In Leipzig ist die Gentrifizierung weiter auf dem Vormarsch und droht, einen beliebten Wagenplatz im Stadtteil Plagwitz zu schlucken. Die dort lebenden Menschen wehren sich mit Aktionen und Argumenten.

Das Projekt Betonkiste im Leipziger Westen ist ein mehrstöckiger schmuckloser Quader aus DDR-Zeiten und steht als Beispiel dafür, dass die Orientierung am maximalen Profit nicht immer das Handeln von Immobilienbesitzern bestimmen muss. Trotz anderer zahlungswilliger Interessenten hat sich die Noch-Eigentümerin mit einigen engagierten und jungen Leuten auf einen Mietankauf über das Mietshäusersyndikat geeinigt.

Seitdem ist viel passiert. Die 2019 gegründete GmbH Betonkiste beherbergt zahlreiche Werkstätten, vom Holzbau bis zur Metallverarbeitung. Eine Schneiderstube befindet sich dort und auch der Sitz der Veranstaltungsgruppe „Radio Grethen“, die eine Radiosendung und Podcasts zu den verschiedensten Themen sendet, ist im Gebäude ansässig.

Entgegen der Logik der höchstmöglichen Gewinnorientierung bewährt sich dieses Projekt auch durch die Übereinstimmung zwischen Besitzerin und Vereinsmitgliedern. So weit, so gut. Nur ist die Betonkiste eine der wenigen Ausnahmen, die zeigt, dass es auch anders laufen kann.

So läuft es nur in den seltensten Fällen

Keine 300 Meter Luftlinie entfernt befindet sich der Karl-Helga-Wagenplatz und die dortigen Bewohner hätten gern eine ähnliche Vereinbarung, doch seit einiger Zeit sehen sie ihr Zusammenleben bedroht. Studenten, Akademiker, Handwerker, Künstler leben zwischen Bäumen und Grünflächen in den teils selbst gebauten Wägen, und ehemaligen Zirkusanhängern.

Seit rund 15 Jahren gibt es diesen Ort in dieser Form und man hat es sich wohnlich gemacht. In der Nähe des Saunawagens, inmitten einer Art Biotop, spielen Kinder auf einem Spielplatz. Vor der mobilen Werkstatt wechseln zwei Nutzer, unter den scherzhaften Bemerkungen von ein paar ortsansässigen Schaulustigen, den Reifen eines Lkw. Es wird viel gelacht. Auch im Selbstverständnis ist das soziale Miteinander fest in der Gruppe verankert.

Mane* ist 36. Der Physiotherapeut macht sich Sorgen. Seit rund zehn Jahren wohne er hier und das gerne. Der Kontakt zur ehemaligen Vermieterin sei eher sporadisch und bei weitem nicht so aussichtsreich gewesen wie das bei dem Projekt Betonkiste der Fall sei, sagt er. Und doch gingen die Leute von Karl Helga davon aus, noch lange bleiben zu können. Auch der Kauf des Areals stand mehrmals im Raum.

Die beunruhigende Nachricht kam dann sehr überraschend: Durch eine Amtsbegehung bekamen die Bewohner den Hinweis, dass sich die Besitzverhältnisse geändert hatten. Bei dem darauffolgenden Besuch beim Grundbuchamt, entpuppten sich ein paar vorsichtig geäußerte Befürchtungen zur Gewissheit: Die vormalige Eigentümerin hatte an eine der größten Immobiliengruppen Deutschlands, die „CG Elementum“ verkauft.

Daraufhin wurde über Monate erfolglos versucht, Kontakt zu dem neuen Eigentümer aufzunehmen. Alle Versuche scheiterten, sodass selbst die Miete noch an die ehemalige Eigentümerin floss. Schließlich kam Christoph Gröner, Namensgeber und Geschäftsführer der CG-Elementum, persönlich mit seiner Lebensgefährtin vorbei und eröffnete den Menschen von Karl Helga seine Vision für das Gelände.

Das war vor über einem Jahr, eine ganze Zeit lang herrschte so etwas wie Krisenstimmung. Nicht durchgehend, aber dennoch war bei den Wagenbewohnern ein permanentes Gefühl der Ungewissheit zu spüren. Neben den üblichen Treffen wird alle zwei Wochen am späten Nachmittag zur Küfa („Küche für alle“) eingeladen, die dortige Veranstaltungshalle eine alte Werkstatt, kurzerhand zum Couchlager mit veganer Verköstigung umfunktioniert.

