Mahlzeit!

Gastmanns Kolumne: Mut zur Lücke

Für alle LeserVor einigen Jahren versuchte die DUDEN-Redaktion im Verbund mit dem Getränkehersteller Lipton in gespielter Verzweiflung das Antonym für den Zustand durstig zu finden und bewies damit auf eindrucksvolle Weise wie Sprachentwicklung NICHT funktioniert. Das in der Ausschreibung ermittelte Wort SITT erwies sich innerhalb der Sprechergemeinschaft der Deutschen als das, was die Einführung der Mercedes A-Klasse für die Automobilindustrie gewesen war – als fulminanter Rohrkrepierer. Das mag auch die einzig hinreichende Erklärung dafür sein, dass Urkrostitzer nicht sofort einen Wettbewerb zum Finden eines Wortes ausgerufen hat, das die Angst vor Bierknappheit verkörpern soll.
Artikelserie "Gastmanns Kolumne" - Teil 134 von 142

Es funktioniert bei sprachlichen Konventionen offenbar doch ganz passabel, der populistischen Aufforderung „Mut zur Lücke!“ nachzukommen. Besteht denn tatsächlich Grund, sich auf den durchaus reich bestellten Feldern unserer Muttersprache aufzuführen wie ein Sexualstraftäter auf Freigang, dem – sobald sich irgend eine Leerstelle vor ihm auftut – nur grunzend einfällt: „Lücke füllen, Lücke füllen“?

Sehr anschaulich zeigt dies wohl der misslungenste und miefigste Versuch einer Lückenfüllerei innerhalb unserer Grußformellandschaft. Es kann nur Unvermögen und grobes Desinteresse am sprachlichen Wohlklang gewesen sein, wenn man sich aufgrund eines in der deutschen Sprache nicht gängigen „Guten Mittag“ das kantineske „Mahlzeit“ ausbedungen hat … „Mahlzeit!“ Ja, Mahlzeit! Mahlzeit, das klingt wie: Da hast du es! Oder wie „Gottseidank, Vormittag schon vorbei!“ oder wie „Essen fassen!“

Wer MAHLZEIT sagt, der sagt auch SÄTTIGUNGSBEILAGE. Der hat auch keine LIAISON, sondern eine BEZIEHUNG, der träumt auch vom GESCHLECHTSVERKEHR  und MACHT Liebe: „Mahlzeit, Schatz. Und häng deine Sachen noch schnell auf den Bügel.“

Ohnehin werden die meisten Mahlzeiten meines Erachtens stark überschätzt. Die Henkersmahlzeit, die wohl perverseste Form eines kulinarischen Versuches  z. B. gehört dazu. Naturgemäß richtet sie im Normalfall nicht mehr viel Schaden an. Vitaminreich muss sie nicht mehr sein. Abwaschen muss man auch nicht mehr. Ein Essen aber, von dem einem nicht mehr schlecht werden kann, kann unmöglich Freude machen.

Trotzdem würde es mich nicht wundern, wenn im amerikanischen Süden Illustrierte im Umlauf wären, die kalorienreduzierte Henkersmahlzeiten präsentieren, denn, hey, das letzte Hemd ist schmal geschnitten!

Auch das Weihnachtsessen mit dem Chef ist meist doch nichts anderes als ein rutschiges Parkett zum peinlichen verbalen Ausgleiten und die Möglichkeit für angeschickerte Sachbearbeiterinnen, endlich mal vom Vertriebsleiter im auberginefarbenen Zweireiher ordentlich getackert zu werden.

Apropos Weihnachten: Im Grunde wirken Mahlzeiten, die irgendwie ein Ritual des Wartens zu unterstreichen scheinen, recht sympathisch. Obwohl sich das am niedersten Glied der alkoholischen Nahrungskette nicht recht zeigen will: dem Glühwein, einem Gesöff, das einen am Morgen danach mit einem gefühlten 5 kg schweren Hirntumor aufwachen lässt? Vielleicht tröstet es ein wenig, dass wir offensichtlich nicht allein mit dieser Vorliebe auf der Welt zu sein scheinen. Etwa 40 Millionen Liter Glühwein sollen die Deutschen angeblich alljährlich im Advent verkonsumieren. Ich traue Statistiken selten über den Weg, doch dieser bin ich gewillt, blind zu glauben.

Ich habe das Gefühl, spätestens Ende Oktober ist es so weit. Die Weihnachtsmarktbetreiber scharren mit den Hufen und scheinen symbolischen Schaum vor dem Munde zu haben, wie ein brünstiges Gorilla-Männchen, das man bis zum Totensonntag mit Gewalt zurückhalten muss, bis ihm die Türe zum Weibchen aufgemacht wird. Eine Minute nach Mitternacht am Totensonntag strömen sie herbei – wie aus einer geheimen Parallelwelt – die Glühwein-Enthusiasten aller Geschlechter, Parteizugehörigkeiten und Altersklassen.

Am Glühweinstand sind schließlich alle gleich: ob Chef oder Chef-Sekretärin, ob Impfgegner, Sozialdemokrat, Eigen-Urin-Therapie-Begeisterte, Chorsängerinnen, Nagelstudiobetreiberinnen, Bahncard-Inhaber, Kleingarten-Vereinsvorsitzer, Quotenprofessorin oder KFZ-Mechatroniker a.D. Hier sind alle ganz Schluckspecht, hier dürfen sie es sein. Wann gibt es schon eine charmantere Legitimation zum Komasaufen nach Büroschluss als zur Adventszeit?

Auf ganzer Linie überflüssigen Ruhm jedoch heimst erfahrungsgemäß das Frühstück am Morgen danach ein. Meinethalben mag es ein paar spärliche gelungene Beispiele geben, bei denen es mit der anatomischen Komparatistik am Vorabend ganz gut gelaufen ist und man auch noch im hormonell beruhigten Zustand, fröhlichen Gemüts von den körperlichen zu eher kulinarischen Genüssen hinüberschwelgt.

Seien wir aber ehrlich: Meistens ist dies NICHT der Fall.

Am widerlichsten aber ist die Erfindung des Brunches. Der Brunch ist die SA unter den Mahlzeiten, der mahlzeitgewordene Inbegriff des Unwohlseins. Um am späten Vormittag irgendwo mit der ganzen Mischpoke dort aufzutauchen, wo schon andere Leute herumöden, mit hochgepuschten Kindern, die Jette und Ruben-Eduard heißen.

Menschen, deren Methode, die Welt zu begreifen ein Doppelklick ist, die sich geplante oder vergangene Snowboard-Urlaube, Fengshui für den Carport, Rafting-Erlebnisse, die neueste App für den beutellosen Staubsauger, Afterworkparty-Exzesse, Yoga-Kurs-Bekanntschaften oder Nahtoderfahrungen um die Ohren knallen, während man zum fünften Mal zu einem Gemeinschaftsmarmeladen-Pott und dem Rührei-Rechaud zum Tresen schreitet.

Denn all-you-can-eat ist keine Option, das ist innere Verpflichtung, auch wenn die Bauch-Aorta beinahe platzt, und das alles auch noch bei künstlichem Deckenlicht während draußen ein blassgelbes Mittagslicht vom Himmel ejakuliert, dann will ich RENNEN. Ganz schnell und ganz weit weg. Und den entsetzlich grauen Schleier der Einsamkeit von mir reißen, der sich in solcher Atmosphäre über mich legt. Brunch macht mich nicht satt.

Er macht mich sitt. Mahlzeit!

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Kolumne
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