Wie konnte Kurt Masur zum Verkünder der sozialen Marktwirtschaft werden?

Für alle LeserDa war dann auch der Leipziger Masur-Kritiker Roland Mey zutiefst entsetzt, als er das Septemberheft des Opernmagazins „Dreiklang“ las, das sich aus aktuellem Anlass den Ereignissen von vor 30 Jahren widmete, in denen ja auch Gewandhauskapellmeister Kurt Masur eine wichtige Rolle spielte. Denn mit seiner unverwechselbaren Stimme hatte der ja den „Aufruf der Sechs“ im Stadtfunk eingelesen, der an jenem brisanten 9. Oktober zu einem friedlichen Verlauf der Demonstration aufrief.

Der Aufruf ist bestens dokumentiert. Auch in dem Buch „David gegen Goliath“, das einer der sechs, der Kabarettist Bernd-Lutz Lange, zusammen mit seinem Sohn Sascha geschrieben hat und das im September erschien, ist er abgedruckt – sogar mit dem ursprünglichen handschriftlichen Entwurf und dem Schreibmaschinen-Original.

Doch als der Historiker Rainer Müller dann das Opernmagazin vom September las, stolperte er über einen Aufruf, den er so noch gar nicht kannte.

Denn wo es im Original-Aufruf von 1989 hieß: „Wir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land“, war in einem Beitrag, den die einstige Bundesfamilienministerin und Präsidentin des Bundestages Rita Süssmuth (CDU) für das Gewandhaus-Magazin geschrieben hatte, auf einmal der Satz zu lesen: „Wir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung der freien sozialen Marktwirtschaft in unserem gesamten Land.“

Ein Satz, der so überhaupt nicht zu dem brisanten 9. Oktober passt und schon gar nicht zu den drei hochrangigen SED-Funktionären, die den Aufruf gemeinsam mit Bernd-Lutz Lange, Kurt Masur und dem Theologen Peter Zimmermann ausarbeiteten.

Alle drei bekamen selbst für diesen Aufruf in der SED-Bezirksleitung den Kopf gewaschen und mussten mit einem Parteiverfahren rechnen, gerade weil sie den Mut gefunden hatten, von der an diesem Tag von Erich Honecker angekündigten harten Linie abzuweichen, die in Leipzig in einem blutigen Desaster geendet hätte, wenn die verantwortlichen Funktionäre getan hätten, was Honecker sich wünschte: eine gewaltsame Unterdrückung des Protests.

Gerade deshalb hat der Aufruf der Sechs so eine große Bedeutung, weil hier erstmals drei Leipziger SED-Funktionäre ausscherten und die Notwendigkeit sahen, die Lage zu entschärfen.

Aber im Manuskript steht trotzdem nichts von „sozialer Marktwirtschaft“. Daran war in diesem Moment gar nicht zu denken. Denn es war schon mutig, den Hardlinern in Berlin die Botschaft zu senden, dass über den gegenwärtigen Zustand des Sozialismus geredet werden musste. Und die drei SED-Funktionäre nahmen diese Rolle ja bekanntlich dann auch in den von Kurt Masur organisierten Gewandhausgesprächen an.

Das Thema der Deutschen Einheit und der Übernahme der sozialen Marktwirtschaft wurde erst mit dem „Mauerfall“ am 9. November 1989 aktuell – und gewann dann auch binnen weniger Wochen die Dominanz in den Montagsdemonstrationen.

Es gibt also überhaupt keinen Grund, jetzt im Aufruf der Sechs herumzuredigieren und gar noch zu suggerieren, der Aufruf hätte schon das „gesamte Land“ gemeint, also das ganze Deutschland, denn darauf zielt ja dieses hineingemogelte „gesamte“.

In einer Fußnote verweist Rita Süssmuth auf einen Artikel von Frederick Hanssen im „Tagesspiegel“ vom 18. Juli 2018: „So avancierte Kurt Masur 1989 zum Helden“. Aber dort ist die Formulierung gar nicht zu finden. Dort liest man: „Wir brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Lande.“

Ob es dabei Änderungen gab, ist dem Artikel nicht anzusehen.

Aber spätestens der verantwortlichen Redakteurin des Opernmagazins hätte auffallen müssen, dass die hochbetagte Autorin des Beitrags entweder einen Fehler gemacht hatte oder selbst einer falschen Quelle aufgesessen war.

Was Roland Mey, der ja Kurt Masur nicht unbedingt als den Helden der Revolution sehen will, als der er von einigen Leipziger Verantwortlichen gefeiert wir, regelrecht auf die Palme brachte. Denn das sah ihm dann doch nach einer regelrechten Geschichtsfälschung aus.

Und so schrieb er, als er davon erfuhr, einen Brief an den Opernintendanten Ulf Schirmer, der natürlich auch das Opernmagazin verantwortet.

Auf die Antwort ist er gespannt.

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