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Gastmanns Kolumne: Gedanken zur Finanzierung von Kurt Biedenkopfs Tagebüchern und zu verpassten Chancen

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    Leipzig, 24. November 2015. Liebes Tagebuch, ob du dereinst mit Hilfe des Freistaates Sachsen unter Einsatz von 307.900 Euro publiziert werden wirst, erscheint mir fraglich. Ich würde es ehrlich gesagt auch nicht wollen, vieles wäre mir ein bisschen peinlich, nicht nur des Geldes wegen.

    Kurt Biedenkopf hat aber Glück gehabt diesbezüglich. Seine Tagebücher sind für die genannte Summe entstanden. Mehrbändig versteht sich. Der Ministerpräsident Tillich, sagt er, habe ihn dabei freundlich unterstützt damals. Glücklich erwähnt er es im Vorwort.

    Tagebücher für so viel Geld machen zweifelsohne ein bisschen neugierig. Da müssen ja Erkenntnisse, Erfahrungen und Schlussfolgerungen nur so sprudeln, dachte ich aus einer grundoptimistischen Laune heraus so bei mir und ging hin: Zur Vorstellung der Biedenkopf-Tagebücher durch ihn höchstselbst ins Haus des Buches, das an diesem unwirtlichen November-Abend nur mittelmäßig besucht war, die hinteren Reihen lichteten sich gar, ungehindert konnten sich ein paar Gedanken Platz verschaffen: „Und dann rief mich Lothar Späth um ein Uhr nachts an“, verrät uns Kurt Biedenkopf sehr bald nach seiner Inauguration als Chef-Vorleser dieses Abends. Er spricht über seinen Startblock, der ihn ins Amt des sächsischen Ministerpräsidenten katapultiert hat, damals in den 90ern, als er jede Vorlesung nach zwei Stunden beenden musste, weil die schlechte DDR-Luft seiner Stimme so zugesetzt hatte.

    Er habe es nicht richtig gefunden, dass (Achtung Kalauer!) Späth so früh angerufen hatte für … eine Entscheidung. Wie diese ausfiel, wissen nun alle wahrlich zur Genüge. Sonst wären wir ja nicht da. Trotzdem: Er macht es nicht ganz ungeschickt, der 1930 Geborene, die Anwesenden davon zu überzeugen, dass alles, aber auch alles richtig war, was er in seinem langen Leben so vorausgesehen, vorausgeahnt, in Bezug gesetzt und in die richtige Bahn gebracht hat. Er heuchelt eine Art Interesse für den Ostdeutschen, haut mit einer Menge prominenter Namen auf den Putz.

    Zwischendurch ruft Ingrid aus der ersten Reihe: „Trink doch mal einen Schluck!“, als Kurt sich einmal sehr räuspern muss. Ganz so, als sei auf der Prager Straße draußen urplötzlich ein Braunkohletagebau instandgesetzt worden. Kurt nimmt man nichts mehr übel. Er ist ein alter Mann, der für seinen Jahrgang noch einigermaßen geradeaus sprechen kann. Man will ihm nichts Böses mehr.

    Trotzdem bleibt man seltsam unangezündet zurück: Eine Fragerunde, eine Diskussion am Ende? Fehlanzeige. Es ist auch nicht nötig. Das Gros der Zuhörer findet alles prima, was Kurt sagt. Die Frau mit der Kurzhaarfrisur vor mir nickt alle drei Minuten bestätigend, zum Schluss fast enthusiastisch. Insofern bleibt alles beim Alten, auch wenn Kurt ganz am Ende erstaunlich klar sagt, dass wirtschaftlicher Wachstums-Glaube wahrscheinlich Mist ist und nicht mehr aufrechtzuerhalten. Dafür hat er nun 85 Jahre gebraucht.

    Zurück bleibt ein Lese-Abend ohne Erkenntnisgewinn, außer der Bestätigung, dass Wessis „an Silvester“ sagen. „An nächstem Ausgeh-Abend“ will ick lieber Disco, und zwar mindestens so lange bis Lothar Späth anruft.

