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Ernst Pinkert – ein „rassistischer und kolonialer Täter“?

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    Manchmal schießt man auch mit einem berechtigten Anliegen über das Ziel hinaus. Den Gründer des Leipziger Zoos Ernst Pinkert als „rassistischen und kolonialen Täter“ zu bezeichnen, ist eine Behauptung, die man sich genau überlegen sollte und die sich nicht mit Blick auf ein paar Wikipedia-Artikel untermauern lässt.

    Ernst Pinkert, der, wie wir wissen, aus sehr bescheidenen Verhältnissen stammte und sich seinen gesellschaftlichen Aufstieg hart erkämpfen musste, war vor allem ein überaus begabter Veranstaltungsmanager.

    Schon als Gastwirt und später auch als Zoodirektor organisierte er hunderte von Programmen, wobei er zumeist auf die Angebote umherreisender Schausteller zurückgriff. Vieles von dem, was er seinen Gästen damals offerierte, mutet uns seltsam an und nicht wenige der Inszenierungen würden wir heute aus ethischen Gründen ablehnen.

    Wer sich ein Bild von der Fülle und der Verschiedenartigkeit dieser Veranstaltungen machen will, dem sei die von Jörg Junhold und mir erarbeitete Jubiläumspublikation des Zoos („Auf der Spur des Löwen. 125 Jahre Zoo Leipzig“, Leipzig 2003) empfohlen.

    In diesem großformatigen und reich bebilderten Band wird auf immerhin sechs Seiten auch auf die von Ernst Pinkert verantworteten Völkerschauen des Zoos eingegangen. Woher der wiederkehrende Vorwurf stammt, der Zoo verschweige diesen Teil seines Erbes, erschließt sich demnach nur schwer. Schon damals lag uns nichts ferner, als die Völkerschauen in irgendeiner Form zu legitimieren.

    Sie waren Teil einer kolonialen und rassistischen Praxis, sie verletzten – trotz aller Vielfalt im Detail – die Würde des Menschen und niemand hat irgendein Interesse daran, sie zu rechtfertigen. Selbst das immer wieder vorgebrachte Argument, die Völkerschauen hätten einem Bildungsauftrag gedient und wären für die Besucher oft die einzige Möglichkeit gewesen, sich authentisch zu informieren, wurde in unserer Darstellung kritisch hinterfragt.

    Allerdings gehört es zur historischen Wahrheit, dass in der Gesellschaft des Deutschen Kaiserreichs koloniale Auffassungen und rassistische Stereotype nicht nur weitverbreitet waren, sondern bis in die Sozialdemokratie hinein oft als vollkommen selbstverständlich galten (wenn auch aus verschiedenen Theorien und Überzeugungen heraus). So verwundert es nicht, dass sich in der Leipziger Bevölkerung jener Jahre kaum Widerstand gegen diese Form der Schaustellungen regte und die Menschen in großer Zahl die im Zoo und anderswo angebotenen Veranstaltungen besuchten.

    Ernst Pinkert teilte die damals herrschenden Auffassungen und half sie – das ist wohl wahr – auch zu verbreiten. In wenigstens zwei Fällen trat er selbst als Impresario in Erscheinung, ohne dass wir die genauen Hintergründe dieser gemeinsam mit Willy Möller organisierten Veranstaltungen kennen. Das gehört zu den widersprüchlichen Seiten seiner Persönlichkeit, aber es bestimmt sie nicht. Pinkert war vieles in einer Person: Tiergärtner und Tierhändler, Gastwirt und Unternehmer, Impresario und Öffentlichkeitsarbeiter, zuallererst jedoch war er ein Kind seiner Zeit.

    Wer ihn als „kolonialen und rassistischen Täter“ bezeichnet und damit die Erinnerung an die deutschen Kolonialverbrechen wachruft, sollte das anhand der historischen Quellen detailliert und überzeugend beweisen und sich die Frage gefallen lassen, wie sich der Begriff für das 19. und frühe 20. Jahrhundert definieren lässt. Völkerschauen, die damals in ganz Europa ein Millionenpublikum erreichten, sind in der wissenschaftlichen Literatur der vergangenen Jahrzehnte häufig bearbeitet worden.

    Hier anknüpfend könnte man in einer Ausstellung (denkbar wäre eine Kooperation mehrerer Museen und der Universität) auch die Geschichte des Umgangs der Leipziger mit kolonialen und rassistischen Praktiken und Theorien komplexer untersuchen und darstellen. Dass dies notwendig ist, haben nicht zuletzt die Ereignisse der letzten Wochen gezeigt.

    Der Leipziger Autor und Historiker Mustafa Haikal schrieb zahlreiche kulturhistorische Sachbücher, so zu Landschaftsräumen und Wirtschaftsunternehmen, zur Mensch-Tier-Beziehung sowie zur Entwicklung der zoologischen Gärten.

    Auch die Benennungen von Straße und Schule nach Ernst Pinkert stehen zur Disposition

    Machtgefälle im Kopf. Die neue „Leipziger Zeitung“ Nr. 80 ist da: Was zählt …

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      4 KOMMENTARE

      1. Also mir ist nichts davon bekannt, dass zu Zeiten Pinkerts sich Andersfarbige nicht diese Ausstellung zur Völkerschau hätten ansehen können (wie das in Apartheidgesellschaften bis weit ins 20 Jahrhundert so war) oder dass das sogar gesetzlich verboten war, So eine Ausstellung zu organisieren und Rassismus öffentlich zu vertreten, da ist schon ein großer Unterschied. Liebe Grüße an die Dauerempörten.

      2. @Matthias: Wenn einer laut denkt und das verschriftlicht, wie eben der Kenner des Leipziger Zoo Mustafa Haikal, und ein anderer stimmt dessen Äußerung zu, wo bitte ist da „Denkfaulheit“ zu verspüren. Kommt die nicht eher auf, wenn die eigene vorgefasste Meinung nicht bedient wird?

      3. @Saschok: Das ist leider Unsinn. Nicht jeder Mensch, der vor 100 Jahren lebte, war Rassist – dazu reicht eine kurze Recherche zur US-amerikanischen Abolitionistenbewegung.
        Denkfaulheit, damals wie heute, kann nicht einfach so abgetan werden mit: „Die anderen haben es doch auch alle so gemacht.“

      4. Bevor man über Pinkert richtet, der im gesellschaftlichen Konsens seiner Zeit eingebunden war, sollte man sich fragen wo man vor weit über hundert Jahren selbst gestanden hätte. Heute in einer ganz anderen Gesellschaft über historische Normalbürger zu richten ist nicht mutig sondern bigott.

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