Die „Suchtberichte“ der Stadt Leipzig waren schon immer etwas schräg. Um es vorsichtig auszudrücken. Nicht weil die Suchtberatungsstellen und die vielen Helfer keine gute Arbeit machen. Das tun sie wohl. Und das spiegelt sich auch zuallererst in den Zahlen, die die Stadt jedes Jahr im „Suchtbericht“ veröffentlicht. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Das, was für die Helfer sichtbar wird.

„Suchterkrankungen sind für die betroffenen Menschen, deren Angehörige und Freunde oftmals mit viel Leid verbunden. Es ist und bleibt deshalb ein wichtiges Anliegen, die präventiven und die aufsuchenden Angebote auszubauen und zu stärken“, erklärt Sozialbürgermeister Thomas Fabian zum Erscheinen des neuen Suchtberichts, der eben nicht nur von der mühseligen Arbeit der Helfer erzählt, sondern vom falschen Umgang einer ganzen Gesellschaft mit dem Thema Sucht.

Die Problemlagen süchtiger Menschen werden vielfältiger, schreibt zwar die Stadt zur Einschätzung der Leipziger Suchtlage. Das erfordere differenzierte Angebote in der städtischen Suchthilfe und Prävention sei wichtiger denn je. Die von der Stadt Leipzig geförderten Jugendschutzprojekte haben fast 5.000 junge Menschen erreicht. Das Projekt „Wandelhalle Sucht“ der Suchtselbsthilfe Regenbogen leistete dabei mit seinen ehrenamtlichen Mitarbeitern einen großen Beitrag zur Alkoholprävention: An 131 Veranstaltungen nahmen mehr als 1.700 Personen teil.

Auch die Polizeidirektion ist eine wichtige Akteurin in der Leipziger Suchtpräventionslandschaft. Die Beamten organisierten mehr als 100 Veranstaltungen für gut 2.200 Schüler und Lehrkräfte.

Aber die Hilfesysteme sind vor allem darauf ausgerichtet, die Lebensqualität Betroffener zu erhöhen. Außerdem liegt ein Schwerpunkt auf der Prävention von durch Drogenkonsum verursachten Infektionskrankheiten. Unterstützung bieten unter anderem der Bereich Erwachsenenstreetwork oder Projekte zur Verhinderung oder Beendigung von Obdachlosigkeit. Aufsuchende Angebote für alkohol- und drogenabhängige Menschen wurden ausgebaut und haben sich zu einem festen Bestandteil des Hilfesystems entwickelt.

2017 haben die Streetworker insgesamt 7.960 Kontakte gezählt. Der überwiegende Teil der erreichten Personen ist männlich und älter als 27 Jahre. Jugendliche bzw. Heranwachsende werden kaum angetroffen. Hier lasse sich über Jahre ein klarer Trend zum Älterwerden der Szene feststellen, zumindest derer, die das Angebot nutzen.

Die Wurzeln des Rauschmittel-Marktes

Aber sie können die Wurzeln der Sucht nicht beseitigen, die tief in einer Gesellschaft zu suchen sind, die Sucht, Rausch und „Grenzerfahrungen“ regelrecht zum Daseinsmodus gemacht hat. Ergebnis: Wer in Deutschland Suchtmittel aller Art verkauft, findet einen unersättlichen Markt.

Die Polizei kann ein Lied davon singen. Und damit die Beamten im Einsatz nicht mutlos werden, suggerieren die Polizeiberichte jedes Jahr aufs Neue, dass man neue Erfolge in der Bekämpfung der Rauschgiftkriminalität zu feiern habe. Man hat nämlich noch mehr Dealer, noch mehr harte und weiche Drogen bei noch mehr Komplexkontrollen hochgezogen.

