Manchmal ist das journalistische Arbeiten wie Pingpong-Spielen. Da macht man sich – angeregt durch ein paar rumpelige Gedanken in einem Buch – Gedanken über das Leben, das Universum und den Sinn des Ganzen, kommt nicht gleich dazu, die Fortsetzung zu schreiben. Und siehe da: Ein Kollege im Wissenschaftsressort von „Spiegel Online“ schaut mal, wie das wirklich ist mit der Angst vor dem Tod bei Gläubigen und Atheisten.

Die diversen Studien, die es gibt, laufen auf ein großes Unentschieden zwischen Gläubigen und Atheisten hinaus. Und die meisten Probleme haben augenscheinlich Menschen, die aus ihrer Ungewissheit einfach nicht herauskommen, oder wie „jme“ schreibt: „Wer dagegen keine klare Vorstellung davon habe, was ihn nach dem Tod erwartet, tue sich besonders schwer mit dem Gedanken daran.“

Das ist natürlich wieder so ein ganz und gar anthropozentrischer Satz, bei dem einem sofort das herrliche Bild vom Gevatter Tod in den Sinn kommt, wie er da mit seiner Sense wartet, um den Hingerafften irgendwo hin zu führen. Selbst in unserem Sprachgebrauch lauern die alten, mythischen Vorstellungen, die auch den Tod selbst mystifizieren.

Dabei geht es die ganze Zeit ums Leben, um diese kleine Zeitspanne, die uns geschenkt ist, auf dieser Welt zu sein, diese Welt mit allen Sinnen zu erleben.

Die meisten Leute, die über das Jenseits philosophieren, entwerten diese geschenkte Zeit, tun so, als sei sie nur Müh und Qual, Ärger und Verdruss.

Das war Jahrhunderte lang auch Absicht. Ganze Religionswelten waren nur dazu da, den Regierten und zur Arbeit Verdammten das Nachdenken darüber auszureden, dass alles, was wichtig ist, diesseits des letzten Stündleins passiert, nicht jenseits. Das Christentum hat es wohl am Weitesten getrieben. Und es hat auch dafür gesorgt, dass Millionen Gläubige in schlimmstem Bangen lebten, denn das schöne Danach ward ihnen ja auch nur versprochen, wenn sie sich diesseits brav unterwürfig, regelkonform und demütig verhielten.

Was besonders gut funktionierte, weil diejenigen, die die Regeln der Unterwürfigkeit durchsetzten, immer auf einen Höheren verweisen konnten – den Ungreifbaren und Unangreifbaren da oben irgendwo über den Wolken. Der würde am Ende aller Tage zu Gericht sitzen. Und jeden wägen nach seiner erworbenen Seligkeit. Bis in den letzten, schlimmen Gedanken hinein.

An Luthers Leben ja sehr einfühlsam dargestellt in Joachim Köhlers Buch „Luther!“

Der ganze strenge Paternalismus des Mittelalters verband sich mit einer unbarmherzigen Drohung an alle Gläubigen: Dieser allwissende Gott sehe alles, würde die von ihm geschaffenen Geschöpfe bis in den letzten Hintergedanken hinein ausforschen und auch jede nur gedachte Sünde bestrafen. Unbarmherzig. Kein Ort zum Verkriechen.

Wirklich seltsam wird es erst, wenn man diese Art Denken wirklich bis ins letzte Fitzelchen zu Ende denkt. Was ist das für ein Schöpfer, der seinen Geschöpfen erst die Freiheit gibt, „Nein“ zu sagen, gegen Regeln zu verstoßen, und sie dann trotzdem für alle Abweichungen vom „einzig gültigen Glauben“ bestraft, zu „Sündern“ macht, in Barmen und Unsicherheit stürzt? Denn ob einer dann tatsächlich alles richtig gemacht hat, erfährt er ja erst am Jüngsten Tag.

Ist dieser Gott ein Sadist, um mal Heinz-Werner Kubitza zu zitieren. Oder ist er vielleicht ein Typ von der NSA, der seine Geschöpfe nicht aus der Kontrolle lässt und auch die leiseste Spur von Zweifel, Widerspruch oder gar „sündigen“ Gedanken bestraft?

Na ja, es ist wohl eher die Lust von Beichtvätern, die so das Denken und Handeln ihrer Schäfchen kontrollieren können.

Aber …

Es hat nichts mit unserem Leben auf dieser Erde zu tun. Es ist ein von Menschen erfundenes Kontrollinstrument. Und es hilft den Schäfchen nicht die Bohne, sich weniger zu fürchten.

