Immer mehr Beschäftigte vor allem in der Großstadt sind von Schlafstörungen betroffen

Für alle LeserWirtschaftlicher Erfolg hat seinen Preis. Erst recht, wenn die Beschäftigten dabei immer flexibler und mobiler werden müssen. Da wird oft nicht nur der Abend zur zweiten Schicht, sondern auch noch die Nacht zur Arbeitszeit. Und das hat Folgen: Gerade in „Boom-Regionen“ nimmt die Zahl der von Schlafstörungen Geplagten zu, stellt die Barmer jetzt fest.
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Gesunder Schlaf fördert die Gesundheit, das Leistungsvermögen und die Produktivität am Arbeitsplatz. Allerdings treten immer weniger Menschen ihren Arbeitstag ausgeschlafen an. So kommt der BARMER Gesundheitsreport 2019 zu dem Ergebnis, dass in einem sächsischen Unternehmen mit 1.000 Beschäftigten rund 28 nicht richtig ausgeschlafen sind. Im Freistaat leiden mehr als 55.000 Beschäftigte, rund drei Prozent, unter ärztlich attestierten Ein- und Durchschlafstörungen.

Dabei dürfte die Dunkelziffer noch höher liegen, wie eine repräsentative Befragung der Bevölkerung zur Schlafgesundheit 2018 vermuteten lässt. Hier geben rund 37 Prozent der Sachsen zwischen 15 und 74 Jahren an, nicht ausreichend lange zu schlafen.

„Anhaltender Schlafmangel macht krank oder verlangsamt das Gesundwerden. Wer nicht ausgeruht ist, kann sich schlechter konzentrieren. In der Folge erhöht sich die Fehlerquote im Arbeitsalltag. Im schlimmsten Fall sind unausgeschlafene Beschäftigte sogar ein Sicherheitsrisiko, etwa dann, wenn sie einen PKW oder LKW fahren“, mahnt Dr. Fabian Magerl, Landesgeschäftsführer der BARMER in Sachsen. Er fordert mehr Prävention von Schlafstörungen in Schule und Beruf sowie eine höhere Behandlungskompetenz bei Ärzten, Therapeuten und Angehörigen anderer Gesundheitsberufe.

Diagnostizierte Schlafstörungen nach Bundesländern. Grafik: Barmer

Diagnostizierte Schlafstörungen nach Bundesländern. Grafik: Barmer

Trend ist steigend: Schlafstörungen werden zur Volkskrankheit

2010 bekamen rund 38.000 Beschäftigte in Sachsen von ihrem Arzt die Diagnose Ein- und Durchschlafstörung, 2017 waren rund 55.000 betroffen. Erhielten 2010 noch 19 von 1.000 Beschäftigten die Diagnose Ein- und Durchschlafstörungen, erhöhte sich die Anzahl der Betroffenen 2017 auf 28. „Die aktuelle Entwicklung betrachten wir mit Sorge. Sind doch die Auswirkungen von Schlafstörungen auf die Gesundheit und das Leistungsvermögen von Beschäftigten bislang drastisch unterschätzt worden“, sagt Magerl.

Denn stellt man die Befragungsergebnisse der Erhebung „Schlafgesundheit in Deutschland“ und die im BARMER Gesundheitsreport 2019 analysierten Diagnosezahlen gegenüber, wird sichtbar, dass weniger als die Hälfte der Betroffenen mit subjektiv empfundenen Schlafstörungen zum Arzt gehen. Nur 27 Prozent von ihnen erhielten nachfolgend auch eine entsprechende ärztliche Diagnose. Unter den Betroffenen finden sich mehr Frauen als Männer. Die Diagnosehäufigkeit steigt mit zunehmendem Alter.

Schlafmangel verlängert das Kranksein, begünstigt Demenz

Nach einer im Jahr 2016 veröffentlichten Studie für fünf OECD Staaten lassen sich bundesweit rund 210.000 Fehltage im Job auf Schlafstörungen zurückführen. Schlafstörungen sorgen neben der Verlängerung von Genesungsprozesse auch insgesamt für deutlich mehr Fehltage am Arbeitsplatz. „Eine reduzierte Schlafdauer und -qualität beeinträchtigt nicht nur das Befinden am Tage, sondern hat auch langfristige gesundheitliche Folgen, insbesondere für das Gehirn. Auch erhöhen dauerhafte Schlafstörungen im mittleren und höheren Lebensalter das Risiko, an einer Demenz zu erkranken“, sagt Dr. Moritz Brandt, Leiter des Neurologischen Schlaflabors am Uniklinikum Dresden. Laut Report waren im Vergleich zu ihren ausgeschlafenen Kollegen die „Schlafmangel-Geplagten“ durchschnittlich 36 Tage pro Jahr mehr krankgeschrieben. Dabei führt die Kombination von Schlafstörung und psychischer Grunderkrankung zu einer signifikanten Erhöhung der Fehltage.

