. Auch wenn dort bekanntlich einiges anders lief, als von der AfD herbeigesehnt. Vermutlich arbeitet man partei-intern gerade daran, wie man auch einen „stinknormalen Amoklauf“ für sich verbraten kann.

    Aber zurück zu den bad news, die uns im Jahr 2016 besonders zu beuteln scheinen. Prominente Wegbegleiter scheinen im Dutzend von dieser Welt gegangen zu sein, der Terror hat Europa erreicht, die Einschüsse – so kommt es uns vor – kommen wöchentlich näher und näher. Überall sind wir mit dem Ableben von Personen konfrontiert, der Tod wird uns mittlerweile gleich mit dem Frühstücksbrettchen ausgeteilt. Und es zeigt sich, dass trotz aller Globalisierung und Optimierungsindustrie der Mensch seine emotionale Reichweite noch immer nicht auf „unendlich“ stellen kann.

    Wir fühlen zwar, dass es NIE richtig ist für uns, wenn jemand geht. Dass Abschiede immer schmerzhaft sind. Aber wir lassen uns natürlich von gesteuerter Wahrnehmung leiten, ob wir wollen oder nicht. Die absurdeste Schlagzeile in diesem Belang ist für mich seit jeher „Auch Deutsche unter den Opfern“. Da fängt mein Feuer unterm Glutaeus maximus dann doch ein bisschen an zu lodern.

    Natürlich kann man niemandem verordnen, wer wann wo und wie für wen zu trauern hat. Betroffenheit ist eine ureigene Sache. Ich wünschte aber insgeheim, dass auch andere davon noch etwas abbekämen. Die Insassen der noch immer sinkenden Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer zum Beispiel. Da stirbt es sich ja auch noch regelmäßig. Menschen, die für uns weniger Gesicht haben, die womöglich weniger politische oder erotische oder politisch-erotische Gedichte geschrieben und seltener Platz in den Feuilletons der FAZ gehabt haben. Oder Filme für die Ewigkeit gedreht. Oder den Jahrhundertsong geliefert wie Prince.

    Aber Hoffnungen hatten sie sicher auch. Und Ziele. So diffus, eigennützig oder irrational sie auch gewesen sein mögen. Mal ehrlich: Der Grat zwischen persönlichen Hoffnungen und gesellschaftlichen Visionen ist schmal.

    Ich bleibe dabei, trotz aller Seminare für positives Denken:

    Es gibt Grund zur Traurigkeit auf dieser Welt. Trauer um nicht gelebte Leben. Trauer um Menschen, denen es nicht vergönnt war, der schönsten Meilensteine auf unserer irdischen Reise angesichtig zu werden. Die vielleicht nicht mal Elternliebe spürten. Die nie erste Erfolge bejubeln konnten. Beim Laufenlernen, in der Schule, beim Begreifen von irgendetwas. Nie Vergnügen hatten in der Gemeinschaft mit anderen. Aus einer Situation heraus. Die nie Herzklopfen verspürt haben aufgrund des plötzlichen Alleinseins mit einem Menschen, den man zu mögen beginnt. Die nie Stolz empfunden haben, weil sie jemandem aus der Not helfen konnten. Die keine Familie gründen konnten, nie mit mildem-glücklichen Blick des Abstands des Alters auf Kinder und Enkel schauen werden.

    Mit Verlaub: Das ist und bleibt eine Tragödie. Es ist auch ganz egal, ob ein Mensch simpel war oder gescheit. Um das, was er NICHT gefühlt oder angezündet hat bei anderen, lohnt sich jede Träne. Für jeden Menschen. Ob mit oder ohne Pass. Ob mit oder ohne Impfung. Ob mit oder ohne Smartphone.

    Auch deswegen fahre ich morgen und übermorgen wieder den Laptop hoch, schaue ich wieder in die Zeitung. Wenn das Leben – und Sterben –  der anderen sichtbar wird, wenn der Nabel der Welt nicht nur gepierct ist, sondern plötzlich auch Umgebung hat, dann macht die Lügenpresse vielleicht in vielen Fällen doch einen verdammt guten Job. Oder?

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