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Warum Freiheitsdenkmäler in Leipzig keine Chance mehr haben

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    Natürlich hat uns niemand die Revolution gestohlen in dem Sinn. Es kam kein Erdogan an die Macht und ein Trump blieb uns vorerst auch erspart. Aber wer weiß. Das Gefühl, dass das alles noch kommen kann, wird von Jahr zu Jahr stärker. Es war dieser Gedanke ans vergeigte Freiheits- und Einheitsdenkmal, der das wieder verstärkt hat.

    Denn wenn man sich alle Aktionen rund um dieses Leipziger Denkmal genauer betrachtet, wird relativ deutlich, dass dieses Denkmal von den Leuten, die in Leipzig die Deutungshoheit darüber haben, nie gewollt war. Von Anfang an nicht.

    Das war ganz ähnlich wie in Berlin. 2007 wurde die finanzielle Ermöglichung des dortigen Denkmals vom Bundestag beschlossen, ein Jahr später gab es den Folgebeschluss für Leipzig, 2009 dann den Stadtratsbeschluss, der das Projekt auf ein Gleis schob, das ich eigentlich nur noch das „Expertengleis“ nennen mag.

    Gleich der erste Punkt des Stadtratsbeschlusses vom 17. Juni 2009 lautete: „Der Oberbürgermeister wird beauftragt, ein Auslobungsverfahren für die zwei Standorte Augustusplatz und Wilhelm-Leuschner-Platz einzuleiten. Dabei sind die Auslobungsunterlagen möglichst so zu gestalten, dass die Erfahrungen des Berliner Wettbewerbs vermieden werden.“

    Die Berliner hatten eine Art völlig offenen Wettbewerb gemacht, bei dem dann lauter blödsinnige aber auch witzige Ideen eingesandt wurden – darunter auch die erwartbaren Trabis und Bananen.

    Dumm nur, dass niemand in den Leipziger Gremien auch nur auf die Idee kam, untersuchen zu lassen, WAS eigentlich falsch gelaufen war. Denn eigentlich war in Berlin nur eines klar: Die Ergebnisse gefielen den politischen Würdenträgern nicht. Das war ihnen alles nicht ernsthaft genug.

    Man hatte mal wirklich „das Volk“ mitnehmen wollen – und dann gefiel den Amtswaltern die etwas unseriöse Phantasie des Volkes nicht. Man machte dann das Gegenteil und verfasste ein so enges und starres Wettbewerbsregularium, dass man Phantasie und Humor gründlich ausschloss.

    Man schrieb es nicht dazu, aber unübersehbar war der zweite Wettbewerb ein politischer Misstrauensbeweis gegen das ach so unseriöse Volk. Und das Wiedererwachen von etwas, was man eigentlich historisch entsorgt glaubte: den politischen Kontrollzwang. Fortan wollte man keinen Schritt im Wettbewerb mehr aus der Hand geben. Und das Verblüffende steckt schon im Leipziger Beschluss von 2009: Genau das wollte man auch so machen.

    Und der Stadtrat spielte dieses Spiel mit, mit allen Windungen, die dazu führten, dass diverse organisierte Workshops stattfanden und allerlei Expertengremien ihre Meinung einfließen lassen konnten. Am Ende gab’s dann eine Ausschreibung, die eine Art Platzgestaltung für den kahlen Wilhelm-Leuschner-Platz wünschte, die irgendwie (aber bitte ohne klassische künstlerische Formen) etwas Bedeutsames zur Friedlichen Revolution zeigen sollte.

    Wie dann sogar noch ins Jury-Verfahren „helfend“ eingegriffen wurde, haben wir ja detailliert beschrieben.

    Aber die Krux war von Anfang an, dass sich gerade der OBM die Sache an keiner Stelle aus der Hand nehmen lassen wollte. Immer wieder intervenierte seine Verwaltung – schon als es um die Standortfrage ging. Das Ergebnis war ein Wettbewerb, der vor allem eine Spezies nicht mehr meinte: Künstler, für die das Schaffen hochemotionaler Bildwerke das Lebenselixier ist. Kein einziger beteiligte sich am Wettbewerb – sie kamen einfach nicht vor.

    Logisch, dass dann allerlei Installationskunst die vorletzte Wettbewerbsphase beherrschte. Nur: Die sprach niemanden an. Die Leipziger liefen stirnrunzelnd durch die Ausstellung und fragten sich nur noch, was das sollte und wer für diese Leere eigentlich verantwortlich war.

    Eigentlich war es diese Ausstellung, die in all ihrer Konstruiertheit zeigte, dass die Revolution abhandengekommen war. Entsorgt in einem politischen Getriebe, das nur noch sich selbst sieht und Eines ganz bestimmt nicht mehr haben möchte: kreative Überraschungen, egal, von wem. Weder bei der Vision für ein wirklich zündendes Denkmal noch für einen überraschenden Ort.

