Ich war’s nicht, sagte Adam, der Feigling

Für alle LeserAm 4. Juli beschäftigte sich der einstige Thomaspfarrer Christian Wolff ja an dieser Stelle mit den frappierend hohen Zahlen an Kirchenaustritten in letzter Zeit. Es waren so viele, dass kaum eine Zeitung um das Thema herumkam und versuchte herauszudenken, woran das liegen könnte. Meistens landeten sie bei einem leisen Vorwurf an den wachsenden Atheismus. Wahrscheinlich müssen so langsam wir Atheisten anfangen, den Kirchen zu erklären, wofür sie eigentlich da sein sollten. Denn das wissen sie nicht mehr. Ihnen ist ihre Existenzgrundlage abhandengekommen.
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Und da und dort haben wir das schon 2017 angemerkt, als die Evangelische Kirche versuchte, rund um Lutherland ihr Fest „500 Jahre Reformation“ aufzuziehen. Was zu einem nicht unbeträchtlichen Teil gewaltig in die Hose ging. Das Fest hätte toll werden können. Nur die Mobilisierung funktionierte nicht so richtig. Nicht mal kirchenintern.

Und so am Rande fiepte der kleine, nervende Gedanke, dass es vielleicht gar nichts zu feiern gab. Dass auch Luthers Impuls keine Kraft mehr hat. Und dass das auch an Martin Luther lag, den ein gewisser Thomas Müntzer „Fürstenknecht“ nannte. Müntzer, der am liebsten gleich alles auf einmal gehabt hätte – die komplette Befreiung des Menschen von Zwang und Herrschaft.

Luther war klug genug zu sehen, dass das nur so enden konnte, wie es endete: Die Herrschaften waren noch nicht so weit. Für die war es schon ein Riesenschritt, sich aus der Bevormundung Roms zu lösen und den ersten Schritt zur Glaubensfreiheit in ihren Landen zu tun.

Menschliche Geschichte ist eine Geschichte in kleinen Schritten. Und die Wacheren unter uns merken, wann der Zeitpunkt gekommen ist, den nächsten Schritt zu tun, weil das Alte geschwächt ist und den kleinen Fortschritt nicht mehr verhindern kann.

Aber Müntzer sagte auch etwas Wahres mit seinem Vorwurf, das bis heute nicht zur Selbsterkenntnis der Kirchen gehört. Es ist der blinde Fleck in ihrer Selbstsicht, das, was jahrtausendelang den Kern von Theologie ausgemacht hat – und worauf Thomas Liebsch in seinem Buch „Zivilisationskollaps“ zu sprechen kommt, das wir an dieser Stelle noch besprechen müssen. Aber es ist leider ein recht dickes und sehr redundantes Buch.

Wahrscheinlich aus gutem Grund. Manches muss man drei Mal sagen und noch öfter, bis die Wahrnehmungsschwelle des Lesers durchbrochen ist. Bis die Erkenntnis durchsickert, dass manche unserer Erzählungen nicht stimmen. Und Religion in der modernen, theistischen Variante viel mehr mit dem Kern unserer Kultur und Zivilisation zu tun hat, als wir wahrhaben wollen.

Nicht als Erhebung, Erlösung oder den Traum von einem Gottesreich, das „nicht von dieser Welt“ ist. Das klingt ein wenig an, wenn Christian Wolff von dem Vikar im St. Elisabeth schreibt, der auf einmal anfängt, von der Ewigkeit zu erzählen: „Dann spricht er relativ unvermittelt über Ewigkeit, ohne aber diesen Begriff so zu erklären, dass der Dreher von BMW, der mit einer Nierenkolik auf der Station liegt, damit etwas anfangen kann.“

Was Wolf am Ende zu dem Schluss bringt: „Wir müssen sprachfähig werden – nicht indem wir uns anbiedern, aber indem wir die Gewissheiten des Glaubens kraftvoll in den jeweiligen gesellschaftlichen Bezügen ,grenzüberschreitend‘ verkünden und die Überzeugungen des Glaubens leben und so beim Wesentlichen bleiben.“

Eigentlich mag ich ihn ja. Aber wie schräg dieser Satz ist, merkt man wohl erst als Außenstehender. Als einer, der sich jeden Tag (und in der Corona-Zeit erst recht) fragt: Was ist eigentlich wesentlich?

Worum geht es hier überhaupt?

Hier, in dieser Welt.

