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Warum wir stolz sein dürfen auf zwei gelungene Revolutionen

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    Am Mittwoch, 24. Oktober, gibt es um 18:30 Uhr im ehemaligen Stasi-Kinosaal der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“ eine ganz besondere Buchpräsentation. Die Autoren des Buches „Lob der Revolution. Die Geburt der deutschen Demokratie“ Lars-Broder Keil und Sven Felix Kellerhoff stellen ihr Buch vor und erklären auch, warum wir endlich ein Lob für diese Revolution finden sollten, statt der üblichen Verachtung.

    „Nichts ist so hartnäckig wie ein schlechter Ruf“, heißt es eingangs im Buch. Doch genau damit wollen die Autoren Lars-Broder Keil und Sven Felix Kellerhoff aufräumen. Sie wollen einen Perspektivwechsel schaffen.

    „In Wirklichkeit handelt es sich bei der Revolution von 1918/19 um den wohl am meisten unterschätzten Erfolg der jüngeren deutschen Geschichte. Natürlich ist sie nicht unblutig abgelaufen wie der friedliche Aufstand der Menschen in der DDR, der 1989/90 zum Sturm des SED-Regimes geführt hat. Aber gemessen an den Verhältnissen der Zeit ist es erstaunlich, wie gewaltarm der Umsturz vor 100 Jahren die jahrhundertealte Herrschaft der deutschen Monarchie hinweggefegt hat.“

    Das Buch haben wir hier besprochen.

    Bis heute ist der Blick auf die Revolution vom 9. November 1918 durch all das, was danach kam, verstellt – die blutigen Angriffe von links und rechts. Den einen ging die Revolution nicht weit genug, sie wollten gern bolschewistische Zustände – und sorgten damit erst dafür, dass die neue Demokratie massiv in Gefahr geriet. Die anderen hassten die Demokratie und taten alles dafür, sie zu unterminieren.

    Was dann 1933 zum Scheitern der Weimarer Republik führte. So bekam diese erste wirklich lebendige Demokratie in Deutschland einen doppelten Makel – den Linken war sie nicht revolutionär genug, und die Rechten holen ihre alten Waffen gegen die Demokratie wieder aus der Kiste und versuchen wieder ein Roll-back, wie sie es 1933 schon einmal geschafft haben. Mit den bekannten furchtbaren Folgen.

    Deswegen haben auch die Historiker der jüngeren Vergangenheit selten bis nie gewürdigt, was in diesem seltsamen November 1918 eigentlich erreicht wurde. Sie haben den Vorgängen, die ja nun eindeutig eine Ablösung der alten Herrschaftsverhältnisse und die Gründung einer echten Republik samt Verfassung bedeuteten, sogar den Rang einer Revolution abgesprochen.

    Irgendwie waren ihnen wohl die Reden nicht feurig genug, das Volk nicht siegestrunken genug oder die Barrikaden zu klein. Und es passte so schön in die alte Märchenerzählung, die Deutschen könnten einfach keine gelungene Revolution zustande bringen.

    Da war immer die französische Revolution von 1789 das große Vorbild. Ohne dass den Autoren auch nur dämmerte, dass jede einzelne französische Revolution immer auch ihr Roll-back erlebte. Jedes Mal fand sich eine Staatselite, die nur zu gern bereit war, die komplette Republik zu verraten und dem erstbesten Diktator hinterherzulaufen, der mit seinen gehorsamen Mannschaften die Nationalversammlung besetzte.

    Die Deutschen sind schlechtere Redenschwinger. Das stimmt. Gegen das herrliche republikanische Pathos, das Victor Hugo in seiner Streitschrift „Napoleon le Petit“ von 1851 entfaltet (auf deutsch unter dem Titel „Geschichte eines Verbrechens“ erschienen), können sie nicht an. Das liegt ihnen nicht.