Das Ambiente ist morbide gemütlich. Eigentlich finden hier zahlreiche Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen statt, doch an diesen Abenden wird heiß diskutiert: Welche Optionen gibt es, den Platz zu erhalten? Welche Strategie wird für die Öffentlichkeitsarbeit gewählt? Gibt es eine Möglichkeit, die Fläche freizukaufen? Sämtliche Ideen werden gesammelt, erörtert, teils verworfen und teils angenommen.

Alles aussichtslos?

In den ersten Monaten schien die Lage sehr ernst. Gesprächsbereit sei der Unternehmer gewesen, als er hier aufkreuzte, sagt Mane. Er habe nach außen sogar Verständnis für die Anliegen der Platzbewohner gezeigt. Dennoch hegt Gröner Entwicklungsabsichten und strebt eine Baugenehmigung für Bürogebäude und ein Logistikunternehmen auf dem Gelände an. Auf Unverständnis stoßen bei Mane die nun plötzlich aufgerufenen 10 Millionen Euro für einen Rückkauf.

Nachdem Gröner die 1,4 ha große Fläche für ca. 1,5 Millionen Euro entsprechend des Bodenrichtwerts von 90 € pro Quadratmetern gekauft hat. Laut dem Unternehmer seien die Aktionäre, welche nun einmal profitorientierte Interessen hätten, verantwortlich. Ihm selbst seien da die Hände gebunden. Punkt.

Da sich der Platz in einem Gewerbegebiet befindet, beträgt die Kündigungsfrist nach wie vor einen Monat. Die rund 60 Menschen, darunter auch Familien, sahen und sehen sich noch immer mit der Situation konfrontiert, ihr gemeinsames zu Hause zu verlieren. Sie alle würde der Verlust am schmerzlichsten treffen. Aber auch die zahlreichen Besucher der Veranstaltungen würden den Ort vermissen. Denn Karl Helga steht für mehr als nur für Wagenleben.

In einer sich so rasant entwickelnden Stadt wie Leipzig sehen viele in dem Begriff „Gentrifizierung“ den Ausverkauf dessen, was die „Insel Sachsens“ eigentlich ausmacht. Mane erzählt von zahlreichen Projekten, welche in den letzten zehn Jahren dem Wandel zum Opfer fielen, darunter auch zwei Wagenplätze, der „Nachbarschaftsgarten“ und einige alternative Veranstaltungsorte.

Zudem gibt es Großverdiener, die sich in teuren, sanierten Wohnungen oder Neubauten einmieten und mit den teils jahrzehntelang bestehenden Strukturen und alternativen Lebensentwürfen wenig anfangen können. Oft fehlt der Bezug zu den Gewohnheiten und Lebensentwürfen, was trotz des Wohlwollens der meisten Anwohner gelegentlich zu Konflikten führe.

Dabei sind die Lesungen, Workshops und Konzerte ein wichtiger Bestandteil für das kulturelle Leben der Stadt. Wo andernorts aufgrund der Inflation und den Nachwirkungen der Pandemie die Preise in die Höhe schnellen, ist es an Orten wie Karl Helga weiterhin möglich, auf Spendenbasis die unterschiedlichsten Musikveranstaltungen zu besuchen.

Diese sind weit über das Viertel hinaus beliebt, sodass es nicht selten zum Einlassstop kommt, auch um die Sicherheit der Besucher zu gewährleisten. Bands und Künstler aus aller Welt treten hier auf. Egal, ob feministischer Hiphop, rotziger Punk, Drum’nBass oder Liedermacher; die Abende sind so breit gefächert wie das Publikum.

Do-it-yourself und Nonprofit – hier sind das nicht nur Phrasen, sondern gängige Praxis. Sei es die mobile Werkstatt, die günstig vermietet wird, oder Menschen, die ihre Wohnung verlieren und vorübergehend im Gästewagen eine Bleibe finden. Rassismus, sexistisches Verhalten, Homophobie werden nicht geduldet.

Auf die Frage, wie sich der Alltag und das Miteinander gestalte, erzählt Mane, dass es selbstverständlich auch Zoff gebe. Das wundert kaum, bei 60 Leuten, von denen sich über die Hälfte tagtäglich über den Weg laufen. Aber es sind Uneinigkeiten, wie es sie überall gibt. „Soweit es die Gemeinschaft betrifft, werden die intern besprochen. Ansonsten gilt das Prinzip ‚Leben und leben lassen‘.“ Vielleicht ist es das, was Karl Helga so sympathisch macht.

