These #9: Jugendarbeiter*innen müssen sich mit der Gestaltungsmöglichkeit der Digitalisierung befassen.

Für alle LeserTun sie das nicht, werden sie von ihren Adressat*innen abgehängt. Unsere Adressat*innen nutzen die „neuen“ technischen Errungenschaften wie selbstverständlich. Und so fühlen wir uns gelegentlich etwas abgehängt, wenn wir sehen, wie sie mit ihren Smartphones und Konsolen hantieren, ihre Musik über Streamingdienste hören sowie sich mit WhatsApp und Instagram die Clique ins Kinderzimmer holen.

3D-Drucker, Internet der Dinge, Wearables, digitale Assistenz, RIFD-Chips, Social Media und Smartphones – all das verbinden wir mit Digitalisierung und nehmen sie als neu wahr. Doch wirklich neu ist das alles nicht.

Die sogenannte Digitalisierung begann Mitte der 90er Jahre und bezeichnete die Umwandlung von analogen Daten in digitale. Die E-Mail war die dominierende Form der Datenkommunikation. Bereits zehn Jahre später bestand der Großteil der Datenkommunikation zwischen Geräten, Maschinen und Dingen. Das Internet der Dinge. Aus dieser Ära stammen auch Begriffe wie „Smart Factory“ und „Virtuelles Rathaus“.

Viele Bestrebungen in der Verwaltung, den Betrieben, den Ministerien, den Bildungskonferenzen und auch in der Jugendarbeit bezeichnet Welf Schröter als „nachholende Digitalisierung“ (vgl. Schröter, 2017, 21 ff.). Sie lässt uns Dinge als neu erscheinen, die schon viele Jahre alt sind.

Wir diskutieren in der Jugendarbeit über die Möglichkeiten und Grenzen der digitalen Kommunikation mit den Adressat*innen, Social Media als Lebenswelt und Sozialisationsinstanz, über die technische Ausstattung und die Legitimation der Mediennutzung als Arbeitszeit – „Nachholende Digitalisierung“!

Technisch gesehen geht es schon lange nicht mehr um die Digitalisierung von analogen Daten oder darum, die Welt zu vernetzen. Diese Prozesse sind weitestgehend abgeschlossen. On- oder offline, real oder virtuell sind keine relevanten Kategorien mehr. Wir starten ins Zeitalter der sogenannten „Digitalen Transformation“, die auch als „Digitaler Wandel“ oder „Digitale Revolution“ bezeichnet wird.

Software und Internet sind überall. Das Ziel ist die Automatisierung von intelligentem Verhalten – Künstliche Intelligenz. Das heißt, Software wird nicht mehr geschrieben, sondern sie entsteht durch Beobachtung und Imitation. Sie lernt und denkt dabei selbst.

Unsere Adressat*innen, die für uns in teilweise rasanter Geschwindigkeit ihre Smartphone, Tablets und Konsolen bedienen, sind scheinbar bestens vorbereitet. Schließlich werden sie auch als „digital Natives“, Generation Game und iGeneration bezeichnet.

Doch die schnelle intuitive Bedienung einer Benutzeroberfläche ist nicht gleichzusetzen mit einem Verständnis für die dahinterliegenden Prozesse. Die ICILS Studie 2013 zeigt, dass vor allem Jugendliche aus sozioökonomisch benachteiligten Familien nicht über die erforderlichen informations- und computerbezogenen Kompetenzen verfügen (40 %). Jungen, die zwar häufiger neue Technologien benutzen, besitzen aber im Mittel weniger Kompetenzen als Mädchen (vgl. Eickelmann, 2015). Der Schein trügt. Techniknutzung bedeutet nicht Technikkompetenz.

In einer Welt, in der autonome Softwaresysteme in Echtzeit globale Prozesse bewerten, verarbeiten und Entscheidungen treffen, wird der kompetente Umgang mit neuen Technologien und digitalen Informationen zur bestimmenden Kulturtechnik. Ohne die Beherrschung dieser werden unsere Adressat*innen nicht mehr am Berufsleben teilnehmen können und auch in privaten und öffentlichen Lebensbereichen abgehängt werden. Sie werden die „Neue Welt“ als fremd empfinden und sich nicht als Teil des digitalen Wandels sehen, sondern als Verlierer dessen.

Wollen wir die (Selbst-)Ausgrenzung verhindern, müssen wir unsere Adressat*innen auf ein selbstbestimmtes und kompetentes Handeln in dieser Transformation vorbereiten. Wir müssen technikkundig sein, um den jungen Menschen Orientierungswissen zu bieten. Und wir müssen (auch) im Hinblick auf den digitalen Wandel trendkundig sein, um die aktuellen und sich ständig ändernden Anforderungen der Arbeitswelt und des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu erkennen, auch um einer möglichen Ausweitung der sozialen Spaltung vorausschauend statt nachholend zu begegnen.