Das füllt so ungefähr die Hälfte des „Suchtberichtes 2018“ und liest sich dann so:

„Im Jahr 2017 wurde eine Zunahme von Delikten im Innenstadtbereich (Schwanenteich, Kleiner Willy-Brandt-Platz/Mülleranlage) festgestellt. Darauf reagierend haben Polizei und Ordnungsamt gemeinsam mit der Arbeitsgruppe der Bundes- und Landespolizei ‚BaZe‘ (Bahnhof-Zentrum) ihre Präsenz und Kontrollaktivitäten bis in die späten Nachtstunden verstärkt. Um Konflikten vorzubeugen, stehen die Vertreter/-innen der repressiven Behörden dabei im Austausch mit den Präventionsfachkräften der Sucht- und Drogenhilfe, insbesondere mit den Straßensozialarbeiter/-innen.“

Sisyphos bei der Arbeit

Man könnte fast kabarettistisch werden wie Dieter Hildebrandt. Das berühmte Deliktanzeigengerät im Präsidium hat „eine Zunahme von Delikten im Innenstadtbereich (Schwanenteich, Kleiner Willy-Brandt-Platz/Mülleranlage)“ angezeigt und sofort reagiert die Polizei, gründet eine Arbeitsgruppe und verstärkt die Einsätze vor Ort.

Durch die Leipziger Polizei sichergestellte Rauschmittel. Grafik: Stadt Leipzig, Suchtbericht 2018
Durch die Leipziger Polizei sichergestellte Rauschmittel. Grafik: Stadt Leipzig, Suchtbericht 2018

Ergebnis, ein paar Seiten später: „Der Kontrolldruck ist jedoch auch kritisch zu reflektieren, da er letztlich zu einer Verdrängung und Verlagerung auf andere Stadtteile, zentrale Plätze und Grünanlagen des öffentlichen Raumes führt. Dies ist insbesondere durch den angesprochenen anhaltenden Wegfall von Rückzugsgebieten zu berücksichtigen.“

Haben wir das nicht schon vor zehn Jahren erfahren? Auch da ging es schon um die Erhöhung des Kontrolldrucks – damals um die Eisenbahnstraße herum. Und um den verblüffenden Effekt: Diese verflixten Dealer weichen aus und verkloppen ihr Zeug nicht nur woanders – ihre Stammkundschaft folgt ihnen auch noch.

Das polizeiliche Lösungsmittel: „Aus diesem Grund geht es eben nicht nur um eine ständige Erhöhung des Kontrolldruckes, sondern auch um baulich gestalterische Anpassungen. Hier gab es im vergangenen Jahr einige Aktivitäten. Mit den zuständigen Fachbereichen wurden an Brennpunkten auch Grünpflegemaßnahmen mit angemessenem Rückschnitt, Schaffung von Sichtachsen, einhergehend mit geeigneten Ergänzungspflanzungen, Sicherung durch Einzäunung und Erweiterung der Beleuchtungselemente vorgenommen.“

Wenn man die Spitzbuben besser beobachten kann, machen sie keine Geschäfte mehr.

Denkste.

Die Mengen an aufgefischten Suchtmitteln (87 Kilogramm Marihuana, 4 Kilogramm Haschisch, ein halbes Kilo Heroin, 1,5 Kilo Kokain, 2,6 Kilogramm Crystal, über 1.100 Extasy-Pillen …) erzählen auch 2017 davon, dass der Rauschgiftsupermarkt Leipzig gut bevorratet ist und funktioniert. Und wahrscheinlich wird nach wie vor problemlos die ganze Region bedient, all die Leute, die das Zeug kaufen, egal, wie teuer es ist.

Und das sind nicht nur die üblichen Junkies.

Rauschgiftdelikte im Straßenverkehr

Was dann zum Beispiel die Verkehrsstatistik der Polizei belegt: „Die Fahrerlaubnisbehörde wurde im Jahr 2017 in 1.331 Fällen über Betäubungsmitteldelikte informiert. Diese Zahl hat sich gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Im Jahr 2017 betrafen 872 dieser Mitteilungen Inhaber/-innen einer Fahrerlaubnis. Das entspricht 65,5 % (Vorjahr 61 %) aller mitgeteilten Zuwiderhandlungen.