Schlafkiller Schichtarbeit – ein Leben gegen den Rhythmus

Beschäftigte im Schichtdienst leben oft entgegen einem natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus. Sie arbeiten, wenn der Körper normalerweise schläft, und (sollen) schlafen, wenn er eigentlich auf Aktivität eingestellt ist. Auch ist ihr Schlaf am Tag im Schnitt um zwei Stunden kürzer als der normale Nachtschlaf. Das führt oft zu massiven Ein- und Durchschlafstörungen. Das mit Abstand größte Risiko unter den Beschäftigten dafür haben Bus- und Straßenbahnfahrerinnen und Straßenbahnfahrer, gefolgt von Maschinen- und Anlagenführerinnen und Anlagenführen.

Auch Beschäftigungen im Objekt-, Werte- und Personenschutz sowie Tätigkeiten in Callcentern bergen nach Analysen des BARMER-Reports ein großes Risiko für diese Störungen. In den genannten Berufen kommt Schicht- und Nachtarbeit vergleichsweise häufig vor. Hier finden sich oft überdurchschnittlich viele erkrankungsbedingte Fehlzeiten je Jahr. So sind zum Beispiel Menschen, die in Nachtschicht arbeiten, anfälliger für Erkrankungen des Verdauungsapparats, Magengeschwüre und Krebs. Auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Adipositas, Typ-2-Diabetes oder Depressionen kann sich durch Schichtarbeit erhöhen.

„Die Arbeitszeiten in bestimmten Berufsfeldern werden stark von den Wünschen und Bedürfnissen der Verbraucher und Nutzer bestimmt. Nacht- und Schichtarbeit wird es zukünftig wohl häufiger und in noch mehr Berufsbranchen geben. Umso wichtiger ist es, rechtzeitig geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um die Gesundheit zu fördern“, sagt Magerl.

Schichtarbeit – Auf der Suche nach erholsamen Schlaf

Wer schlecht einschlafen kann oder in der Nacht mehrfach aus dem Schlaf gerissen wird, kann sich schwer erholen. Um den Schlaf und damit die wichtige Erholung für den Arbeitsalltag zu verbessern, bedarf es präventiver Maßnahmen durch Arbeitgeber, Selbstdisziplin von Beschäftigten, aber auch rechtzeitiger medizinischer Diagnosen und Therapien. Dr. Moritz Brandt beschreibt die Situation so: „Das grundsätzliche Problem liegt darin, dass wir unseren Körper nicht überlisten und unseren Biorhythmus nicht komplett umstellen können. Es gibt aber durchaus Möglichkeiten bei der Dienstplangestaltung, Beachtung bestimmter Schlafenszeiten am Tage und auch Optimierung der Lichtverhältnisse am Arbeitsplatz Schlafstörungen in Folge von Schichtarbeit vorzubeugen.“

So schlafen die Sachsen: Unterschied zwischen Stadt und Land

Schaut man auf die Diagnosen, schlafen die Sachsen im bundesweiten Vergleich insgesamt besser als Beschäftigte in anderen Regionen Deutschlands. Dennoch gibt es auch Unterschiede in den einzelnen sächsischen Regionen. Bei Beschäftigten in Dresden, Chemnitz, Bautzen und Leipzig diagnostizierten Mediziner sachsenweit am häufigsten Ein- und Durchschlafstörungen. Hingegen im Erzgebirgskreis, Leipziger Landkreis und Meißen die wenigsten. Dabei erreicht Sachsen mit 27,6 Betroffenen auf 1.000 Beschäftigte noch einen vergleichsweise niedrigen Wert. In Ländern wie Bayern, dem Saarland, Hamburg oder Rheinland-Pfalz liegt der Wert über 40. Innerhalb Sachsens kommen Dresden und Chemnitz auf 30 Betroffene je 1.000 Beschäftigte. Leipzig und der Landkreis Bautzen liegen mit 29 dicht dahinter.

Datengrundlage: Analyse der Abrechnungsdaten von 3,9 Millionen Erwerbspersonen, das entspricht 11,4 % aller Beschäftigten in Deutschland (Report, S. 210)

 

Schlafstörungen
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