Die Wucht der Veränderung wird leider häufig noch unterschätzt. Die Digitale Transformation ist für uns alle Neuland. Wir bewegen uns alle auf unbekanntem Territorium und müssen uns den Lösungen annähern. Der Wandel ist keine technische, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung. Technik ist neutral, gestaltbar und verstärkt unsere Fähigkeiten. So bietet sie die Möglichkeit, Arbeit zu humanisieren, Menschen zusammenzubringen, politische Prozesse zu demokratisieren.

Aber Technik ist immer interessengeleitet. Überlassen wir sie nicht einem markt- und geldzentrierten Denken. Wir müssen uns antizipativ mit den Gestaltungsmöglichkeiten der Digitalisierung beschäftigen, ansonsten werden wir und unsere Adressat*innen abgehängt.

Lesenswertes, Hilfereiches, Lösungsansätze:

digital engagiert (2018): Denkanstöße zur Digitalisierung der Zivilgesellschaft. Ein Mutmacherpapier.
Unter Mitarbeit von Patrick Gilroy, Holger Krimmer, Nicole Dufft, Peter Kreutter und Frieder Olfe.
http://ziviz.info/download/file/fid/403

  • 7 Leitgedanken zur gelingenden Digitalisierung der Zivilgesellschaft
  • Gute Linkliste zu Hilfestellungen und Lösungsansätzen für die eigene aktive Digitalisierung in gemeinnützigen Organisationen, Initiativen und Unternehmen

Jugendarbeit im digitalen Wandel Kompetenzen, Daten und digitale Tools.
https://bedarfsanalyse.demokratielabore.de

  • Dokumentation von Erfahrungen, Wünschen und Weiterbildungsbedürnissen der Fachkäfte
  • Vermittlung grundlegender Methoden der Datennutzung sowie von digitalen Tools in der Jugendarbeit

prognos.com (Hg.): Gesellschaft 5.0. Implikationen der Digitalisierung für ausgewählte Lebensfelder.
https://www.medianet-bb.de/wp-content/uploads/2018/08/gesellschaft-5-01.pdf

  • Digitalisierung als Chance für die Gesellschaft
  • Themenfelder sind Arbeit und Einkommen, Migration und Integration, Mobilität und Urbanisierung, Alter und Gesundheit
  • ToDo Liste für eine gelingende Gesellschaft in einer digitalisierten Welt

„Sozialer Zusammenhalt in digitaler Lebenswelt“. Thesen für gemeinsames Handeln.
https://www.bagejsa.de/handlungsfelder/netzwerk-sozialer-zusammenhalt-in-digitaler-lebenswelt/

  • Netzwerk von zivilgesellschaftlichen Gruppen, kirchlichen Verbänden, politischen Stiftungen und Gewerkschaften (u.a. die BAG EJSA, 2017 gegründet)
  • gute Thesen
  • leider sonst recht still um das Netzwerk

SG HTWK Leipzig: Öffentliche Ringvorlesung – Digitale Transformation.
https://mediaserver.htwk-leipzig.de/channels/#digitaletransformation

  • Video-Aufzeichnungen der Vorlesungen
  • je ca. 90 Minuten lang
  • bspw. „Digitaler Kapitalismus und Künstliche Intelligenz“, „Was für eine digitale Welt wollen wir?“

Quellen:
Welf Schröter: „Warum sich Jugendsozialarbeit dringend in die Gestaltung der digitalen Transformation einmischen müsste“, In: DREIZEHN – Zeitschrift für Jugendsozialarbeit: Digitale Bildung/Arbeitswelt 4.0, 2017.
https://issuu.com/kooperationsverbund/docs/kvjs_dreizehn_nr18_web, (zuletzt aufgerufen am 24.07.2019 um 22:51 Uhr)

Prof. Dr. Birgit Eickelmann: „Bildungsgerechtikeit 4.0“, Heinrich-Böll-Stiftung, 2015.
https://www.boell.de/sites/default/files/uploads/2015/04/2015-04-eickelmann_-_bildungsgerechtigkeit-4.0.pdf, (zuletzt aufgerufen am 24.07.2019 um 23:54 Uhr)

Infos zur Thesen-Aktion: Anlässlich seines 25-jährigen Bestehens hat der Mobile Jugendarbeit Leipzig e.V. einen Kalender mit 25 Thesen aus der Praxis zusammengestellt. Diese beziehen sich auf aktuelle Gegebenheiten und Entwicklungen in Gesellschaft und Jugendarbeit, auf die die Streetworker des Vereins in ihrer täglichen Arbeit stoßen. Die Thesen sollen zum Nachdenken und zur Diskussion anregen – und im Idealfall den Anstoß für einen Veränderungsprozess geben.

Mehr Infos zur Mobilen Jugendarbeit Leipzig e.V.:
www.kuebelonline.de

These #8: Reformation sonst Revolution!

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