Manu war 18 Jahre alt, als er für einige Tage nach Leipzig reiste. Über die Plattform „Couchsurfing“ war ihm ein Schlafplatz angeboten worden. Er übernachtete bei einer deutlich älteren Person, die in der linken und alternativen Szene Leipzigs stark präsent ist. In der ersten Nacht soll es verbale und körperliche Übergriffe gegeben haben. Später wird der Gastgeber von Mitgliedern eines Projekts, dessen Gesicht er ist, mit den Vorwürfen konfrontiert. Am Ende verlässt das halbe Kollektiv das Projekt.

Es gehe ihm nicht um Strafe oder Ausschluss, erklärt Manu. Vielmehr wolle er, dass die Themen Sexismus und Übergriffigkeit öffentlich reflektiert werden. Er möchte, dass sichtbar wird, wie Taten, derer sich Täter/-innen manchmal gar nicht bewusst seien, im Leben der Betroffenen Platz einnehmen und sie zwingen, sich damit auseinanderzusetzen, ob sie wollen oder nicht. Und er wolle sich trauen, Räume wieder einzunehmen, sagt Manu – Räume, die er zuletzt gemieden habe, weil dort eine Person unterwegs sei, die ihm gegenüber übergriffig geworden ist. Denn das, was ihm passiert sei, sei nichts, wofür er Scham oder Schuld empfinden müsse.

In der linken Szene stark präsent

Manu heißt eigentlich anders. Als er 18 Jahre alt war, reiste er für einige Tage nach Leipzig. Ein Schlafplatz sei ihm über „Couchsurfing“ angeboten worden, berichtet Manu. Das ist eine weltweite Community, die sich kostenlos Sofa oder Gästebett zur Verfügung stellt. Manu übernachtete bei einer deutlich älteren Person, die in der linken und alternativen Szene Leipzigs stark präsent ist. Der Name des Mannes ist der Redaktion bekannt. An dieser Stelle soll er Christian heißen.

Ein Gästebett habe er nicht bekommen, sagt Manu, stattdessen einen Platz in Christians Bett. Dort sei Christian aufdringlich geworden. Als Manu sich weggedreht und deutlich „Gute Nacht“ gesagt habe, habe Christian geantwortet, dass er „schon einen Ständer“ und „nicht alle Tage so eine heiße 18-Jährige im Bett“ habe. Damals wurde Manu von seinen Mitmenschen noch als Frau wahrgenommen.

Später sei er von einer Hand an seinem Po wach geworden. In der nächsten Nacht habe Manu eine eigene Matratze verlangt und bekommen. Dann habe er anderswo Unterschlupf gefunden. „Das war für mich gar nicht so ein großes Ding“, sagt er rückblickend, „zumindest wollte ich nicht, dass es eins ist“. Dennoch habe es ihn nicht losgelassen, besonders, als er Christian wieder begegnet sei: bei einer Feier, in einer Bar und indirekt immer wieder, weil man an Christian in der linken Szene Leipzigs schwer vorbeikommt.

Das Gesicht des Projekts

Manu fing an, über den Übergriff zu sprechen. So erfuhren Menschen davon, die im gleichen Projekt wie Christian arbeiteten. Sie seien nicht überrascht gewesen, sagen sie. Zuvor hätten sie schon bemerkt, dass Christian sich sexistisch äußere und verhalte. Versuche, das anzusprechen, seien im Projektteam auf Gegenwind gestoßen.

Als sie vom Übergriff erfuhren, stellten sie das gemeinsame Projekt infrage: „Wofür stehen unsere Gruppe und ihr politischer Hintergrund? Welche Machtposition hat er in der Öffentlichkeit?“ Denn Macht habe Christian: Kontrollierend sei er, charismatisch und das öffentliche Gesicht des Projekts, bei dem damals etwa zehn Personen im Hintergrund gearbeitet hätten.

Das LZ Titelblatt vom Monat August 2022. VÖ. 26.08.2022. Foto: LZ

Drei Monate lang haben sie in einer Kleingruppe geplant, wie sie mit Christian über den Übergriff sprechen, berichten die Beteiligten. Etwa das halbe Projektteam sei dabeigewesen. Christian ausschließen wollten sie nie, sagen sie, sondern ihn unterstützen, sein Verhalten zu reflektieren und zu ändern. „Verantwortung übernehmen“, heißt es in einem Statement, das sie Christian demnach zunächst in kleinem Kreis vorgelesen haben. Darin erklären sie, dass er Täter eines sexuellen Übergriffes sei, seine Machtposition missbraucht habe und Konsequenzen ziehen müsse.

Ihnen sei es nicht um eine Schuldzuweisung gegangen, aber genau das sei bei Christian angekommen. Die Gruppe habe ihm Podcasts und Texte über Feminismus und Täterschaft gegeben. „Das ist nicht meine Meinung“, habe Christian die Inhalte kommentiert. Bei einem Gespräch mit dem gesamten Team sei „dann alles schiefgegangen“.

Christian habe gesagt, er habe der Polizei die Vornamen derjenigen genannt, die ihn konfrontiert hatten. In der Diskussion seien zwei Fronten entstanden, berichtet die Gruppe. „Wir sind mit einem ganz anderen Anspruch reingegangen. Er hat es geschafft, alles so zu drehen, dass wir den Fokus verloren haben.“

Arbeit gegen Sexismus kostet Kraft

Die Kleingruppe sei nach diesem Treffen desillusioniert gewesen. Das Androhen der Polizei habe ihr Vertrauen zerstört. Wenige Tage später seien sie aus dem Projekt ausgestiegen. Ein Jahr sei das jetzt her. Konsequenzen, zum Beispiel, dass Christian den Vorfall aufarbeitet, sich öffentlich dazu äußert oder sich aus dem Scheinwerferlicht und der Couchsurfing-Community zurückzieht, habe es nicht gegeben.

„Vielleicht weine ich dem Projekt hinterher, aber ich bin auch wütend, dass es ungehindert weiterläuft, er weiter in dieser Struktur ist, weiterhin Leute bei ihm übernachten“, sagt eine Person. Eine Anfrage der Leipziger Zeitung (LZ) an Christian blieb unbeantwortet.

Es seien nicht nur er und das eine Projekt, die Sexismus und Täterschaft bearbeiten müssten, sagt die Gruppe. Oft dauere das Jahre, müsse von vielen Menschen gemeinsam bewältigt werden und bedeute, Verantwortung zu übernehmen und sich immer wieder mit emotionalen und triggernden Themen auseinanderzusetzen. Das sei auch deshalb kräftezehrend, weil die Veränderungen und Erfolge oft nur minimal seien. In Leipzig gebe es längst nicht die Strukturen, die dafür nötig wären. Letztlich sei es die Arbeit aber wert.

„Verantwortung übernehmen“ erschien erstmals am 28. August 2022 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 105 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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