Auch Jugendliche leiden immer häufiger unter den Folgen von Stress, Leistungsdruck und Reizüberflutung

Für alle LeserEigentlich ist es ein Alarmzeichen, wenn schon Kinder und Jugendliche unter Kopfschmerzen leiden. Und zwar nicht nur einige wenige, sondern ziemlich viele: Mehr als jeder achte Jugendliche in Deutschland (12,8 Prozent) leidet unter ärztlich diagnostizierten Kopfschmerzen – 15 Prozent der Mädchen und knapp 11 Prozent der Jungen. Das ist ein Ergebnis des Kopfschmerzreports, den die Techniker Krankenkasse (TK) am Mittwoch, 19. August, vorgestellt hat.

Die sächsischen Ergebnisse unterscheiden sich kaum davon: Die TK-Auswertung zeigt, dass Kopfschmerzen für Kinder und Jugendliche eine große Belastung darstellen. In der Altersgruppe zwischen 15 und 19 Jahren stellen Ärzte bei jedem achten Jugendlichen (12,5 Prozent) in Sachsen Kopfschmerzen fest. Von ihnen leidet sogar fast jeder Dritte unter Migräneattacken (28,8 Prozent). Bei Jüngeren bis 14 Jahren sind sachsenweit 4,3 Prozent von Kopfschmerzen betroffen.

Das alles erzählt eben nicht davon, dass die jungen Leute krank im Kopf sind, sondern dass sie in einer Welt leben, die zunehmend Kopfschmerzen bereitet.

„Stress in der Schule, Angst, zu häufige und zu lange Reizüberflutung durch digitale Medien oder auch Lebensmittelunverträglichkeiten können Kopfschmerzen auslösen. Eltern sollten deshalb die Ursachen ergründen und mit den Heranwachsenden gemeinsam Dauerstress und innere Anspannung abbauen. Ausreichender Schlaf, regelmäßige Ruhephasen abseits von Smartphones oder Computern und vor allem sportliche Aktivität an frischer Luft sind die beste Medizin gegen Kinderkopfschmerz“, rät Simone Hartmann, Leiterin der TK-Landesvertretung Sachsen.

Denn die Meldung der Krankenkasse ist auch eine sehr zurückhaltende Kritik an den verschreibenden Ärzten.

Denn Kopfschmerzmittel lösen ja die schmerzauslösenden Umstände nicht, sie dämpfen nur das Schmerzempfinden.

Aber jeder Schmerz im Körper ist eine Warnung, dass etwas nicht stimmt. Dass etwas in den alltäglichen Abläufen geändert werden müsste – sei es die Minimierung des Medienkonsums, mehr Aufenthalte an der frischen Luft, ein anderer Umgang mit Schule und Leistungsstress. Denn wenn Schule Stress macht, läuft etwas falsch.

Dann werden die jungen Leute zwar mit einem enormen Anpassungs- und Ablieferungsdruck konfrontiert – aber ausgerechnet das, was dem Gehirn eigentlich Freude macht, das Lernen, wird mit Schmerzen verbunden. Dümmer kann man mit Bildung nicht umgehen.

Besser ist es, den Lebensstil zu verändern

„Es geht nicht darum, Schmerzmittel zu verteufeln. Aber ein verantwortungsvoller Umgang ist wichtig, um spätere Abhängigkeiten zu vermeiden. Wer zu schnell zu Paracetamol, Ibuprofen und Co. greift, läuft Gefahr, seinen Körper zu schädigen. Auch mit einer Anpassung des Lebensstils lässt sich viel erreichen, wichtig sind beispielsweise Bewegung, Entspannung und regelmäßige Schlaf- und Essenszeiten“, erklärt Dr. Jens Baas, Vorsitzender des Vorstands der TK.

Ärzte und Eltern sollten sich also doch lieber zehnmal überlegen, ob der oder die Jugendliche nun unbedingt ein Kopfschmerzmittel bekommen sollen, nur um einem gnadenlosen Leistungsdruck zu genügen.

Aber Eltern unterliegen ja selbst so einem Druck, wissen genau, wie gnadenlos eine Wettbewerbsgesellschaft funktioniert, die Menschen nicht nach ihrem Können und ihrer Persönlichkeit beurteilt, sondern nach Leistungspunkten.

Das ist auch in Sachsen so. Und so liegt Sachsen bei der Verschreibung von Kopfschmerzmitteln an Jugendliche mit an der Spitze, wie die TK feststellt.

In Sachsen erhält jedes vierte Kind unter 19 Jahren mit der Diagnose Kopfschmerz Arzneimittel verordnet. Mit 26 Prozent erreicht Sachsen damit nach Saarland (27,5 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (27,4 Prozent) den dritthöchsten Wert im Vergleich aller Bundesländer. Den geringsten Anteil verzeichnet Berlin mit 17 Prozent. Zu diesem Ergebnis kommt der Kopfschmerzreport, den die Techniker Krankenkasse (TK) gestern vorgestellt hat.

Und was die Kinder erleben, gehört eben auch für viele Erwachsene zum Alltag.

Dass Kopfschmerzen unter Erwachsenen weit verbreitet sind, zeigt die ebenfalls am Mittwoch veröffentlichte repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag der TK. Diese Methode wurde gewählt, da davon auszugehen ist, dass viele Erwachsene bei Kopfschmerzen nicht zu einem Arzt gehen. Deshalb ist die Häufigkeit in den Daten der Kassen stark unterrepräsentiert.

Der Umfrage nach hat jeder Achte mindestens einmal pro Woche Kopfschmerzen (12 Prozent), weitere 21 Prozent geben an, ein- bis dreimal im Monat unter Kopfschmerzen zu leiden. Außerdem wird deutlich: Kopfschmerzen sind „weiblich“. 20 Prozent der Frauen haben mindestens einmal in der Woche Kopfschmerzen, bei den Männern sind es vier Prozent. 36 Prozent der weiblichen Befragten geben an, dass sie sich bei Kopfschmerzen sehr stark oder stark in ihrer Lebensqualität eingeschränkt fühlen.

Schmerzmittel gehören für viele Menschen zum Alltag

Wenn sie Schmerzmittel benötigen, greifen sieben von zehn Befragten zu Medikamenten, die rezeptfrei in der Apotheke erhältlich sind. Am „beliebtesten“ ist dabei mit Abstand der Wirkstoff Ibuprofen. Prof. Dr. Hartmut Göbel von der Schmerzklinik Kiel berichtet: „Schmerzmittel sind ein Lebensmittel geworden, sie gehören für viele Menschen zum Alltag. Auch wenn es zunächst paradox klingt: Wer zu viele Schmerzmittel einnimmt, bekommt davon wiederum Kopfschmerzen.“

Deshalb sei es wichtig, die 10-20-Regel zu befolgen: „An weniger als zehn Tagen im Monat dürfen Schmerzmittel gegen Migräne und Spannungs-Kopfschmerzen eingenommen werden – und an mindestens 20 Tagen pro Monat keine.“

Aber auch das lindert nur, was eine völlig überdrehte Gesellschaft mittlerweile an permanenten Schmerzen produziert. Immer mehr Menschen sind außer sich und brauchen die Schmerzmittel, um weiter funktionieren zu können. Das kann eigentlich nicht das Bildungs- und Arbeitsideal einer gesunden Gesellschaft sein.

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