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Die schrille Rückseite einer von Konsum und Rausch besessenen Gesellschaft

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    Am Mittwoch, 24. August, hat das Gesundheitsamt der Stadt Leipzig ganz offiziell die Veröffentlichung des aktuellen Suchtberichts 2016 bekannt gegeben. Eigentlich nichts wirklich Spektakuläres, wenn man irgendwann einfach akzeptiert, dass Sucht die Grundkonstante der Konsumgesellschaft ist. Aber wer will schon gern die Rückseite einer von Gier besessenen Gesellschaft sehen?

    Hauptteil des Berichtes ist sowieso die Berichterstattung zu den Leistungen der Suchtberatungs- und Behandlungsstellen und Kliniken sowie über laufende Projekte der Suchtprävention. Die Stadt und zahlreiche Träger versuchen mit einem enormen Aufwand, die Folgen einer süchtigmachenden Gesellschaft aufzufangen. Hier landen Kinder, Jugendliche, Erwachsene, manche zur Prävention, manche, um mit den Folgen ungehemmten Konsums fertig zu werden.

    Und die Polizeidirektion Leipzig ist auch mit drin, die mit jenen Leuten zu tun hat, die mit illegalen Drogen Geschäfte machen.

    Wobei man schon beim Grundproblem ist: Die meisten Drogen – vom Alkohol bis zu diversen Aufputschmitteln – sind legal. Furore machen aber nur die Mittel, die illegal sind und für allerlei kriminelle Vereinigungen die absolute Gewinnware sind.

    In den Leipziger Suchtberatungs- und Behandlungsstellen wurden im Jahr 2015 insgesamt 4.260 Klientinnen und Klienten betreut. 2014 waren es 4.179. Das Problem entspannt sich also nicht unbedingt. Andererseits haben die Beratungsangebote so viel Vertrauen, dass sie von den Betroffenen nach wie vor angenommen werden. Was auffällt, ist die Tatsache, dass die Zahl der Klienten zwar leicht stieg über die Jahre – von 4.010 im Jahr 2009 auf 4.260.

    Dafür ging der Anteil der Betroffenen mit Alkoholproblemen deutlich zurück – von 2.173 auf 1.912. Was zumindest vermuten lässt, dass die deutlich verbesserte Arbeitsmarktsituation auch auf den Missbrauch beim Alkohol zurückgewirkt hat. Denn Drogenprobleme entstehen ja in der Regel erst nach den Problemen im persönlichen Leben.

    Und wer den Bericht genau liest, merkt, dass sich diese stressbesetzte Arbeitswelt auch darin auswirkt, mit welchen Mitteln sich Betroffene zudröhnen oder aufputschen.

    Hauptproblem bleiben substanzbezogene Störungen (Alkohol, Medikamente und illegale Drogen). Die Mehrzahl der Betroffenen konsumiert mehrere Substanzen (Alkohol und/oder illegale Drogen) und in vielen Fällen muss man von einer Mehrfachabhängigkeit sprechen. Es werden aber auch Menschen mit verhaltensbedingten Süchten, hier hauptsächlich Glücksspielsüchtige, betreut. Diese Fälle stiegen von 107 im Jahr 2014 auf 125 Fälle im Jahr 2015.

    Und auch nicht neu ist diese Feststellung: Alkohol ist nach wie vor die am häufigsten konsumierte Substanz. 1.912 Betroffene fanden den Weg in eine der Beratungsstellen.

    „Der Konsum von Alkohol und die damit einhergehenden Risiken werden in unserer Gesellschaft viel zu oft verharmlost. Alkoholprävention muss in den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen, in Schulen und bei Freizeitangeboten, ansetzen. Der alkoholfreie Wettbewerb ‚Shake Star‘ im Schreberbad ist dafür ein gelungenes Beispiel“, sagt Bürgermeister Thomas Fabian.

    Wobei sich das eigentlich nicht nur auf Alkohol allein bezieht. Denn junge Menschen werden auf allen Ebenen und Kanälen zu süchtigem Verhalten angefixt. Daran sind auch eine Menge Medien emsig beteiligt, die den Rausch und den Exzess als erstrebenswerten Zustand postulieren – vom Höhenrausch bis zum Konsumrausch: ein bewusstlos ausgelebter Zustand, der im Grunde den völligen Verlust von Kontrolle zum Ziel hat. Und sie schämen sich nicht mal über so viel Scheinheiligkeit.

    Das ist sie nämlich, die schäbige Rückseite einer Gesellschaft, die sonst gern Ordnung, Sicherheit und Kontrolle predigt und „Rauschgiftsüchtige“ jagen lässt.

    Wer ist hier eigentlich der Berauschte und der Süchtige?