Und dann lese ich Evelyn Fingers Erklärungsversuch in der „Zeit“: „Nein, natürlich war das nach den Missbrauchsskandalen unbequem, ja schmerzlich. Zu sehen, dass die Kirchen noch immer keine so harte Aufklärung zulassen, wie sie unausweichlich wäre nach all dem Vertuschen und der Strafvereitelung. Und doch ist das nicht die ganze Erklärung für die Austritte.“

Und wieder habe ich das dumme Gefühl: So können das nur Leute sehen, die in der Blase „Kirche“ leben. Mit Gänsefüßchen.

Und auch sie kommt fast zur selben Phrase: „Vielleicht ist es dieser mit Scham gemischte Stolz, der das kirchliche Reden erschwert. Man hat eine Botschaft, die nicht von dieser Welt ist, aber weltbewegend will man schon sein. Man ist anders, aber fürchtet sich, anzuecken. Man hat ein jenseitiges Heilsversprechen, aber hienieden ankommen will man auch, am liebsten bei allen.“

Als würde die eigentliche Botschaft in die heiligen Hallen der Kirchen nicht mehr eindringen. Wirklich gefragt hat ja noch keiner all die Austretenden. Dafür häufen sich die Bücher voller Appelle: „Kommt doch zurück!“

Aber warum sollten sie?

Warum sollten sie in einen Verein zurückkehren, der so viel Wert aufs „Reden über das Wesentliche“ legt, aber bei allen Themen, die Menschen heute ängstigen, verstören und wütend machen, schweigt? Einfach nichts zu sagen hat?

Oder anders formuliert: Nichts mehr zu sagen hat. Denn Liebsch hat recht, wenn er das Entstehen der Religionen aufs Engste in Verbindung bringt mit der Entstehung unserer menschlichen Zivilisationskultur, die im Fruchtbaren Halbmond vor ungefähr 11.000, 12.000 Jahren ansetzte, eine Kultur, die den über Millionen Jahre naturverbunden lebenden Menschen aus seiner Naturverbundenheit herausriss und ihm mit all der gefeierten Kultur auch vieles zumutete, was ein lebendiger Mensch eigentlich nicht aushalten kann. Da müssen wir gar nicht erst anfangen mit Sklaverei, Krieg, Leibeigenschaft, Knechtschaft, Privatbesitz, Zwangsarbeit, Rassismus, Fremdbestimmung und was der seit 10.000 Jahren „normalen“ Erscheinungen von Zivilisation mehr sind.

Bei Liebsch gibt es dazu noch viel mehr zu sagen. Aber ich erwähne hier einfach mal das „Buch der Bücher“, das 1. Buch Mose, das irgendwann um 1.000 v. Chr. entstanden ist und nachweislich viele noch viel ältere Schöpfungslegenden aus dem Nahen Osten aufgenommen hat.

Und die Autoren der Genesis hatten noch ein Gespür dafür, dass die Entstehung der Zivilisation eine tiefgreifende Zäsur gewesen sein muss. Im Bild vom Paradies spiegelt sich noch das Wissen um einen verlorenen, mit der Natur im Einklang stehenden Zustand. Und die „Vertreibung aus dem Paradies“ wird als echte Demütigung geschildert, als die Verjagung in eine Welt, in der das Leben richtig hart ist.

So hart, dass die Menschen darin nur noch in einer strengen Hierarchie leben können. Das klingt schon in 1. Mose 3, 16 und 17 genauso, wie es die Menschen bis heute erleben: „Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein.

Und zum Manne sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deines Weibes und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. (…) Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“

Selbst den Autoren dieses Textes war noch sehr wohl bewusst, was für eine Zumutung die menschliche Zivilisation war, was für eine Plackerei und wie sehr sie dem Wunsch der Menschen, in Frieden und Einklang mit der Welt zu leben, zuwiderlief.

Und Religion (nicht nur die jüdische und die christliche) funktionierte von Anfang an als Regulativ, schuf für die vielen heftigen Zumutungen einer zunehmend hierarchischen, ungerechten und ungleichen Gesellschaft ein Korsett aus Geschichten, Regeln, Moral, erfand allmächtige Götter, die für das Einhalten der Regeln sorgten (der „Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen …“) und den Bestand der neuen Hierarchien sicherten.

Religionen sind seit 10.000 Jahren vor allem eines: machterhaltend. Sie stützen eine zutiefst ungerechte Zivilisation, die bei all ihren Fortschritten für die Mehrheit der Menschen immer eine Zumutung war. Und so richtig tröstend war sie auch nur bedingt, wie ja Luther nur zu deutlich feststellen konnte.

