Ein Maestro zwischen Staatsnähe und Heldenverehrung

Die Kontroverse um Kurt Masur am Montag im Deutschlandfunk

Für alle LeserRoland Mey freut sich ja, wenn seine Kritiken am Leipziger Kapellmeister Kurt Masur auch mal von klassischen Medien aufgenommen werden. So wie am Montag, 18. Februar, ab 20:10 Uhr im „Musikjournal“ des Deutschlandfunks. Ihn ärgert vor allem der Kult um den 2015 verstorbenen langjährigen Gewandhauskapellmeister, der in einigen Kreisen bis heute als der Übervater der Friedlichen Revolution in Leipzig gefeiert wird. Der er nie war.

Aber ganz unübersehbar hat auch Leipzigs Stadtverwaltung nie gegengesteuert und die Legende auf den Boden der Tatsachen heruntergeholt. Im Gegenteil, man sonnte sich mit dem noch 1989 zum Ehrenbürger ernannten Dirigenten, der am 9. Oktober 1989 als einer der Leipziger Sechs in Erscheinung trat, als er den Aufruf zum friedlichen Verlauf der Montagsdemonstration für den Stadtfunk einsprach.

Später leitete er die durchaus wichtigen Gewandhausgespräche.

Aber mit Auszeichnungen aus aller Welt wurde er quasi stellvertretend für die ganze Leipziger Revolution geehrt. Niemand sonst wurde so regelrecht zum Idol des friedlichen Herbstes gekürt.

Selbst Google feierte den Verstorbenen am 18, Juli 2018 mit einem Google-Doodle und der durchaus brisanten Feststellung: „Am heutigen 18. Juli hätte der deutsche Dirigent Kurt Masur bereits seinen 91. Geburtstag gefeiert und wird anlässlich dieses nicht ganz so runden Geburtstags in einigen Ländern mit einem stilvollen Doodle geehrt. Masur nur als ‚Dirigent‘ zu bezeichnen ist allerdings schon sehr untertrieben, denn er war auch häufiger als politischer Aktivist tätig und hat auch damit einiges erreicht.“

Kurt Masur ein politischer Aktivist?

Da wird es seltsam.

Und da ist es schon seit Jahren seltsam, wie Roland Mey, selbst einst Mitstreiter im Leipziger Bürgerkomitee für Gewerkschaftsfragen und Stadtrat der SPD, in seiner kapitelweise wachsenden Schrift „Kurt Masur entzaubert“ feststellt, wo er dem berühmten Maestro bei seinen weniger bekannten Verbindungen zum Staatsapparat der DDR nachforscht.

Die Leipziger sind zwar zu Recht dankbar, dass Masur das eindrucksvolle Gewandhaus auch im Gezerre mit der Honecker-Regierung auf den Weg brachte. Aber diesen Einfluss hatte Masur nur, weil er in der obersten Liga der ostdeutschen Kulturfunktionäre mitspielte. Er ließ sich auch noch als Kandidat für die Wahl am 7. Mai 1989 aufstellen, die dann mit den bekannt gewordenen Wahlfälschungen zum Auslöser des Erdrutsches im Jahr 1989 wurde.

Die Revolution wirklich mit ihrem Engagement vorbereitet und vorangetrieben haben ganz andere Persönlichkeiten. Das ist – sehr lebendig – zum Beispiel nachlesbar in Peter Wensierskis Buch „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“.

Masur steht eher für die ziemlich wenigen lernfähigen Funktionäre im Osten, die im Herbst 1989 überhaupt begriffen, worum es ging und dann auch bereit waren, sich wirklich einzubringen. Davon hätte es mehr gebraucht, das stimmt. Ihn freilich zum Helden der Friedlichen Revolution zu machen, verdreht die Tatsachen. Erst recht, wenn sich dann auch noch der Oberbürgermeister von Leipzig, Burkhard Jung, darauf beruft, sich vom altgewordenen Maestro geradezu väterlich beraten haben zu lassen.

"Kurt Masur entzaubert" auf Yumpu. Screenshot: L-IZ

„Kurt Masur entzaubert“ auf Yumpu. Screenshot: L-IZ

Vielleicht muss man sich da nicht wundern über einige Schieflagen in der aktuellen Leipziger Politik, die zwar dazu führen, dass die Hochkultur mit dem Gewandshaus als Flaggschiff zwar das Marketing für die „Musikstadt Leipzig“ dominiert, die ebenso renommierten anderen Kulturbereiche – von der Freien Szene über die Bildende Kunst bis zur Literatur – aber stets sehr stiefväterlich behandelt wurden. Und in großen Teilen noch immer werden. Da blendet der Glanz des Kapellmeisters. Und er blendet auch einiges weg.

Im Deutschlandfunk kam Masur-Kritiker Mey jetzt für ein paar Minuten zu Wort. Seine Kritik wird – so erfuhr er – im „Musikjournal“ mit den Aussagen der Gewandhausdirektion konfrontiert. Es gibt ja nicht nur eine Sicht auf Masur. Wer reinhören will: Das „Musikjournal“ im Deutschlandfunk beginnt am Montag, 18. Februar, um 20:10 Uhr.

Wer reinlesen will: Roland Meys Schrift „Kurt Masur entzaubert“ kann hier online gelesen werden.

Wie Kurt Masur im Mai 1989 zum Leipziger Stadtverordneten gewählt wurde

Kurt Masur
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