Die „Völkerschauen“ und Ernst Pinkert im Zoo Leipzig – wann und wo erfolgt die Aufarbeitung?

Für alle LeserDie AG Leipzig Postkolonial begrüßt die aktuelle öffentliche Auseinandersetzung über Leipzigs koloniales Erbe, einschließlich der Debatten über den Leipziger Zoo, seinen Gründer Ernst Pinkert und die von ihm veranstalteten „Völkerschauen“. Wir sehen dies als Auftakt für eine überfällige Aufarbeitung der Kolonialzeit und ihrer Spuren in der Gegenwart in der städtischen Erinnerungspolitik. Diese ist heute angesichts aktueller Ereignisse, dem weltweit offenkundigen Rassismus sowie dem Widerstand dagegen, dringlicher denn je.

Aufarbeitung muss vielfältige Akteur/-innen und Institutionen einschließen und auf vielen Ebenen und Formaten geführt werden. Wenngleich eine mediale Begleitung dieses Prozesses wichtig ist, sollte sich die Auseinandersetzung keinesfalls auf dieses Format beschränken. Vielmehr ist ein offener Dialog unter größtmöglicher Beteiligung zivilgesellschaftlicher und kommunaler Akteur/-innen, der von Rassismus betroffenen Personen, dem Zoo Leipzig um mit ihm kooperierenden Wissenschaftler/-innen wie auch Mustafa Haikal zu führen. Auf seinen Beitrag in der L-IZ vom 01.07.2020 „Ernst Pinkert – ein „rassistischer und kolonialer Täter“? wollen wir hier Stellung beziehen und hoffen zugleich, das Gespräch an anderer Stelle fortzusetzen.

Mustafa Haikal vertritt die Meinung, der Zoo hätte sich hinreichend mit den „Völkerschauen“ beschäftigt. Er verweist auf die umfassende bebilderte Chronik „Auf der Spur des Löwen. 125 Jahre Zoo Leipzig“, die er mit dem Leiter des Zoos, Jörg Junhold, im Jahr 2003 veröffentlicht hat. Weder in neueren Publikation des Zoos noch in seiner Pressearbeit, auf seiner Webseite oder im Eingangsbereich ist eine öffentlich transparente Positionierung zum Thema sichtbar.

Eine tatsächliche Aufarbeitung muss sich in seiner unmittelbaren Außendarstellung widerspiegeln, wenn eine historische Verantwortung und der Vermittlungsauftrag gerade in einer der „meistbesuchten Kultur- und Freizeiteinrichtung in Mitteldeutschland“ (Website des Zoos) ernst genommen wird.

In der Chronik vermissen wir (die AG Leipzig Postkolonial) eine kritische Reflexion der „Völkerschauen“ und des Wirkens Ernst Pinkerts. Im dritten Kapitel werden im Teilabschnitt „Lappländer und Beduinen – die Völkerschauen“ (S.64–67) die ab 1875 veranstalteten „Völkerschauen“ überblicksartig zusammengetragen. Dieser Abschnitt folgt der Darstellung von Pinkerts Handel mit Tieren und geht den Sportereignissen, die im Zoo stattfanden, voraus.

Allein diese Herangehensweise ist Ausdruck einer mangelnden Sensibilisierung für die Problematik, dass jene zur Schau gestellten Gruppen gemäß der kolonialen Trennung von Kultur und Natur der Sphäre der Natur (zugespitzt dem Tierreich) zugeordnet und mit stereotypen Analogien wie „Wildheit“, „Primitivität“ und „Urtümlichkeit“ assoziiert wurden.

Die Thematisierung der Menschenausstellungen erfolgt anhand zeitgenössischer Berichterstattung aus verschiedenen Leipziger Zeitungen (zwischen 1875–1906). Die Texte, zeitgenössischen Werbeplakate und Illustrationen enthalten exotisierende und rassistische Darstellungen, die zudem unkommentiert aneinandergereiht sind. In den vorangestellten 1 ½ einführenden Seiten (S. 52–53) erfahren wir zwar historische Hintergründe zu diesen Leipziger „Völkerschauen“, aber es gibt keine Informationen über die Lebensgeschichten und den Aufenthalt einzelner zur Schau gestellter Menschen.

Lediglich an einer Stelle ist zu lesen: „In den Zeitungsberichten über die Völkerschauen spiegeln sich tief verwurzelte Ressentiments. Die ‚Überlegenheit der europäischen Kultur‘ galt nicht nur den Journalisten als selbstverständlich. Eine intensive Kolonialpropaganda prägte die Vorstellungswelt der Besucher und beeinflusste deren Wahrnehmung“ (S.53).

Diese Einschätzung des damaligen Zeitgeistes mag (bedingt) zutreffend sein, kann aber nicht als Aufarbeitung gesehen werden. In unserer Pressmitteilung (s. L-IZ vom 28.06.) haben wir argumentiert, dass der unkritische Umgang mit den „Völkerschauen“ und der Person Pinkerts eben nicht dadurch zu rechtfertigen ist, dass um 1900 „Bewertungsmaßstäbe und auch die Formen der Wissensvermittlung andere“ waren (Junhold in LVZ vom 20.06.2020).