Aber er konnte die Macht und die Fürsten noch nicht aus der Religion verbannen. Dazu waren noch ein paar andere Schritte vorher notwendig – die Aufklärung zum Beispiel, die Trennung von Staat und Kirche und die Erkenntnis, sprich: der riesige Berg an wissenschaftlichen Erkenntnissen über den wirklichen Zustand unserer Welt.

Es ist ein katastrophaler Zustand. Und das wissen mittlerweile immer mehr Menschen. Und damit funktioniert das Heilsversprechen der Kirche nicht mehr. Es kaschiert die Tatsache nicht mehr, dass wir gerade dabei sind, mit all unseren kulturellen Errungenschaften die einzige Welt zu zerstören, die wir tatsächlich in unserem kurzen Menschenleben zu sehen bekommen. Wir zerstören – um es mal religiös zu formulieren – gerade mit gnadenloser Rücksichtslosigkeit Gottes komplette Schöpfung.

Oder müssen zusehen, wie es andere tun, weil sie die Macht dazu haben, die Technik, das Geld und die richtigen Verbindungen in die Regierungen dieser Welt. Vor unser aller Augen wird ein einmalig schöner und faszinierender Planet zerstört. Und bis auf eine geradezu sanfte Enzyklika des aktuellen Papstes haben die Kirchen dazu nichts zu sagen. Tun sie immer noch so, als müssten sie mit uns nur richtig reden über das „Wesentliche“. Das aber nicht das Wesentliche ist.

Denn Lobbyvereine, die uns erzählen, dass alles gut und richtig so ist, gibt es genug.

Wofür braucht es also eine Kirche in Zeiten, in der sie nicht mehr als Schutzmantel der Macht funktioniert? Wo ihre Riten und Gleichnisse nicht mehr funktionieren, weil sie nicht mehr zu all den Ängsten passen, die die Menschen haben in einer Welt, in der sie nicht mehr wissen, wie sie den Wahnsinn stoppen sollen?

Ruft irgendein tapferer Bischof dazwischen: Es reicht? Prangert einer die Mächtigen und Rücksichtslosen an, die diesen Irrsinn immer weiter treiben? Geht einer wie einst ein gewisser Jesus zu den Armen, Ungetrösteten und Ausgestoßenen und ergreift ihre Partei, macht sich zum Sprecher der Mühseligen und Beladenen – so wie Martin Luther King?

Kann es sein, dass Kirche sehr wohl eine Rolle spielen könnte in unserer Zeit, sie aber einfach nicht finden will, weil ihr ihre ganzen altbackenen Hierarchien wichtiger sind?

Warum sollte man in eine Kirche eintreten, die in einer so belämmerten Situation nicht kämpft, nicht die Kruzifixe schnappt und bei „Fridays for Future“ mitmacht? Als wäre sie für die tatsächliche Welt nicht verantwortlich, nur für das Hüten ihrer verbliebenen Schafe, auf dass sie nicht auch noch fortlaufen, weil Kirche nichts Wesentliches mehr zu sagen weiß. Weil Kirche auch kein Raum mehr ist, in dem Menschen sich getröstet fühlen können, angenommen und aufgehoben in einer Gemeinschaft, die von ihnen keine Glaubensbekenntnisse fordert, sondern nur die Besinnung aufs Menschsein.

Denn die andere Seite ist natürlich eine trostlos gewordene Zivilisation, in der sich die meisten Menschen im Konsumrausch betäuben und alles tun, um der Erkenntnis zu entfliehen, dass sie selbst etwas tun müssen, um die irrsinnige Maschine, die unseren Planeten zerstört, zu stoppen.

Da muss man sich dann wirklich auf das Wesentliche besinnen: das Menschsein in einer Welt voller Menschen. Schluss mit den ganzen Beweihräucherungen und Ausreden. Die blödeste Ausrede steht gleich in 1. Mose, wo Adam sich rausredet: „Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.“

Waren Männer schon immer solche Pfeifen?

Na gut, dann ist die Welt wirklich nicht zu retten. Nur noch lauter Ausreden, abstreiten. Immer sind die anderen schuld.

Wie satt man das haben kann nach 10.000 Jahren Weihrauch und feigen Männern, die nie was gewesen sein wollen.

Die ganze Serie „Nachdenken über …

Gastkommentar von Christian Wolff: „Die Basis bröckelt leise“ – Anmerkungen zu den Kirchenaustritten

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