Gastmanns Kolumne: Gedanken zum Beginn des neuen Schuljahres

Es stimmt mal wieder hinten und vorne nicht: Der Sommer nimmt gerade wieder Fahrt auf, während die Ferien mancherorts bereits ihrem Ende entgegeneilen. Sachsen kommt in diesem Jahr besonders früh in die Puschen: Morgen beginnt hier das neue Schuljahr. Immerhin: Wer schulpflichtige Verwandte in Bayern hat, konnte diesen im Sommer 2016 besonders zuverlässig aus dem Weg gehen.

Außerdem zeigte sich wenigstens der Sommersamstagabend gestern besonders versöhnlich mit der Menschheit. Alles sah danach aus, als werde der August wenig holzig im Abgang werden. In Leipzig saß man entweder mit der Mischpoke auf Klappstühlen mit Hussen im Park, feierte Schulanfang und nicht selten damit auch den letzten glücklichen Schultag für das kommende Jahrzehnt, oder teilte sich mit aus dem Umland Hereingebrochenen die erstaunliche Grille, Klassik-DVDs in Kombination mit gastronomischer Versorgung auf dem Marktplatz zu konsumieren.

Der Rest lutschte auf Freisitzen flüssige Campinos, blonde junge Frauen in fragwürdiger orthopädischer Haltung starrten auf Steinen sitzend auf ihr Smartphone, vor dem Bachdenkmal ließ sich ein Luftgitarre spielender Mann von seiner Freundin ablichten. Wer auf Wiesen saß, dem wurde spätestens mit Beginn des Sonnenuntergangsvorspiels schon etwas der Popo feucht. Ungewohnt frühabendlich fröstelnten nackte Schultern noch fremdelnd mit Fröstelei in der plötzlichen Frische.

Der Gedanke an den Schulstart fällt schon aus solch einer Stimmung heraus verständlicherweise nicht ganz leicht. Niemandem vermutlich. Weder den Schülern, die sich naturgemäß nur ungern vom dolce far niente verabschieden, um sich allmorgendlich erneut in ein um sie herumgestricktes Netz aus Regeln, Rangordnung und Stundenplan hinzubegeben, noch den in Sachsen verbliebenen Lehrern, die sich nicht weniger oft davor fürchten, sich in dem seltsam verknoteten Seil aus Gesetzen, Ziffern und Paragraphen zu verfangen, an dem sie sich nicht immer ganz mühelos durch den Berufsalltag zu hangeln haben.

Dennoch: Bei aller Vorsicht gegenüber der ab morgen erneut anfallenden Pflicht, möchte ich rufen: Hey! Es ist doch ein Anfang. Und ich bleibe dabei, dass Anfängen gefälligst ein Zauber innezuwohnen hat. Ich liebe sie dafür. Ich liebe die Reinheit und Unverdorbenheit des Tages um sechs Uhr in der Frühe. Ich liebe frische Buchseiten, deren Cover man sauber einschlägt in eine Folie. Ich liebe Hefte, in denen es einen Vordruck gibt, der mich auffordert, meinen Namen und meine Adresse hineinzuschreiben. Ich mache das noch heute. Wie unter Zwang. Mit Notizbüchern zum Beispiel, obwohl mir noch nie eines abhanden gekommen wagte und mir zurückgebracht werden musste. Es ist dieser hoffnungsvolle Anflug an Geordnetheit, welche einem das Gefühl vermittelt, als sei alles strukturierbar, wenn man nur überall säuberlich seinen Namen verewigt, der so beflügelnd ist.

Aber auch ohne beschriftendes Treiben scheinen Anfänge – auch Schulanfänge – für vieles gut zu sein: Man könnte sie als Startschuss sehen, die Gedankenhygiene mal wieder ein bisschen ernster zu nehmen vielleicht. Sich mal erinnern, wie einem als Kind oder nur wenig später zumute war. Wie man täglich ein ganz klein bisschen Unsicherheit mit zur Schule trug, weil man am Morgen nie wusste, wie die Menschen um einen herum wohl mit einem umgehen werden. Weil man noch keinerlei Peilung hatte, wie mit denen zu verfahren war, die vorgaben, „Standpunkte“ zu besitzen, auch wenn diese einem Kreis mit dem Radius Null glichen. Sich der ermüdenden Routinen zu erinnern: Hausaufgaben machen und Klassenarbeiten schreiben, Prüfungen durchzittern. Aber das gehört zum Spiel, was man Schule nennt.

Und auf fatale Weise ist diese für fast anachronistisch anmutendes Festhalten an Althergebrachtem fast schon wieder liebenswert. Dass man immer noch nicht vom Auswendiglernen langer Gedichte abgerückt ist und diese als unwirtschaftlich und unzeitgemäß abstempelt, weil derjenige, der etwas auswendig lernt, gerade nicht konsumiert. Dass sie Weltliteratur noch nicht für obsolet hält, obwohl die Welt, aus der diese Werke stammen, heute längst nicht mehr existiert.
Dass man im Geographieunterricht noch immer nicht dazu übergegangen ist, unwichtige Länder von wichtigen zu unterscheiden und dass komplizierte Kontinente wie Europa noch immer ihren Platz im Lehrplan finden. Dass man im Sportunterricht noch immer nicht ausschließlich auf etwas Nordic Walking mit Southern Comfort baut.

Alles Dinge, die in der Schule über einen langen Zeitraum gerettet wurden. Zusehends schlechter und lückenhafter, keine Frage. Aber noch hält das Netz. Noch kann man darauf aufbauen.

Deshalb morgen: Neustart. Heiter bleiben. Montagshasserei ist Verschleuderung von Lebenszeit. Ressentiments auf andere Wochentage verteilen oder ganz weghauen. Und vor allem: Begrüßen wir neue Stufen zur Abwechslung einfach als das, was sie sind – als etwas Gutes, etwas Interessantes, als etwas Natürliches. Nicht auf jeder Etage lauert ein bissiger Hund hinter einer Tür. Oder wie Hesse kaum nachahmbar formulierte:

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.

Wer das ansatzweise hinzukriegen vermag, der wird wohl ganz zum Schluss dem Leben nicht allzu viel ins Beschwerdebuch zu schreiben haben. In diesem Sinne: Guten Start ins Schuljahr allen Betroffenen!

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