Nach der wahrscheinlichen Amokfahrt vom Montagnachmittag in Leipzig, bei der zwei Menschen ihr Leben verloren und weitere teils schwer verletzt und traumatisiert wurden, fand am Dienstagabend eine öffentliche Andacht in der Nikolaikirche statt. Im Anschluss gab es eine Kundgebung auf dem Kirchhof, bei der neben anderen auch der ehemalige Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff seine Gedanken am Mikrofon äußerte. Wir geben die Rede hier im Wortlaut wieder.

Etlichen unter uns wird es am gestrigen Montagabend ähnlich ergangen sein wie mir: Verwandte, Freundinnen, Bekannte haben sich per SMS, WhatsApp oder Mail besorgt erkundigt, ob man von dem Amoklauf betroffen ist. Gott sei Dank konnte ich wie die meisten von uns rückmelden: Nein, mir persönlich ist nichts widerfahren. Und doch sitzt der Schrecken tief – nicht nur in den Knochen, auch in der Seele.

Während der Amokfahrer am sonnigen Montagnachmittag auf der Grimmaischen Straße zwei Menschen in den Tod riss, viele weitere Menschen zum Teil schwer verletzte und unter Bürgerinnen und Bürgern Leipzigs Angst, Entsetzen und Trauer auslöste, saß ich mit einem syrischen Geflüchteten, inzwischen deutscher Staatsbürger, auf dem Richard-Wagner-Platz – nicht ahnend, welchen Grund die vielen Einsatzwagen der Polizei und Feuerwehr auf dem Ring hatten.

Unser Gesprächsthema war: Warum sind viele Menschen oft so wütend, aggressiv, abweisend? Mein Bekannter ist Omnibusfahrer und bekommt die Respektlosigkeit zu vieler Menschen täglich und unmittelbar zu spüren.

Ja, warum diese aggressive Wut, die gestern so viel Leid angerichtet hat? Vor dieser Frage sollen aber zwei Gedanken stehen:

  • Die Solidarität und das Mitgefühl mit den Menschen, die unmittelbar von der Amokfahrt betroffen sind und voller Trauer und Nichtverstehen das Entsetzliche kaum begreifen können: die Angehörigen der beiden Todesopfer, die vielen Verletzten, die Augenzeug/-innen der Schreckensfahrt; und dann die Helfer/-innen, Polizist/-innen und Rettungskräfte, die sofort zur Stelle waren. Sie alle müssen verarbeiten, was kaum zu fassen ist. Sie benötigen Begleitung auf dem Weg zurück in eine Welt, die zunächst zerbrochen ist. Lassen wir sie nicht allein und achten wir – nicht nur heute – ihre Arbeit.
  • Verantwortlich für die schreckliche Tat ist zuerst und vor allem der Straftäter, also der Mann, der mit seiner Amokfahrt bewusst und gezielt zwei Menschen ermordet hat und offensichtlich weitere töten wollte – und nicht etwa fehlende Poller, versagende Politiker/-innen oder sonst wer. Nichts kann und darf ein solches Verbrechen rechtfertigen oder entschuldigen.

Dennoch bleibt die Frage: Warum immer wieder diese Wut, diese Gewalt, dieser Hass unter uns Menschen? Warum mangelt es so vielen Menschen an einem inneren Krisenmanagement, um mit Niederlagen, Verwerfungen, Problemen umgehen zu können? Warum sehen sich derzeit Menschen in einem ständigen Kampfmodus? Warum so viel asozialer Egoismus? Warum investieren wir offensichtlich zu wenig in die Suche nach gemeinschaftlichen Lebensbedingungen, die jedem und jeder Freiraum bieten, aber auch für gerechte Lebensbedingungen sorgt und auf das verantwortliche Mitmachen eines jeden Menschen angewiesen ist?

Darüber müssen wir nicht nur nachdenken. Wir müssen im Guten streiten und Wege suchen zu einem Miteinander, das Unterschiedlichkeit zulässt, Angstfreiheit fördert und Verantwortung herausfordert – bei Kindern genauso wie bei Greisen. Wir sind alle aufeinander angewiesen. Darum müssen wir vor allem eines: aufeinander Rücksicht nehmen.

Das sage ich vor allem im Blick darauf, dass derzeit und weltweit zu viele Verrückte unterwegs sind und durch ihre aggressive Wut und ihren panischen Vernichtungswillen jeden Tag so viel Unheil anrichten – nicht zuletzt auch deshalb, weil sie sich in ihrer herrischen Anmaßung über alles Recht, über Gesetze und Ordnungen erheben, und mit ihrer unbändigen Aggressivität alle Regeln der Menschlichkeit beiseiteschieben. Darin sind sich ein Donald Trump und ein 33-jähriger Amokfahrer in Leipzig auf schreckliche Weise einig.

Wir aber dürfen uns von diesem Wut-Virus nicht anstecken lassen – auch nicht in der Trauer, die immer auch ein Wutpotential beinhaltet. Bitte bedenkt das – und lasst an diesem Abend auch diesen Gedanken zu: tiefe Dankbarkeit dafür, dass wir leben können im Angesicht des Todes – aber nicht mit Wut, sondern mit Respekt, Nächstenliebe, Ehrfurcht vor allem Lebendigen. Ich wünsche allen einen friedlichen Abend.

Christian Wolff, geboren am 14. November 1949 in Düsseldorf, war 1992–2014 Pfarrer der Thomaskirche zu Leipzig. Seit 2014 ist Wolff, langjähriges SPD-Mitglied, als Blogger und Berater für Kirche, Kultur und Politik aktiv. Er lebt in Leipzig und ist gesellschaftspolitisch in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens engagiert. Zum Blog des Autors: https://wolff-christian.de/ 

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