    Deswegen wurde ja Friedrich Ebert, dieser knochentrockene Sozialdemokrat, erster Präsident. Und die Präsidenten der Neuzeit sind nicht viel anders. Eher Bürokratentypen als furiose Republikaner. Deswegen gibt es auch keinen großen deutschen Revolutionsroman wie Hugos „Die Elenden“.

    Denn dazu bräuchte man einen unverstellten Blick, nicht dieses verkrampfte „vor allem das Schlechte sehen“. Sondern die tiefwurzelnde Überzeugung, dass es eine Republik zu verteidigen gilt. Immer. Und mit allen Kräften.

    Was übrigens ein Grund ist dafür, dass unsere sogenannten „Volksparteien“ ihre Wähler verlieren. Sie sind konturlos geworden, verwaschen, immer wider zu faulen Kompromissen mit den Leuten bereit, die sich heute Populisten nennen, aber in Wirklichkeit Feinde der Demokratie sind. Und natürlich so laut schreien, weil sie was erreichen wollen. Und weil sie sehen, wie die scheinbar so tapferen Demokraten einknicken und eine ihrer dummen Thesen nach der anderen übernehmen.

    Ein Thema, auf das am Montag in einem Interview der „Frankfurter Rundschau“ auch der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck einging.

    „Revolutionen sind Umbrüche. Da gestaltet sich eine Gesellschaft neu“, sagte er. „Wenn man ein politischer Mensch ist, sind das entscheidende Phasen. Die Revolution von 1918 ist der Wendepunkt der deutschen Neuzeit: Sie leitete das Ende des Ersten Weltkriegs ein. Dass junge Männer den Mut hatten, unter Gefahr für Leib und Leben für eine radikale politische Idee, nämlich den Frieden, auf die Straße zu gehen, beeindruckt mich nach wie vor. Wir haben schon 100-Jahres-Feiern gehabt, die bedeutungsloser waren.“

    Wir haben tatsächlich zwei erfolgreiche Revolutionen hingelegt. 1989 kommt dazu.

    Doch nun scheinen sich die heutigen Rechten ausgerechnet diese Revolution anzueignen, regelrecht zu kapern, wie Habeck feststellt: „Haben jetzt die Rechten die deutschen Revolutionen gekapert – speziell die von 1989? Sie versuchen es. Westdeutsche Oberstudienräte und Staatssekretäre …“

    Was eigentlich die Ostdeutschen erschrecken sollte. Wieder sind es ein paar alte westdeutsche Staatsbeamte, die sich den Herbst von 1989 einfach anmaßen. Plus die Rechtsradikalen, die auf ihren Demonstrationen unverhohlen plakatieren: „Wir sind das Volk“.

    Was sie natürlich auch deshalb leicht können, weil es das Volk, das da beschworen wird, gar nicht gibt. Dazu ist unsere Gesellschaft längst viel zu vielgestaltig. Sie sind sozusagen der Überrest eines Volkes, das mal in Erdhütten lebte und auf Fellen schlief. Und das toll fand.

    Sie haben panische Angst vor Veränderungen. Daher kommt ihre ganze Bewegtheit. Sie wollen die Konflikte der Welt dadurch lösen, dass sie alles wieder 1.000 Jahre zurückdrehen. Oder 80. Weil das das ist, was sie sich vorstellen können.

    Ein Elend, wenn dann die sogenannten Volksparteien diesen jämmerlichen Quark auch noch übernehmen und verstärken. Als wenn im Vorgestern die Lösung für die Probleme von heute läge. Oder sich zumindest davon treiben lassen – so wie unsere großen, reichweitenbesessenen Medien.

    Aber das hat Nico Semsrott schon schön auf den Punkt gebracht.

    Nico Semsrott: Warum bekommt die AfD so viel Medienaufmerksamkeit? | heute-show vom 19.10.201

    Ich lasse es mal bei der Pointe von Nico Semsrott.

    Da ist alles gesagt.

    Die Serie „Nachdenken über ..“

    Leipziger Zeitung Nr. 60: Wer etwas erreichen will, braucht Geduld und den Atem eines Marathonläufers

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