Diese Sichtweise blendet Machtverhältnisse kolonialer Herrschaft und Gewalt aus, unter denen diese „Bewertung“ von Nicht-Weißen, nicht-europäischen Menschen und eine „Wissensvermittlung“ vorgenommen wurden. In diesem Gefüge war die Handlungsmacht jener Menschen in der Leipziger Öffentlichkeit wohl eher gering. Und dennoch gab es auch hier widerständige Praktiken und Perspektiven – diese müssen in der heutigen Betrachtung stärker fokussiert werden.

Die entscheidenden Fragen sind für uns allerdings: Wie verhalten wir uns heute dazu? Wie gehen wir mit dieser Geschichte um? Ist es aus heutiger Sicht noch zulässig, Ernst Pinkert als „Kind seiner Zeit“ einzuordnen, um dadurch nicht über die menschenverachtende rassistische Praxis der von ihm verantworteten „Völkerschauen“ zu reden?

Diese müssen heute klar als kolonial-rassistische Praxis gesehen werden. Sie waren Teil eines kolonialen Herrschaftssystem, das tiefgreifende rassistische Vorstellungen und Ungleichheitsstrukturen in der Gesellschaft befördert hat. Die fatalen und langfristigen Auswirkungen, einschließlich der persönlichen Erfahrung und strukturellen Realität von Rassismus, auf die die globale BlackLivesMatter Bewegung aufmerksam macht, sind bis heute spürbar.

Sie drängen auf eine überfällige Auseinandersetzung und öffentliche Handlung im Sinne historisch-politischer Verantwortung. Die Aufarbeitung der Geschichte ist keine Last, sondern die Chance zur Förderung und Anerkennung von Vielfalt, Toleranz und Humanismus und leistet einen Beitrag im Kampf für eine diskriminierungsfreie Gesellschaft.

Es geht uns nicht um eine Verurteilung und Auslöschung von Geschichte, sondern um eine Reflektion und Sichtbarmachung der verdrängten und verschwiegenen Aspekte der Geschichte und Praxis der „Völkerschauen“. Ernst Pinkert war darin ein entscheidender Akteur. Er produzierte durch die Menschenausstellungen innerhalb der Gesellschaft des Kaiserreiches rassistische Stereotype und legitimierte somit auch vor einem großen Publikum der Leipziger Stadtgesellschaft die koloniale Herrschaft hierzulande sowie in den deutschen und europäischen Kolonien.

Als ein auf Gewinn orientierter Unternehmer nahm er zudem in Kauf, dass sehr wahrscheinlich aufgrund der Wohn- und Arbeitsbedingungen mindestens ein Teilnehmer der „Völkerschauen“ an einer Lungenentzündung in Leipzig verstarb. Ernst Pinkert kann durchaus als ein führender und verantwortlicher Akteur in Leipzig gesehen werden, der durch das eigene Handeln koloniales Unrecht erzeugte und von entsprechenden Strukturen persönlich profitierte. Dass Pinkert und seine Zeitgenoss/-innen ihr Handeln damals nicht infrage stellten, kann unsere Gesellschaft heute nicht davon entbinden, historische Verantwortung für koloniales Unrecht zu übernehmen.

Auch der Zoo Leipzig als öffentlich geförderte kommunale Institution mit bundesweiter und internationaler Reichweite sollte sich als „Zoo der Zukunft“ dieser Verantwortung stellen. Dazu gehört eine kritische Aufarbeitung der „Völkerschauen“. Wie Mustafa Haikal selbst einräumt, waren diese „Teil einer kolonialen und rassistischen Praxis, sie verletzten – trotz aller Vielfalt im Detail – die Würde des Menschen“ (L-IZ).

In diesem Sinne möchten wir den Zoo ermuntern, diese Einschätzung transparent, offen, und breit in seiner Außendarstellung zu vermitteln und sich für geeignete Formen des Gedenkens an die Opfer dieser Praxis einerseits und für ein Ende der einseitigen Glorifizierung Ernst Pinkerts und seiner Nachfolger andererseits zu engagieren.

Mustafa Haikals Vorschlag, dass sich in einer Ausstellung mit der „Geschichte des Umgangs der Leipziger mit kolonialen und rassistischen Praktiken und Theorien“ befasst werden kann, ist zu begrüßen. Als mögliche Orientierung empfehlen wir dem Leipziger Zoo und anderen Institutionen die Berliner Dauerausstellung „zurückGESCHAUT“.

Sie thematisiert die erste deutsche Kolonialausstellung in Berlin-Treptow und rückt die Menschen der Ausstellungen, ihre Geschichten und ihren Widerstand gegen koloniale Praktiken in den Fokus. Maßgeblich haben Schwarze Menschen das Ausstellungskonzept entworfen. Dieser Perspektivwechsel ist essentiell bei der Aufarbeitung der deutschen Kolonialvergangenheit. Sie kann nicht allein von mehrheitlich weißen Institutionen wie den Universitäten und Museen erfolgen, sondern muss ausdrücklich die Perspektiven der von Rassismus betroffenen Menschen einschließen.

Ernst Pinkert – ein „rassistischer und kolonialer Täter“?

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