    Im Grunde hat man sich nicht nur den kompletten Denkmals-Prozess angeeignet. Man hat sich auch die Idee der Revolution einverleibt, sie quasi verstaatlicht. Auf dass ja nichts Unvorhergesehenes passiert.

    Ist ja auch nicht. Wer derart stringent jede Lebendigkeit und Phantasie herauspresst aus einer Idee, der sorgt dafür, dass sie an Inhaltsleere stirbt. Was übrigens auf die Friedliche Revolution selbst auch zutrifft. Sie ist tot, zu Tode verwaltet und in billige Aufkleber verwandelt. Den Innen-, Ordnungs- und Sicherheitspolitikern überlassen worden. Wo noch ein Rest von der damaligen „Leipziger Freiheit“ eingefordert wird, wird er mit Verweisen auf Gesetze und Besitzrechte zermahlen. Wer es nicht geschafft hat, eine kreative Idee in ein selbsttragendes Unternehmen zu verwandeln, wird immer weiter verdrängt aus dem Stadtraum.

    Da geht es den Unangepassten wie den Künstlern selbst.

    Wann hat Leipzig zuletzt eine neue künstlerische Plastik im öffentlichen Raum eingeweiht? Als wäre Leipzigs Stadtraum sprach- und geschichtslos geworden. Der öffentliche Raum gehört dem Konsum. Und den Konsumierenden. Die Aufregung, die das Jahr 1989 mit sich brachte, dieses Gefühl, dass jetzt Dinge möglich werden, ist weg. Regelrecht wegverwaltet und wegbeschlossen. Oder wegreguliert.

    Wegverdammt ins Reich der Anarchie. Weil Anarchie immer das Erstarrte infrage stellt. Kurzzeitig auch die Machtgleichgewichte aus dem Lot bringt und einer Stadt einen Bewegungsmoment gibt, der weit in eine mögliche Zukunft verweist. 1989 war auch ein Jahr voller Zukünfte.

    Und nun? Nun soll das „Denkmal“ wieder mal für eine Platzgestaltung herhalten. Was bis 2019, dem nächsten runden Jahrestag, natürlich auch nicht gelingen wird. Wer alles kontrollieren will, erzeugt zähe Verwaltungsprozesse, die in der Regel zu langweiligen und phantasielosen Ergebnissen führen.

    Kreativität geht schneller. Aber dazu müsste man auch den Mut haben, sich von richtigen Künstlern einmal richtig überraschen zu lassen.

    Oh nee. Das ist gefährlich. Machen wir nicht.

    27 Jahre haben völlig gereicht, den kreativen Geist der Revolution zu Tode zu verwalten. Herzlichen Glückwunsch. Lesetipp: Gogols „Der Mantel“.

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    1 KOMMENTAR

    1. Die Überschrift suggeriert, daß es eines (weiteren) Freiheitsdenkmals bedürfte. Ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung scheint dazu anderer Ansicht zu sein.

      Vielleicht war es auch das, die Verwaltung wollte keine „kreative Überraschung“. Allerdings wollte die Verwaltung wohl mehr als das nicht, daß die Betroffenen ihre Meinung sagten. Gar umsetzten. Zum Beispiel gar kein (weiteres) Denkmal wollten – das wäre ja noch schöner!
      Diese vermeintliche Revolution ist auch nicht den „Innen-, Ordnungs- und Sicherheitspolitikern überlassen worden“ sondern der Tourismus- und Marketing Leipzig GmbH. Und das ist deutlich schlimmer! Wird damit doch die Sicht auf die „Revolution“, das Leben und die Welt offenbar!
      Vielleicht ist damit diese „Revolution“ dort angekommen, wo sie hin gehört. Hat sich quasi selbst verkauft. Mit den Protagonisten.

      Anarchie gab es in Leipzig noch nie. Jedenfalls nicht nach ’89. Es gab eine Zeit der Regellosigkeit, eine Zeit, in der das Recht des Stärkeren galt. Aber keine Anarchie. Die kennt keine Herrschaft und damit keine Macht. Auch nicht die des Stärkeren.
      Genau so wenig, wie etwas „überreguliert“ ist. Gott sei Dank gibt es Regeln für den Umgang miteinander und im Verhältnis zum Staat. Sonst herrschten Willkür und Chaos – m.a.W. Anomie.
      Wenn diese Verwaltung etwas ermöglichen will, findet sie immer „kreative“ Lösungen. Bis hin zum Rechtsbruch. Siehe gewerbliche Gewässernutzung. Es ist mithin keine Frage der Regulierung.
      „Leipziger Freiheit“ war schon immer ein Synonym für Willkür.

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