Equal Pay Day 2019

Warum sich die Herren immer noch die Taschen volllügen und nicht begreifen wollen, was unsere Gesellschaft zerstört

Für alle LeserHeute ist Equal Pay Day, also der Tag, der symbolisch den geschlechtsspezifischen Entgeltunterschied markiert, der laut Statistischem Bundesamt in Deutschland aktuell 21 Prozent beträgt. Und da der Tag mittlerweile auch von konservativen Medien wahrgenommen wird, wird auch wieder sehr parteiischer Quatsch dazu geschrieben. Exemplarisch vorgeführt von den schreibenden Herren der F.A.Z.

„Frauen werden in der Arbeitswelt diskriminiert – so heißt es oft. Doch die wichtigeren Gründe für die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen liegen im Privatleben“, schreibt Patrick Bernau. Und dreht sich dann absatzweise im Kreis und kommt nach viel Zahlenbastelei zu der Feststellung: „Dass Frauen weniger verdienen als Männer – diese Entscheidung wird eher im Privatleben als bei der Arbeit getroffen. Das zeigt schon die bekannteste Analyse der Gehaltsunterschiede. Seit Jahren spricht Deutschland über den Unterschied zwischen der ‚Lohnlücke‘ und der ‚bereinigten Lohnlücke‘: Frauen verdienen je Arbeitsstunde über 20 Prozent weniger als Männer, meldet das Statistische Bundesamt. Doch wenn die Statistiker vergleichen, wie viel Frauen auf vergleichbaren Stellen verdienen, dann landet man plötzlich bei „höchstens sechs Prozent“ Lohneinbußen für Frauen – die sogenannte bereinigte Lohnlücke.“

Kann man machen, dann hat man am Ende lauter statistisch korrekte Zahlen. Und trotzdem nichts begriffen. Auch wenn es stimmt, dass Frauen öfter Teilzeit arbeiten und Männer (in ihren besser bezahlten Jobs) dafür dann öfter Überstunden schrubben.

Was nichts über die Sorgen des Privatlebens aussagt, sondern etwas über den Irrsinn eines kaputten Systems, in dem Männer genauso wie Frauen ihre Karrieren und Einkommen riskieren, wenn sie sich mehr der Familie widmen.

Aber das hat nichts damit zu tun, dass die beiden Geschlechter in denselben Berufen bei gleichem Arbeitsumfang weniger unterschiedlich verdienen.

Aber sehr viel damit, dass Männer unsere Arbeitswelt derart verbogen haben, dass praktisch alle sozialen und von Frauen bevorzugten Berufe schlechter bezahlt werden, eigentlich hundsmiserabel.

Und Frauenberufe sind nicht Frauenberufe, weil Frauen nicht so toll leistungsfähig sind wie Männer, sondern weil es ihnen ein tiefes Bedürfnis ist, in Sorge-Berufen zu arbeiten, in Berufen, die wirklich einen Sinn haben. Das würden viele Männer zwar auch gern.

Aber: Die Arbeitsbedingungen sind dort (durch männliche Reformfreude) mittlerweile so saumäßig, dass Mann dort auch nicht arbeiten möchte.

Was übrigens eine Stiftung noch einmal mit harten Fakten untersetzt hat, die sich mit diesem Thema auskennt: die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung.

Sie hat nämlich einen „Comparable Worth“-Index definiert.

Das Messinstrument ermöglicht es, inhaltlich unterschiedliche Berufe geschlechtsneutral zu vergleichen. Dafür wurden vier Kriterien zur Entlohnung von Arbeit definiert: Anforderungen an Wissen und Können, psychosoziale Anforderungen, Anforderungen an Verantwortung und physische Anforderungen.

„Würden wir Arbeit ausschließlich nach diesen Kriterien entlohnen, wäre der Gender Pay Gap bald Geschichte“, sagt Uta Zech, Präsidentin des BPW Germany und Unterstützerin des Equal Pay Day. „Fair ist, wenn Gleiches gleich bewertet wird. Das bedeutet, Berufe nach sachgerechten und geschlechtsneutralen Kriterien zu bezahlen.“

Noch macht aber der Vergleich der Punktwerte des Index mit den tatsächlichen Löhnen den Einfluss des Geschlechts auf die Bezahlung sichtbar. Frauentypische Tätigkeiten sind häufig unterdurchschnittlich bezahlt.

Und dann geht’s ans Eingemachte. Und das erzählt davon, wie Frauen ausgenutzt werden und ihre Arbeit, ohne die dieser Laden, nämlich unsere Gesellschaft, nicht funktionieren würde, systematisch schlechter bezahlt wird: Die Ursachen der Lohnlücke sind komplex. Frauen dominieren in sozialen Berufen und fehlen in anderen. Rollenstereotype und Geschlechterklischees, Besteuerungssysteme und Beschäftigungsverhältnisse wie Teilzeit und Minijob haben ihren Anteil.

„Um die Lohnlücke zu schließen, braucht es einen neuen Blick auf den Wert unserer Arbeit und einen kritischen Blick auf bestehende Rollenbilder“, sagt Uta Zech weiter. Sie ist überzeugt: „Lohngerechtigkeit ist möglich, denn: Nichts ist unveränderlich.“

Aber dazu müssen wir natürlich aufhören, sogenannte Männer-Arbeit als etwas Besseres und Kostbareres zu betrachten. Wer genau hinschaut sieht, dass genau in jenen Arbeitsbereichen, in denen Arbeit schlecht bezahlt wird und oft genug noch neoliberale Personal-Sparprogramme obendrauf kamen, die Probleme heute am größten sind – ganz vorneweg im Bereich Pflege, bei den Pflegekräften im Krankenhaus, in den Schulen und Kitas.

Seltsamerweise alles typische Frauenarbeitsfelder, wo gutverdienende Herren mit hohen Renditeerwartungen fleißig all das weggekürzt haben, was eigentlich der (unbezahlbare) Raum für Fürsorge, Aufmerksamkeit und Wertschätzung ist. Das merken dann die Kinder in der Schule (die sich behandelt fühlen wie Produktrohlinge in einem Fertigungsprozess) genauso wie wir als Patienten, die wir uns dann auch wie Fertigungsteile auf einem Fließband fühlen dürfen, falls wir mal so dumm sind, krank zu werden.

In der Missachtung all der sorgenden Arbeitsfelder in unserer Gesellschaft wird ziemlich deutlich, wie falsches männliches Wachstumsdenken dazu führt, dass immer mehr Müll produziert wird, immer mehr Menschen in irren und zermürbenden Nonsens-Jobs feststecken, aber all das, was unsere Gesellschaft zum Leben braucht, immer schlechter oder gar nicht mehr getan wird – weil es in den Augen der Herren Effizienz-Manager wertlos ist.

Und ob sie dann an den Zahlen fummeln, um den Gehaltsunterschied kleinzurechnen oder den „Markt“ dafür verantwortlich machen, es läuft auf dasselbe hinaus: Eine geldgewordene Verachtung für Frauen, deren Arbeit man weder wertschätzt noch versteht.

Folge neoliberaler Politik: Sachsen hat den größten Gender Pay Gap im Osten

GeschlechtergerechtigkeitEqual Pay Day
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