    Der Bericht verrät es nicht, weil er nur über Symptome berichtet.

    Illegale Drogen zum Beispiel, die nur deshalb „verboten“ sind, weil jemand sie aus dem sonstigen Kanon der Rauschmittel aussortiert und für besonders schädlich erklärt hat. Das ist der beste Weg, die Drogenbarone in aller Welt richtig reich zu machen.

    Bei den illegalen Drogen gibt es – so versucht das Gesundheitsamt seine Analyse – eine weitere Zunahme beim Konsum von Methamphetamin (Crystal). Was nicht ganz stimmt. Denn man hat tatsächlich nur die Zahlen der Betroffenen, die durch die billige Droge mittlerweile amtlich registrierte Gesundheitsschäden davongetragen haben.

    Die Zahl der Crystalabhängigen lag demnach im Jahr 2015 erstmals über der Zahl der Heroinabhängigen. 2014 waren es 613 Heroinabhängige, 2015 ging die Zahl leicht auf 606 zurück. Die Zahl der Crystalabhängigen stieg von 585 im Jahr 2014 auf 658 im Jahr 2015.

    Auf Grundlage des Zehn-Punkte-Plans zur Prävention und Bekämpfung des Crystalkon­sums der Landesregierung wurden zusätzliche Angebote geschaffen. So wurde der Bereich Streetwork für diese Zielgruppe erweitert und es gibt ein spezielles Erstberatungsangebot für Jugendliche im Jobcenter. Diese sind niederschwellig und setzen in den Lebenswelten der Betroffenen an.

    Während erwachsene Drogenkonsumierende die Suchtberatungs- und Behandlungsstellen nutzen, wenden sich betroffene Kinder und Jugendliche und deren Familien vorrangig an die Berater des Projektes Drahtseil bei der Diakonie Leipzig. Dort wurden 2015 rund 300 junge Menschen unter 25 Jahren betreut.

    „Das Beratungsangebot für Jugendliche konnte Anfang des Jahres personell erweitert werden. Damit können wir nicht nur die Zielgruppe besser erreichen, sondern Themen, die in der Beratung eine Rolle spielen, können in den Präventionsprojekten gleich aufgegriffen werden“, informiert Sylke Lein, Suchtbeauftragte der Stadt Leipzig. Die Mehrzahl der Jugendlichen, die im Projekt Drahtseil Hilfe suchen, konsumieren Crystal. Daneben wird auch eine Zunahme von Cannabis beobachtet.

    Und am Ende zeigt auch die Polizei, wie eigentlich die Zahlen zu Drogendelikten zustande kommen. Denn 2015 waren die Polizeikräfte stark durch Legida beansprucht, konnten also deutlich weniger Drogenkontrollen durchführen als in den Vorjahren. Das hat viele Ergebnisse: So gingen die beim Fahren unter Alkohol und Rauschmitteln erwischten Zahlen von Fahrern drastisch zurück und auch die Anzeigen wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz gingen zurück. Bei Crystal Meth zum Beispiel von 733 Fällen auf 573. Wobei die Polizei betont, dass diese rückgängigen Zahlen nicht mit der zunehmenden Verbreitung der Rauschmittel korrespondieren.

    Aber wo keine Polizisten, da keine Kontrolle.

    Was auch Folgen im Bereich von Diebstahl und Einbruch hat. Da kann die Polizei zwar keine konkreten Zahlen nennen, weil die Einbrecher ja keinen Zettel zurücklassen, in dem sie erklären, ob sie nur aus Habsucht oder zur Finanzierung ihres Drogenkonsums einbrechen. Aber die Zahlen indirekter Beschaffungskriminalität sind aus den polizeilichen Ermittlungen her hoch, wenn auch nicht genau bezifferbar. Oder mal direkt zitiert: „Als deliktische Schwerpunkte indirekter Beschaffungskriminalität gelten im Stadtgebiet Leipzig Raub, Wohnungseinbruch und BSD7 an/aus Kfz. Die Raubdelikte sowie die Wohnungseinbrüche bewegen
    sich auf einem insgesamt hohen Niveau. Nach wie vor ist die Belastung der PD Leipzig mit Straftaten des BSD an/aus Kfz sehr hoch.“

    Und wenn man annimmt, dass ein Drogensüchtiger für seine Sucht 80 Euro pro Tag braucht, ahnt man, was für eine Wucht hinter dem Problem steckt – und wie es ganze Gebiete grauer und schwarzer Wirtschaft erst fruchtbar macht. Das wird meist vergessen, wie sehr auch die kriminellen Wirtschaftsbereiche von der Sucht der Konsumgesellschaft getrieben sind.

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