Der Versuch einer Handreichung

Gastmanns Kolumne: Susanna und wir

Für alle LeserAlter Spalter, das war eine Woche! Der Mord an der vierzehnjährigen Susanna aus Mainz vermochte eine ohnehin schwer gespaltene Nation noch mehr zu entzweien. Bundestrainer allerorten und aller Couleur, in welche Himmelsrichtung man sich auch immer wandte. Nur eines einte sämtliche Seiten: Rasch war man mit Urteilen, Forderungen nach Konsequenzen und vor allem Schuldzuweisungen bei der Hand. Allzu rasch, wie ich meine. Genau darum wird es in dieser Kolumne gehen.

Vorweg: Selbstverständliches wird nicht aufgegriffen werden: Dass dieser Tod überflüssig war, dass das ganze Mitgefühl den Eltern und der übrigen Familie des jungen Mädchens gilt, dass das alles unfassbar ist. Wie jede Handlung, bei der jemand einem anderen ans Leben will. Und vielleicht aufgrund der Jugend des Mordopfers noch ein bisschen unfassbarer, wäre „unfassbar“ überhaupt steigerbar.

Fassbar aber sind die Begleiterscheinungen dieses Verbrechens: Ganz Deutschland sitzt auf der Couch und leidet unter der eigenen Meinung, die sich nach Belieben hochkochen lässt. Meinungen sind ja bekanntlich fragile Geschöpfe. Heute heiß, morgen schon ganz lauwarm. Gestern links, heute schon ein wenig am rechten Rand balancierend.

Oder im Jahr 2016 noch knallhart wie Gauland, der damals „die grausamen Bilder an den Grenzen aushalten“ und sich „nicht von Kinderaugen erpressen lassen“ wollte, während er selbstbewusst hinzufügte, dass man politische Auseinandersetzungen führen solle … „ohne dass man für kriminelle Handlungen anderer verantwortlich gemacht werden würde.“

Dass er das nur für sich selbst und seine Partei realisiert sehen wollte, sagte er vorsichtshalber noch nicht dazu. Es kam anders. Das wissen wir nicht erst seit der Rumpelstilzchennummer der AfD in den vergangenen vier Tagen.

Zunehmend fühlen die Menschen: Soziale Netzwerke und die Konjunktive der BILD („Wenn er abgeschoben worden wäre, … würde sie noch leben.“) meidet man besser unmittelbar nach einem solch furchtbaren Ereignis wie Hannelore Kohl die Sonne. Sie tun einem einfach nicht gut.

Falls wir wirklich noch daran interessiert sind, unserem Umgang miteinander wieder einen freundlicheren Anstrich zu geben, müssten wir dann den digitalen Fastentag nicht exakt an solchen Stellen beginnen? Nicht unbedingt.

Vielleicht wäre es schon ein Schritt in eine lebenswertere Welt, nach der Kenntnisnahme eines solchen Vorfalls fünf Minuten mit dem Hund oder dem Kanarienvogel an die frische Luft zu gehen, während man tief ein- und ausatmend bis zehn zählt? Und dann einfach ein bisschen in sich hineinhört und abwartet, ob das Hirn irgendeinen Laut von sich gibt? Oder sich sogar mit einem gechillten, kommunikativen und vor allem geistreichen Gesprächspartner ein bisschen ins Cafe setzt?

Keine Frage: Ohnmachtsgefühle sind nicht gerade Seelenmassage und irgendwo muss man auch hin mit diesen Scheißgefühlen, aber müssen sie uns zwangsläufig doof machen? Müssen wir uns entblöden, sofort nach den ersten „Online-Fotostrecken“ aus Wiesbaden zu rufen: „Seht ihr! Das habt ihr nun davon! Ihr, die ihr die Grenzen geöffnet habt, macht euch mitschuldig an diesen Anschlägen! Ihr Gutmenschen seid schuld an dem Scheiß.“

Müssen wir dies und ähnliches wirklich in die Welt hinausplärren, immer nur auf der Suche nach einem der schuld … schuld … schuld ist ..?

Vielleicht liegt der Schlüssel auch darin, dass wir in der Geschichte der Welt damit ganz schön viel Energie sinnlos in die Luft gepustet haben, anstatt ein paar Phantasien zu entwickeln, die das Potential zur Gestalt haben ..? Schuldzuweisungen sind etwas sehr Bequemes und zugleich ziemlich gefährlich auf lange Sicht: Weil sie die Kette der Gewalt aufrechterhalten, Mauern manifestieren und vielleicht noch höherziehen.

Ich weiß, dass einige wieder zu ihren ebenso ambitionierten wie faden Rufe ansetzen: jene, in denen das Wort „Gutmensch“ vorkommt. Oder einem Verblendetheit vorwerfen. .. Verzeiht, aber: Is mir egal, is mir egal … :-).

Multipel ist die Erfahrung, die ich gemacht habe, dass Verzeihenkönnen etwas bringt. Multipel ist ja immer gut irgendwie. Ich bin auch überhaupt kein Gutmensch. Schon gar kein guter. Mein Weg ist befleckt. Wie der von jedem anderen auch.

Ich mache auch noch Rest-Temperament aus in mir, das mich die Fäuste in der Tasche ballen lässt. Bedauerlicherweise aber nicht aus Gründen, die im Trend liegen. Nicht gegenüber denen, die die Grenzen geöffnet haben, obwohl sie sich des Dilemmas Mitmenschlichkeit versus potentieller Sicherheitsgefährdung bewusst waren und doch nicht anders konnten, als so zu handeln wie sie es sie taten.

Eher gegenüber solchen von folgendem Kaliber: den Bauspekulanten, Spezialisten für Abschiebungen und Räumungsklagen im tiefsten Winter, den Bürokraten mit ihren Stempeln und Formularen, die wie ferngesteuert über menschliche Schicksale, über Biographien bestimmen, die „toten Seelen der Bürokratie“ wie es Umberto Eco einmal mehr so treffend beschrieb. Kompliziert wird es nicht zuletzt dadurch, dass selbige nicht selten eine Schnittmenge mit den Grenzöffnern haben. Von ihnen sogar genährt werden. Oder wiederum diese bis mit vor Wut hochrotem Kopf bekämpfen.

Aber Hände sind in erster Linie nicht dazu da, geballt zu werden. Hände sollte man einander reichen. Oder andere schöne Dinge mit ihnen tun. Nur eines kann man mit ihnen nicht: Man kann einem anderen nicht eine innere Haltung töpfern. So sehr man das möchte. Man muss sie selber mit allem leben, was an einem dranhängt: Nicht-Vollverurteilung des anderen, eher auf Deeskalation anstatt auf Aggression aus sein, eher auf Suche nach Verbindendem als nach Trennendem. Es zumindest versuchen.

Zur Klarheit: Ich will die Welt gar nicht retten, könnte es auch nicht. Aber ich will sie ganz gern von uns verschont wissen. Das gleiche wünschte ich mir vom Umgang des Menschen mit dem Mitmenschen. Das reichte mir schon.

Kolumne
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Foto: Ralf Julke

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