Nach festgestelltem Besitz sogenannter harter Drogen und dem Konsum von Cannabis zogen die Mitteilungen in 23,6 % der Fälle (Vorjahr 22,4 %) in 188 Fällen (Vorjahr 125) Anordnungen von ärztlichen oder medizinisch-psychologischen Gutachten an Fahrerlaubnisinhaber/-innen nach sich.“

Auch wenn man augenscheinlich öfter auch untersuchen lässt, ob diverse auffällige Verkehrsteilnehmer unter Betäubungsmitteleinfluss stehen, zeigen die Zahlen eben auch, dass einige Zeitgenossen jegliche Hemmungen verloren haben. Sie werfen sich das Zeug ein und fahren dann einfach los. Und: Es werden immer mehr. Kein beruhigender Gedanke.

Ein Ergebnis, das die Polizei mitteilt: „Bei 79 Verkehrsunfällen wurden 55 positive Gutachten (69,62 %) erstellt. In 606 Fällen handelte es sich beim Fahrzeugführer um eine männliche und in 92 Fällen um eine weibliche Person. Die Altersstruktur bewegt sich insgesamt zwischen 16 und 77 Jahren. In 227 der positiv beschiedenen 708 Fälle (32,06 %) lag Mischkonsum vor.“

77 Jahre?

Das hat dann wohl eher weniger mit dem zu tun, was seit gut zwei Jahren im „Bahnhofsviertel“ beobachtet wurde. Das ist ja jetzt das Hauptkampffeld der Polizei geworden: „Eine interne Recherche weist für Leipzig im Bereich Zentrum einschließlich Georgiring eine Steigerungsrate um 77 % gegenüber dem Vorjahr auf. Im Jahr 2016 wurden in diesem Bereich 535 BtM-Delikte, im Jahr 2017 insgesamt 949 Rauschgiftverfahren registriert.

Es kann eingeschätzt werden, dass sich die erhöhten Fallzahlen im Bereich der Rauschgiftkriminalität der PD Leipzig hauptsächlich auf das Zentrum der Stadt Leipzig konzentrieren und unmittelbar im Zusammenhang mit dem aktiven Anbieten von Cannabisprodukten durch Täter zumeist nordafrikanischer Herkunft in den Parkanlagen und dem erhöhten Verfolgungsdruck der Polizei in Zusammenhang stehen.“

Die Jagd auf die Cannabis-Dealer

Ganze Nationen diskutieren derzeit über die Freigabe von Cannabis, um dieses dem Alkohol verwandte Deliktfeld endlich ein bisschen zu entkriminalisieren. Und Leipzigs Polizei verstärkt (wir sind ja in Sachsen) den Verfolgungsdruck auf Cannabis-Anbauer (Verboten!) und Cannabis-Verkäufer (Verboten!).

So kann man sich eine ewige Sisyphos-Arbeit machen, wissend, dass die Käufer der berauschenden Produkte einfach nicht weniger werden – eher mehr. Der ganze Markt lebt davon, dass das sogenannte Suchtpotenzial in unserer Überdruck-Gesellschaft von Jahr zu Jahr wächst.

„Neben den Verfahren im Zusammenhang Cannabisprodukten spielen die Delikte im Zusammenhang Methamphetamin (Crystal) eine entscheidende Rolle. Die Fallzahlen sind gegenüber dem Vergleichszeitraum leicht gestiegen. Das im örtlichen Zuständigkeitsbereich der PD Leipzig angebotene Crystal stammt regelmäßig aus Tschechien“, stellt der Bericht fest.

Mit den Süchten der Leipziger wird in Tschechien richtig gutes Geld verdient. „Aufgrund der Nähe zum deutsch-tschechischen Grenzgebiet und den niedrigen Einkaufspreisen, verbunden mit den immer noch hohen Gewinnmargen wird der Rauschgifthandel vor allem von Crystal auf dem hohen Niveau verbleiben.“

Ich denke mal: Diese beklemmende Einsicht ist direkt aus den Zuarbeiten der Polizei.

Es schreit geradezu danach, die Drogenprävention in Sachsen endlich zu ändern.

Immer einen Schritt hinterher

Da kann man zwar die kleinen Händler auf der Straße wegfischen – was auch nicht viel bringt, weil es genug andere gibt, die das Geschäftsfeld nur zu gern übernehmen. Aber der Handel floriert längst schon woanders: „Das Phänomen des Vertriebs von Betäubungsmitteln über das Internet und die damit zusammenhängende Versendung von Betäubungsmitteln über den Postversand ist im Ansteigen begriffen.