    Nachtrag Januar 2017

    Ich bin Kurt nicht böse. Auch heute nicht. Ich neide ihm auch nicht die rund 300.000 Glocken, die er für sich und seine publizierten Erinnerungen verbraten lassen hat. Vielleicht liest das ja wirklich jemand. Vielleicht hockt irgendjemand in Pirna oder Clausnitz oder Oschatz allabendlich mit der Gattin auf dem Kanapee und liest ihr aus Kurts Tagebüchern vor. Zartheit und Verführung sind sehr individuelle Dinge im Leben der Menschen, ich weiß.

    Trotzdem tut es mir leid. Um die Kohle. Oder besser: um die verpassten Chancen, für die man die Summe seitens des Landes auch hätte einsetzen können.

    Damit meine ich noch nicht einmal konkrete Vorhaben pragmatischer Art. Ich barme nicht der nicht gebauten neuen Schulen oder Straßen oder neu zu errichtender Arbeitsämter wegen. Ich finde schon, dass man Geld auch einmal für etwas einsetzen kann, was zunächst keinen greifbaren Nutzen zeitigt, bei Kurt wurde dies ja auch gemacht.

    Aber hätte man für die mich immer noch beeindruckenden 307.900 Euro nicht auch einmal was wagen können? Hätte man nicht einfach mal eine Handvoll mit den Hufen scharrender Künstler, Angestellter, Studenten, Philosophen, Pflegedienstler,  Dichter, Bestattungsinstitutsmitarbeiter, die das Leben oft von hinten aufgerollt zu hören kriegen, Musiker, Pfarrer und Oberhäuptlinge sämtlicher anderer Religionen, Gastarbeiter verschiedener Generationen, meinetwegen auch ehemalige Politiker (ja, selbst die!) etc. für drei, vier  Monate sich in ein Nirgendwo verziehen lassen und ein paar wirkliche Ideen gebären lassen können? Für einen mal wirklich frischen und neuen Weg? Einen Weg, der Menschen mit Visionen trägt, die nicht zwangsläufig alles niederreißen oder für dämlich erklären, was zurückgelegte Strecken angeht?

    Menschen aber, die sich nicht davor scheuen als naiv gescholten zu werden, weil sie noch immer und trotz allem an eine Verbesserbarkeit des Menschen und damit an die Schaffbarkeit gerechterer, solidarischer Verhältnisse glauben. Menschen, bei denen sich zumindest der Verdacht leise erhärtet, dass der Kopf nicht allein der Haare wegen da sei. Menschen, die eingesehen haben, dass es keine Gruppenmoral gibt („America first“, „Zuerst ans eigene Volk denken!“), sondern eine einzige allgemeingültige Moral für jeden Menschen. Für jeden.

    Menschen, die zumindest davon ausgehen, dass es eine neue Generation braucht, die friedlichen Herzens einsieht, dass wir auf der Welt voneinander abhängen, ob wir wollen oder nicht. Dass wir nicht einen auf Alleingang und souveräner Staat machen können, dass wir die Religionen nicht gänzlich abgeschottet voneinander sehen und leben können. Allein Tschernobyl oder Fukushima, das Ansteigen der Meeresspiegel, Massenmigrationen oder auch ein mutmachender Slogan „Yes we can“ weisen auf eine zumindest lose Verbindung der Menschen untereinander hin und auf deren Angewiesenheit aufeinander.

    Eine solche Arbeitsgruppe hätte man finanzieren können. Die miteinander arbeitet, Sport macht, reflektiert, isst, diskutiert, aufschreibt, Altes aufgreift, neu durchrüttelt, verwirft, säuft, liest und entwirft. Eine erste kleine konkrete Schrift, entwickelt für eine neue Politik eines freundlichen Staates. Es ginge überhaupt keine Gefahr von einem solchen Vorhaben aus. Oder doch?

    Ich jedenfalls würde zur Veröffentlichungs-Lesung rennen. Und zum ersten Mal in meinem Leben „Kartenvorverkauf“ in Anspruch nehmen. Ich schwör.

    Am liebsten aber müsste ich das gar nicht. Weil ich am liebsten selber dabei mitgemischt hätte.

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