Wobei: Gibt es einen Grund zur Furcht?

Ist der Tod so fürchterlich?

Jüngst erst stolperte ich wieder bei einer dieser kleinen statistischen Pressekonferenzen darüber, als das Thema Lebenserwartung zur Sprache kam und eine kluge Statistikerin meinte: „Es ist ja schön, dass alle immer älter werden.“

Wirklich?

Die Lebenserwartung der Leipziger steigt und steigt und steigt: Konnte ein 2005 geborenes Mädchen in Leipzig mit einer Lebenslänge von 82,0 Jahren rechnen, so waren es 2014 schon 83,5 Jahre. Aber nicht nur die Frischgeborenen können mit „mehr Leben“ rechnen. Auch heute schon gibt es immer mehr Alte, Sehralte und Superalte. In der Zeit, als Luther barmte, hatten die meisten Menschen eine Lebenserwartung von bestenfalls 40, vielleicht 50 Jahren. Nur die Reichen und Mächtigen konnten mit 60, 70 Jahren rechnen. Da galten sie dann schon als Greise. Heute fahren ja sogar 90-Jährige noch Radrennen und versuchen, den 100-Meter-Weltrekord zu knacken. Über 5.000 LeipzigerInnen sind über 90 Jahre alt und älter.

Aber die meisten haben gar keinen Anteil mehr an unserem Leben. Sie verbringen diese ganzen letzten, leeren Jahre in Seniorenheimen.

Und das finden etliche Politiker sogar gut.

Ich nicht.

Es ist, als würden alle erwarten, dass die ewige Verlängerung so eines Lebens irgendeinen Sinn macht, einen Inhalt hat oder die Über-Lebenden gar zu besonders glücklichen Menschen machen würde. Ist das wirklich so?

Mir ist keine Umfrage bekannt, die das einmal erforscht hätte, was alle diese Superalten eigentlich noch vom Leben haben, sich wünschen, womit sie diese vielen letzen Tage füllen – wenn nicht nur mit Warten und Dulden. Sofern das Gehirn überhaupt noch mitmacht.

Nein, es ist eben nicht einfach schön, dass Menschen einfach nur irgendwie alt werden. Sinn macht das nur, wenn sie jedes Jahr mit wirklichem Leben füllen können. Was etwas Anderes ist als Vegetieren oder Gelebtwerden. Und dafür gibt es Grenzen – körperliche, oft auch psychische. Das wirkliche Leben sollte eigentlich vorher passieren. Und da sind wir bei der Frage: Lohnt sich die Angst vor dem Tod überhaupt? Macht sie irgendeinen Sinn?

Oder ist es nicht eher unsere Angst vor Verlust? Denn nicht die Gestorbenen haben ja verloren (zumindest nicht, wenn sie vorher ihr ganzes volles Leben gelebt haben), sondern die Zurückbleibenden. Sie sind es, die einen geliebten Menschen verloren haben, ein Wesen, mit dem sie persönlich eng verflochten waren.

Aber was verliert der Mensch, der stirbt, „alt wie ein Baum“, wie die Puhdys sangen?

Die Wahrnehmung der Welt endet. Keine Frage. Man ist nicht mehr da, das, was uns zum Ich macht, was „Ich“ denkt, verschwindet, löst sich, wenn die Stromkreise in unserem Gehirn aufhören zu flackern. Das, wovor Religionen so erschrecken: „Da verschwindet doch was!“

Nein. Nicht wirklich. Nur ein Prozess geht zu Ende, der im guten Fall 60, 70 Jahre das pralle, schöne Leben auf der Erde immerfort verarbeitet, einsortiert, reflektiert und strukturiert hat. Der in ganz reellem Sinn da war, präsent in einer bezaubernd großen Welt. Und das auch genossen hat – mit allen Sinnen.

Na gut: Das sind erst mal nur Worte. Immerhin ist unsere Welt so groß, dass manche Leute aus der Angst vor dem Unfasslichen gar nicht herauskommen.

Und aus lauter Angst verweigern sie sich selbst, so richtig zu leben. Damit ist nicht rücksichtsloses Drauflosleben gemeint, dieses so viel Gepriesene „an die Grenzen gehen“ und „das Limit austesten“. Das ist etwas anderes. Aber richtiges Leben beginnt ja mit Da-Sein-Wollen mit aller Wahrnehmung: mit allen Sinnen und aller Neugier auf das, was man in diesem kurzen Zeitraum Weltpräsenz alles sehen, erkunden und begreifen darf.