Es werden vorwiegend Portale im TOR-Netzwerk genutzt. Ermittlungen bezüglich der Betreiber der relevanten Seiten auf dem gewöhnlichen Weg gestalten sich schwierig, da die Betreiber verschiedene Schutzmaßnahmen zur Identifikation vornehmen. Die Bezahlung wird in der Regel über die Internetwährung Bitcoin abgewickelt.“

Sisyphos bei der Arbeit.

Aber zuletzt landen all die Menschen, die mit ihrer Sucht ein echtes Problem bekommen (und das wenigstens noch merken) in den Suchtberatungsstellen der Stadt. Das kostet Geld, Geduld und jede Menge Zuversicht. Denn das sind eine Menge Menschen, die irgendwann gemerkt haben, dass der bejubelte Kick des „Ersten Mals“ sich in eine bittere und zermürbende Abhängigkeit verwandelt hat.

Die Daten aus den Suchtberatungsstellen für 2017 verweisen mit über 4.000 Klienten in der ambulanten Betreuung wie in den vergangenen Jahren auf eine hohe Inanspruchnahme der Beratungs- und Behandlungsangebote durch Suchtkranke bzw. Angehörige, teilt die Stadt mit. Die meisten Klienten kamen – nach wie vor – wegen einer Alkoholabhängigkeit. Mit 1.752 Fällen (rund 49 %) ist diese Gruppe am häufigsten vertreten.

1.641 Klienten haben sich wegen einer Abhängigkeit von illegalen Drogen an die Beratungsstellen gewandt. Die Entwicklung zeigt hier auch 2017 eine hohe Zahl von Menschen, die von stimulierenden Substanzen abhängig sind (v. a. Crystal Meth, 746 Fälle, 2016: 750), ebenso von Heroin (566 Fälle, 2016: 637). Bereits seit 2015 wird von einer Häufung der Cannabis-Abhängigkeit berichtet. Vor allem bei jungen Klienten stiegen die Fallzahlen auf 300 (2016: 289); häufig auch in Kombination mit anderen Drogen.

Und diese Kombination beunruhigt das Leipziger Gesundheitsamt zusehends. Denn mit dieser Kopplung unterschiedlicher Rauschmittel verschärfen die zumeist jungen Klienten ihre Probleme noch zusätzlich.

Was fehlt, sind natürlich Vergleichszahlen zur Gesamtbevölkerung, das, was erst ein großes Sucht-Bild für Leipzig ergäbe. Samt der sogenannten Grauzone, die ja eigentlich erst den schwarzen Markt der Suchtmittel befeuert. Denn es sind nicht nur die Junkies, die sich das nötige Geld oft über Beschaffungskriminalität besorgen, die diesen Markt am Laufen halten. Zahlen zur Beschaffungskriminalität hat auch Leipzigs Polizei nicht.

Denn nur selten kann man eine solche Tat direkt einer Suchtfinanzierung zuordnen. Aber die hohen Zahlen sprechen für sich. Im Bericht heißt es dazu: „Als Schwerpunktdelikte indirekter Beschaffungskriminalität gelten im Stadtgebiet Leipzig Raub, Wohnungseinbruch, besonders schwerer Diebstahl an/aus Kfz sowie Fahrrad- und Ladendiebstähle. Raubdelikte sowie Wohnungseinbrüche sind insgesamt leicht rückläufig.

Nach wie vor ist die Belastung mit Straftaten des BSD an/aus Kfz hoch, jedoch ist auch hier ein Rückgang zu verzeichnen. Bei Straftaten des Fahrraddiebstahls (2017: 10.027 Fälle im Bereich der Kreisfreien Stadt Leipzig) ist ein zunehmender Trend vorhanden.“

Die Dealer von geklauten Fahrrädern helfen also den Rauschgift-Dealern bei ihrem Geschäft.

Aber das ist dann schon ein anderes Thema.

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