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Gastmanns Kolumne: Bodycheck – Gedanken einer Fußball-Unsachverständigen

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    Vaddi brauchte gestern Abend sicher seine Tropfen: Das Viertelfinale zwischen Jogis Jungs und der Squadra Azzurra war nüscht für schwache Herzen: „Eine Reise in den Süden ist für andere schick und fein, doch elf hübsche Italiener wolln noch nicht zuhause sein.“ Mit diesem leicht verbrämten Conny-Frobess-Text lässt sich das gestrige Drama im Elfmeterschießen der deutschen und italienischen Mannschaft wohl zusammenfassen. Wie viele Herzinfarkte wohl die Notaufnahmen verstopften?

    Aber auch das Blut gemäßigterer Gemüter geriet in Wallung: Feuerwerkskörper gingen in die Luft, der Nachbar rumpelte in der Bude oben drüber herum,  als habe er zehn Zyklopen zu Gast, hupende Autokorsos mit den Deutschland-Fähnchen läuteten den anbrechenden Sonntag ein. Erklärte man Fußball zur Stunde zur neuen Staatsreligion, Deutschland hätte im Handumdrehen wieder Werte. Und Boateng wird ohnehin Wort des Jahres. Das hat man sich im Gauland möglicherweise anders vorgestellt. Sicher aber ist stets: Der ansonsten emotional eher sediert wirkende deutsche Volkskörper erfährt während der Fußballmeisterschaften sichtlich und immer wieder die time of his life.

    Ich bin als Frau natürlich fein raus: Ich muss beim Fußballgucken nicht durch Co-Trainerqualitäten glänzen und irgendetwas Feinsinniges grölen wie: „Über die Mitte müsst ihr gehen!“, „Ja, hinten dichtmachen – das können die Itaker!“ oder „ Hrubesch – das war noch ein Kopfballungeheuer!“

    Ich darf mich durch mein genetisch vorprogrammiertes Nichtverständnis dieses Spiels ganz an den Begleiterscheinungen ergötzen. Wortspiele inklusive. Zum Beispiel darf ich mich dem als naiv geltenden Gedanken hingeben, warum es immer wieder so interessant ist, wenn 22 junge Spieler, die optisch allesamt fast den geschmeidig-schönen, gesunden Jünglingen nahe kommen, die man im alten Griechenland so gern als Vasengemälde zweckentfremdete. Warum also –  im Großen und Ganzen – identisch fitte, identisch hübsche und identisch siegeswillige Männer sich 90 Minuten auf einem endlos erscheinenden Spielfeld um einen Ball streiten. Selbst Berti Vogts – wir erinnern uns: der Nationaltrainer, bei dem man sich einen Griff in den Schritt nicht mal vorstellen wollte – musste im Vorfeld des Viertelfinales eingestehen: „Sicherlich kann Italien auch Deutschland besiegen, sicherlich kann es auch ein Elfmeterschießen geben.“

    Diese dem Wettkampfsport innewohnende Banalität macht mich immer fast fertig wie andere ein verschossener Elfmeter: Es ist nun mal so: Treten zwei Teams gegeneinander an, gewinnt eines und das andere verliert. Voilà, c’est la vie.

    Bei keiner anderen Sportart aber drängen sich so viele unpassende Parasiten mit ins Bild wie beim Fußball. Wir müssen hier noch nicht einmal über diese Wahnsinnigen reden, diese allerorten auftauchenden prügelnden Fans, die sich gebärden sich wie Neandertaler auf Crack, wobei man sich beim Neandertaler posthum für diesen Vergleich entschuldigen müsste.

