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Wenn Leipziger/-innen träumen: Zwischen Oktober und November

Von Britta Schulze, Leipzigerin, expressionistische Künstlerin, und Gründerin und Leiterin der Neuen Abendakademie zu Leipzig

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    Die Dunkelheit hatte sich auf die Straße niedergelegt und ich lief über diesen Platz, der frei war wie ein Landeplatz für Außerirdische. Er war eine Insel mitten in der Stadt und es hatten sich verschiedene Pflanzen herausgebildet, die oft ein Schutz für Obdachlose waren, wenn sie sich ab einer bestimmten Zeit unter den Blättern der Büsche versteckten. Der Novemberniesel hauchte eine dünne feuchte Schicht auf Schuhe und Jacke und meine Gedanken gingen zu den warmen Oktobertagen zurück.

    Ich stand auf diesem Platz und mit Kreidefarben schrieb ich die fünf entscheidenden Sätze der Wissenschaftler zu der Klimaerwärmung in meditativer Langsamkeit groß auf den Asphalt. Es war eine Performance, die ich für das Kulturhaus „Lindenfels“zum Projekt „Sperrgebiet“ durchführte.

    Die Sonne stach. An den hundert Meter Weg, die ich vierzeilig beschrieb, hatte sich ein Streetfood-Markt aufgebaut. Leute standen in Schlangen, um in diesen Markt hineinzugelangen. Sie mussten über den von mir beschriebenen Weg gehen. Meine Sätze zum Klimawandel auf dem Boden erregten Aufmerksamkeit.

    „Wir können etwas dagegen tun“ war einer dieser Sätze. Er wirkte am sonnigen Samstag mit den vorübereilenden Menschen die zum Einkaufen in Richtung Zentrum oder Streetfood-Markt unterwegs waren grotesk. Junge Leute blinzelten mir zu und fotografierten die aneindergereihten Buchstaben auf dem Boden. Ältere Passanten brummelten ihren Unmut und sagten, dass es mit dem Klimawandel erfunden sei, vom Establishment und so.

    Hhmmh … Zwei vom Helmholtz-Institut verteilten Zettel für eine Studie über die Klimaveränderung und ich malte in meditativer Ruhe in den Farben der Warming Strips meine großen Buchstaben zu den Sätzen des Klimawandels.Meine Gedanken gingen in eine andere Zeit zurück, als ich auf den Asphalt des Leuschnerplatzes sah.

    1989 – Wie jeden Montag setzte sich der Demonstrationszug nach dem 17 Uhr Friedensgebet in der Nikolaikirche 18 Uhr in Bewegung. Die Angst um den Ring zu ziehen, war nicht mehr zu vergleichen, wie bei den ersten Montagen im Oktober. Auch war die Zahl der Demonstranten auf 150.000 gestiegen. Viele kamen aus dem Umfeld oder aus umliegenden Städten, eigentlich aus der ganzen DDR. Leipzig war das Zentrum.

    Wieder lagen Schlagscheinwerfer der Stasi auf den Demonstranten, gepaart mit den Scheinwerfern von ARD und ZDF. Man wurde abgefilmt mit verschiedenen Zielen. Eine Freundin neben mir erwähnte ängstlich, dass es jetzt kalt wird und das hoffentlich weiterhin so viele Menschen in der nächsten Woche um den Ring ziehen werden.

    Rando schrie neben mir in die Massen „jetzt oder nie Demokratie“ und ein großer Chor von Stimmen antwortete und trug den Slogan wie eine Welle über die Köpfe des langen Zuges. Ich erinnerte mich, wie er dies das erste Mal vor Wochen getan hatte und wie langsam aber immer stärker dieser Satz aufgenommen wurde.

    Auf einmal stockte der Zug von Menschen. Wir waren auf der Höhe der Runden Ecke, vor dem Gebäude, wo die Stasihauptverwaltung war und diese immer noch voll besetzt mit Stasileuten und Waffen ihre Türen geschlossen hielt. Da kam sie wieder, die Angst der ersten Tage, ob sie schießen werden? Bürgerrechtler zündeten Teelichter und Kerzen vor der Tür der Stasizentrale an und riefen: „bleibt friedlich“

    Wochen später. Gemächlich zog der Demonstrationszug um den Ring. Es wurden Fahnen der DDR geschwenkt, wo das Emblem ausgeschnitten war. Hohle Löcher in der Mitte der Fahne ließen genug Wind durch und ließen sie zum Teil schlapp nach unten hängen. Die Stasi-Leute liefen mit und brüllten „Einheit Deutschland“ und „wir wollen keine Experimente mehr“.

    Jeder dachte an das Begrüßungsgeld und was man mit 100 DM machen kann. Seit der Grenzöffnung hatte ich meine Eltern in Berlin nicht mehr gesehen. Die Züge nach Berlin wurden regelrecht gekapert und die Plätze im Zug auch mit körperlichem Einsatz erobert. Alle waren verrückt geworden.

    2020, November – Die Sonne war noch stark und stand schräg über dem Leuschnerplatz. Auf der Grünfläche vor der Schillerstraße stand eine große Bühne und eine Übertragungsleinwand. Eine enge Linie von Polizisten schützten die Veranstaltung und die Vertreter des „Dritten Weges“. Die Linke Alternative stand mit vielen Menschen gegenüber.

    Die Polizisten und Beobachter der Demonstration waren in Abständen und mit Masken in meiner unmittelbaren Nähe. An diesem Tag schien es nur zwei Gruppen zu geben, die mit und ohne Masken. Ich wollte sehen, was das für Leute waren, die sich auf 89 bezogen und die Sätze dieser Zeit in ihre Reden einknüpften, wie Bänder, die die Kraft eines Fetischs haben sollten.

    Die Herzchenballons wiegten sich im Wind und eine zarte Frauenstimme sang, verstärkt durch die Technik eines großen Lautsprechers, das Lied „Die Gedanken sind frei“. Es folgte ein Mann, der die Verfassung des Deutschen Reiches zu Zeiten Bismarcks als menschenfreundlich und lieb bezeichnete. Es ist erstaunlich, wozu Demokratie in der Lage ist.

    Als „We shall overcome“ als Lied von der Bühne erklang, hielt ich es nicht mehr aus und ging zum Augustusplatz. Wie damals war der Platz voll und mit meinen Erfahrungen des Karl-Marx-Platzes wusste ich, dass es mindestens 45.000 Leute waren. Sie standen eng und ohne Masken.

    „Merkel muss weg“-Plakate und Herzchenballons verteilten sich über ihren Köpfen. Sie hatten keine Angst. Es war eher wie eine große Party und ein sonniger Ausflug, wo sie sich wie Revolutionäre fühlten. An diesem Tag war das nicht mein Platz und ich bog in die Petersstraße, in die entgegengesetzte Richtung von 1989 und 2020, ab.

    Schluss

    Die Dunkelheit lag noch immer über dem Leuschnerplatz, als ich meine Schritte aneinanderreihte und die Gedanken an Oktober- und Novembertage verstreichen ließ. Was ist Zeit und was bleibt?

    Die Kreideschrift war vom Regen weggewischt. Endlich Regen.

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