Landauf, landab erschallt in diesem Sommer das Geraune, Deutschland wäre im wirtschaftlichen Niedergang begriffen. „So lässt sich Deutschlands Abstieg nicht stoppen“, unkte Christian Reiermann am 16. August auf „Spiegel Online“. Das stieß dann sogar Thomas Fischer sauer auf, der zwei Tage später auf derselben Plattform seine Kolumne betitelte mit „Cannabis, die Außenministerin und der Unsinn vom Staatsversagen“.

Meist kümmert er sich eher um das sehr rudimentäre Rechtsverständnis der meisten Deutschen und das vieler Journalisten. Diesmal setzte er aber gleich als Teaser: „Fast alle meinen, Deutschland sei im Niedergang. Glauben Sie den wichtigtuerischen Meldungen nicht.“

Gerade weil er sich emsig mit der Art beschäftigt, wie deutsche Medien bestimmte Themen zu Blockbustern hochjazzen und mit der Angstmache auch Politik machen, sieht er, wie selbst nüchterne Meldungen des Bundesamtes für Statistik aufgeblasen werden, um daraus Schockmeldungen für die Tagesberichterstattung zu drechseln. Oft durchaus im Interesse der einen oder anderen sehr wirtschaftsnahen Partei, die damit durchaus eigennützige Ziele verfolgt.

Das geschah auch der Meldung des Bundesamtes für Statistik vom 29. Juli „Bruttoinlandsprodukt stagniert im 2. Quartal 2023“.

Den Schock von 2022 erst einmal verkraftet

Die leitete das Bundesamt mit diesen Sätzen ein: „Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im 2. Quartal 2023 gegenüber dem 1. Quartal 2023 – preis-, saison- und kalenderbereinigt – nicht weiter gesunken (0,0 %). In den beiden vorherigen Quartalen war die deutsche Wirtschaftsleistung zum Vorquartal zurückgegangen (revidiert -0,1 % im 1. Quartal 2023 und -0,4 % im 4. Quartal 2022). Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, haben sich die Konsumausgaben der privaten Haushalte nach dem schwachen Winterhalbjahr im 2. Quartal 2023 stabilisiert.“

Also eigentlich eine positive Nachricht, nachdem insbesondere die Energiekrise 2022 und die rapide steigenden Preise in so gut wie allen Lebensbereichen erst einmal die Konsumenten verunsichert und die Wirtschaft aus dem Trott gebracht hatten. Und dann kamen die Forderungen der großen, energieintensiven Konzerne, die Energiepreise sollten gedeckelt werden. Sie waren allesamt auf dem falschen Fuß erwischt worden. 16 Jahre lang hatte das Lamento immer wieder Erfolg und Bundesregierung um Bundesregierung bremste die Energiewende aus. Sodass Deutschland völlig unvorbereitet war, als billiges russisches Gas auf einmal nicht mehr zur Verfügung stand.

Eigentlich wurde damit das Märchen, die Energiewende sei unbezahlbar, ad absurdum geführt. Aber die seltsamen Rufe nach weiteren Subventionen und Steuererleichterungen für fossile Energie zeigen auch, dass die Botschaft noch nicht wirklich angekommen ist. Jedenfalls nicht bei den Kommentatoren, die das Lied der barmenden Konzerne unhinterfragt mitsingen.

Alte Gewohnheiten bedeuten nicht Wohlstand

Das nahm Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), am 15. August zum Anlass, rein aus ökonomischer Sicht noch einmal zu erklären, warum mehr Klimaschutz die Wirtschaft nicht schädigt.

„Dass Menschen in Deutschland in den kommenden zehn Jahren bei manch einer Gewohnheit kürzertreten müssen, da diese teurer oder weniger leicht verfügbar sein werden, wird oftmals als Wohlstandsverlust wahrgenommen. Das liegt daran, dass deren Effekte auf Mensch und Umwelt in der etablierten ökonomischen Denkweise unzureichend erfasst sind“, schreibt er etwas Selbstverständliches, was aber den Meisten gar nicht bewusst zu sein scheint, wenn sie die scheinbar billigeren fossilen Angebote in Anspruch nehmen.

Aber wir leben in einer Welt, in der die Marktpreise noch lange nicht die realen Preise abbilden – angefangen von den Klimafolgen über die Umweltschäden, versiegelte Böden, zerstörte Naturräume, belastete Luft, belastete Flüsse usw.

„Ebenso übersieht das Argument die möglichen Kosten des Nichthandelns. Man betrachte nur die Naturkatastrophe im Ahrtal, die riesige finanzielle Kosten verursacht, da ein kompletter Kapitalstock ersetzt werden muss“, beschreibt es Fratzscher in den Worten der Anleger und Investoren.

Natürlich sind es die alten, fossilen Branchen, die jetzt in die Problemzone rutschen. Was auch dann passiert, wenn sächsische Ministerpräsidenten nicht mehr von Kohle und Erdgas träumen.

Höchste Zeit für Grüne Technologien

Aber es ist wieder genauso wie an den historisch sensiblen Stellen, als es um die Rolle von Solarfabriken und Windkraftanlagenbauern in Deutschland ging und die damalige Bundesregierung jeweils freundlich bremste und die Bedingungen für erneuerbaren Energien verschärfte – wieder stellen die Lobbyisten der veralteten Industrie den notwendigen Technologiewechsel infrage und tun ihren Teil, dass die Kommentarspalten voller Gejammer über den wirtschaftlichen Niedergang Deutschlands sind.

Während gerade jetzt etwas völlig anderes dran ist, wie Fratzscher schreibt: „In Bezug auf die Kosten und Chancen des Klimaschutzes ist Optimismus angebracht. Wirtschaft und Gesellschaft – in Deutschland wie auch global – wissen, was zu tun ist, verfügen über Technologien für eine erfolgreiche Transformation und haben den Nutzen des erforderlichen Handelns eindrucksvoll nachgewiesen. Deutschland ist weltweit mit führend bei grünen Technologien – die deutsche Wirtschaft konnte ihren Weltmarktanteil in den vergangenen Jahren sogar auf zwölf Prozent ausbauen, was höher ist als in den meisten anderen Branchen.“

Die Grafik zur Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der Bundesrepublik aus dem Statistischen Bundesamt zeigt keinen Abstieg, sondern tatsächlich, wie die deutsche Wirtschaft nach den wirklich heftigen Einschnitten in der Corona-Zeit gerade 2023 wieder Anschluss gefunden hat an die wirtschaftliche Entwicklung aus der vor-pandemischen Phase. Und das bei einer nach wie vor hohen Inflationsrate von 6,2 Prozent.

Was hat Deutschland zu bieten?

Es kommt immer darauf an, was eine Wirtschaft zu verkaufen hat. Und was die Welt nachfragt. Und diese Nachfrage wird sich drastisch verändern, je mehr durch den Klimawandel ausgelöste Katastrophen die Länder weltweit heimsuchen.

Es sind nicht die Grünen (die mal wieder zum Hau-den-Lukas der Nation geworden sind) oder durchgeknallte Klimaschützer, die für steigende Preise für viele bislang billig gemachte fossile Güter sorgen werden.

„Es ist der menschengemachte Klimawandel – und nicht Maßnahmen zum Klimaschutz –, der alle Menschen, fast ohne Ausnahme, zu mehr Verzicht zwingen wird, wenn die Lebensgrundlage sich stark verändert und weniger Ressourcen zur Verfügung stehen“, stellt Fratzscher fest. „Die lang anhaltenden Dürreperioden in Frankreich und Spanien bieten einen Vorgeschmack, was die Menschen in Europa erwartet.“

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