    Bleiben wir nur bei der wohl privatesten Sache des Menschen: dessen Körper. Sind die Körper der Fußballer nicht das Wirtstier für eine Blase von Sportfunktionären, deren Größe sportweltweit ihresgleichen sucht? Körper überdies, die ohne ständigen ärztlichen Beistand kaum noch für einen einfachen Hausputz funktionieren würden? Körper, über die man dann irgendeine Flagge wehen  lässt – im Fall der Deutschen bedauerlicherweise auch noch eine von äußerst unästhetischer Farbzusammenstellung – und manchem einer abzugehen scheint, wenn aus diesen Körpern auch noch irgendeine seltsam anachronistisch wirkende Nationalhymne erklingt?

    Hängt mich höher, aber: All das wirkt auf mich leider nur wenig euphorisierend.

    Man verstehe mich nicht falsch: Ich habe weder etwas gegen Fußball als Sport an sich noch gegen die Vielzahl der Menschen, die aus diesem ein offenbar nicht geringes Maß an Lebensfreunde zu gerieren scheinen. Aber letztlich bleibt es rätselhaft: Dem menschlichen Körper in seiner Gesamtheit, mit allem bewunderungswürdigen Zusammenspiel von Muskeln und Nerven, welches die anmutigsten Bewegungen ermöglicht, lassen wir eine nur geringe Aufmerksamkeit zukommen. Inklusive der öffentlichen Darbietung dieser wirklich einmal nahezu unfassbaren Ästhetik.

    Wahrscheinlich müssen uns erst die ersten Ausschreitungen prügelnder Fans nach einer Aufführung von „Schwanensee“ darauf aufmerksam machen, dass auch Tanz ein verdammt hartes Geschäft sein kann.

    Der menschliche Körper verdient im Grunde viel mehr eine Hymne als jegliche Nation. Man muss ja nicht immer hinten dichtmachen. Es reicht doch, wenn man es obenrum ist.

    Mit der eskalierenden Brutalität der Fans bekommt die Vorbildfunktion der Spieler mehr Bedeutung. Harte Strafen müssen sein, sie allein werden aus rauen Profis aber keine Vorbilder machen. Fußballer kommen aus derselben Gesellschaft wie ihre Anhänger. Sollen sie sich wie Engel benehmen, müsste ihr Sport ein unschuldiges Spiel werden. Das ist eine Utopie.

    Und ausgerechnet dieses Zeitalter verfällt auf die gottverlassene Idee, die messbare, in einer einzigen Zahl mitzuteilende Leistung zum Maßstab des Menschenleibs zu erheben. Ein Wunder ist es, wie die Bewegungsabfolge des Rennens, ja des bloßen Gehens im Zusammenspiel von Muskeln, Skelett, Nerven, Gleichgewichts- und Gesichtssinn den sich Bewegenden in jedem Sekundenbruchteil an den Abgrund des Sturzes und sicher darüber hinweg trägt. Dass der schnellste Mensch es dabei auf 9,8 Sekunden über 100 Meter bringt, scheint im Vergleich dazu unwichtig. Ja es lenkt das Augenmerk eher auf den Umstand, dass ihn dabei das lahmste Moped von hinten über den Haufen fahren könnte. Die Athleten kommen angereist aus aller Welt, um den Unterschied zwischen 35,7 und 36,1 km/h auszutesten, in Flugzeugen, die leicht die zwanzigfache Geschwindigkeit erreichen. Es ist lächerlich.

    Anders kann es auch gar nicht sein, wenn es allein auf die Hundertstelsekunde ankommt – das schaffen allein mit Chemie vollgepumpte Profis. Den allseits geschmeidig ausgebildeten, schön-gesunden Jünglingen, die das alte Griechenland so gern auf seine Vasen malte, wären die Medaillen von heute unerreichbar. In manchen Sportarten kommen überhaupt nur Freaks zum Zuge; manche, die heute Kugeln stoßen, waren vor hundert Jahren als bärtige Damen gegen Eintritt zu besichtigen. Längst sind die Spitzensportler in viele Haustierrassen zerfallen, die einen züchtet man auf Brust, die anderen auf Keule, und damit haben sie ihren Zweck erfüllt.

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