Auf der anderen Seite steht die CG-Elementum mit Christoph Gröner. In Leipzig gehören die „Plagwitzer Höfe“ und zahlreiche andere Flächen und Immobilien der Stadt zur Gruppe. Laut Internetseite ist die Elementum ein Tochterunternehmen der „Grönergroup“ und versteht sich als Dienstleister im Immobiliensektor mit besonderem Augenmerk auf die Klimaneutralität. „Bis zu 80 Prozent“, wie es dort heißt. Das Ziel sei eine „nahezu klimaneutrale Energieversorgung“.

Auf der Website hat das Unternehmen dafür sogar eine eigene Sparte: „Concept Green“. In einem kurzen animierten Video, welches komplett in dezenten Grüntönen gehalten wird, joggt ein junges Pärchen durch eine Parkanlage. Das Gezwitscher von Vögeln ist zu hören und im Hintergrund sind grüne Hochhäuser und Altbauten zu erkennen. Dazwischen befinden sich Fotovoltaikanlagen.

Die Frage nach „Concept Green“ wird im Gespräch mit Begriffen wie „ökologische Quartiersentwicklung“, „Ressourcenschonung“ und „Nachhaltigkeitsstrategien“ beantwortet.

Lebenswerte Quartiere schaffen – damit bewirbt sich die Grönergroup selbst und bringt dabei auch das eigene Engagement für soziale Projekte zur Sprache. Immerhin gehe es nicht zuletzt auch um Chancengleichheit. Aber nicht nur für die Bewohner vom Wagenplatz stellt sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit solcher Kampagnen, wenn zahlreiche Bäume, Hochbeete und einige geschützte Tierarten den Interessen von Aktionären weichen müssen und durch Beton ersetzt werden sollen.

Was nützt vermeintlich umweltgerechtes Bauen, wenn dadurch das zu Hause von Menschen bedroht wird, die versuchen, Biotope zu erhalten und darüber hinaus ein ernsthaftes soziales Miteinander pflegen? Plagwitz und nicht zuletzt ganz Leipzig würde eine grüne Oase mit kulturellem Anspruch verlieren.

Vorsichtige Hoffnung

Doch seit Kurzem scheint die Lage nicht so hoffnungslos wie zuerst angenommen. Die Öffentlichkeitsarbeit und die ausgearbeiteten Strategien sowie die Berufung auf die Anpassung an den Klimanotstand seitens der Stadt Leipzig haben Früchte getragen. War am Anfang noch das Gefühl der Unsicherheit vorherrschend, so ist die Stimmung jetzt motiviert und vorsichtig hoffnungsvoll. Im September fanden vor Ort und an vielen Plätzen in Leipzig die „Wagentage“ statt.

Es herrschte ein reger Austausch mit Besuchern aus anderen Städten, welche sich ähnlichen Problemen ausgesetzt sehen. Die Demonstration durch Plagwitz brachte 800 Menschen auf die Straße. Bei der im Sommer gestarteten Onlinepetition kamen innerhalb kürzester Zeit über 10.000 Unterschriften zusammen.

Und auch die städtische Planungsabteilung, welche für das Gebiet verantwortlich ist, zeigt nach anfänglicher Zurückhaltung wirkliches Interesse an dem Projekt. Denn die Menschen auf Karl Helga vereinen schon seit Jahren Dinge, die einen Stadtteil aufwerten; Kulturarbeit durch Veranstaltungen, Wohnen durch den Wagenplatz selbst, Kleingewerbe durch die dort lebenden Selbstständigen; und Natur, die Bäume, Biotope und Rückzugsorte für Tiere. Ein vorsichtiger Optimismus auf chancengleiche Aushandlung der Interessen zwischen Stadtbevölkerung und einzelner Investoren macht die Runde.

So wie es aussieht, dürfte es die Grönergroup nicht zu einfach haben, Karl Helga loszuwerden. Mane und seine Mitstreiterinnen werden weiter für den Erhalt ihres Platzes eintreten. „Erst dachten viele von uns, wir stünden kurz vor dem Aus. Die Stimmung heute ist eine ganz andere.“

Auf einer Stand-up-Veranstaltung des in der benachbarten Betonkiste heimischen „Radio Grethen“-Teams brachte es der aus Israel stammende Ron Guetta auf den Punkt: „Hier in Leipzig ist es schon lange nicht mehr wie in den 90ern oder in den Nuller-Jahren. Hier ist schon alles teuer und gentrifiziert. Aber wir machen trotzdem weiter und lassen uns nicht unterkriegen.“

*Name geändert

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