Zu denen, die sich das nicht trauen oder wagen, gehören nicht nur die Verzichtenden, sondern auch all jene, die ihre Angst vor dem wirklichen Leben hinter Ersatz-Leben verstecken: Macht, Gier, Konsum, einem ganzen Bündel von Verweigerungen, Abgrenzungen, Ausgrenzungen. Sie fliehen regelrecht in den Ersatz, weil sie es nicht anders gelernt haben. Weil ihnen eine ganz andere Angst anerzogen wurde: Die Angst vor einer wirklichen Begegnung mit dem Reichtum unserer Welt.

Wer es nicht glaubt, muss sich nur umschauen, mit wie vielen Verboten, Vorurteilen und Ängsten viele unserer Mitmenschen herumlaufen.

Auch das ist eine Art Trostlosigkeit. Denn: Wie soll man leben, wenn man voller Ängste ist, aber nicht weiß, wie man Trost findet? Wenn einem das niemand beigebracht hat?

Die Frage mal nach alter Manier falsch gestellt: „Wo findet man Trost in dieser Welt?“

„jme“ zitiert Jonathan Jong von der Coventry University. „Möglicherweise seien sie grundsätzlich furchtloser und neigten deshalb auch weniger dazu, Trost in einer Religion zu suchen, so Jong.“ Nämlich die Atheisten.

Augenscheinlich geht es gar nicht um Trost, sondern um etwas völlig Anderes: Den Mut, sein eigenes Leben zu leben und diese Welt so zu lieben, wie sie ist. Wir haben ja keine andere.

Was man einigen Mitmenschen augenscheinlich nicht beibringen kann: Sie benehmen sich, als würde ihnen später noch eine andere Welt geschenkt. Und sie trampeln auf diesem kostbaren kleinen Stück Weltall herum, so blind für seine Einzigartigkeit, dass man durchaus entsetzt sein darf.

Mal so gefragt: Müssen wir uns das gefallen lassen?

Und – uns geduldend – alt und greise werden, um dann mit der Ahnung, das Wichtigste schlicht versäumt zu haben, die letzten Minuten vertun?

Doch nicht wirklich.

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Nun ja, “Ersatz-Leben”, Angst vor der wirklichen Begegnung mit dem Reichtum dieser Welt und Ängste, Verbote und Vorurteile in einen Topf zu werfen dürfte ein bißchen viel sein. Und falsch auch, weil etwas miteinander verknüpft wird, was nicht miteinander zusammenhängt. Es sei denn man meint, der Sex mit dem Partner des Nachbarn habe einen Zusammenhang mit dem CO2-Anstieg.

Was uns “Not tut”, ist mehr Freiheit. Freiheit im Geiste und im Wollen. Freiheit im Miteinander. Mehr Anarchie. Auch hier fälschlicherweise gern mit Chaos gleich gesetzt. Denn Freiheit in diesem Sinne bedeutet immer auch den Respekt vor der Freiheit des Anderen. Darin findet meine eigene Freiheit ihre Grenzen.
Wenn ich dessen Freiheit beachte, und zwar ohne äußeren Zwang, das bedeutet Anarchie im Grunde, dann benötige ich keine Verbote, hätte nichts zu befürchten und könnte mich frei entfalten. Meine Kinder in diesen Sinne für ihr Leben befähigen und damit bestenfalls auch eigene Ideen, Gedanken in das “Danach” weiter transportieren.

So sind Menschen aber nicht. Damit wir uns nicht die Schädel einschlagen, brauchen wir Ver- oder Gebote. Die ersten 10 sind ja ein Eingeständnis über die Natur des Menschen.

Wir müssen uns nichts gefallen lassen. Gar nichts. Doch ohne Regeln und Verbote, die natürlich auch mit Ängsten arbeiten, können Menschen unmöglich zusammenleben.
Nur mit diesen, uns selbst gegebenen, Regeln können wir unseren Fortbestand sichern und uns gegen einen auch von Menschen geführten, die wiederum eigene Interessen haben, Staat wehren.
Diese Regeln können aber nur unseren langfristigen Fortbestand zum Ziel haben. Keine kurzfristigen Gewinne. Egal ob diese aus Lust (Naturverbrauch für Events, Konsum) oder simplen monetären Gewinn bestehen.
Ohne diese Regeln gäbe es das Recht des Stärkeren. Nämlich demjenigen der über das Geld verfügt und dessen Büttel, dem Staat.

Man darf nicht nur entsetzt sein, man muß es. Man darf sich nicht nur wehren, man muß es.
Das Wichtigste ist die eigene Freiheit, die Jeder hat und jeder zu respektieren hat. Nämlich die des Anderen.

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