Kürzlich ist Professor Dr. Martin Lacher aus Tansania zurückgekehrt. Dort hat der 47-jährige Kinderchirurg keinen Urlaub gemacht, sondern war für die Stiftung Kinderchirurgie unterwegs, die er 2016 mit seiner Schwester, einer Kinderärztin, gegründet hat. Im Gepäck hatte der Mediziner, der als Chefarzt die Kinderchirurgie des Universitätsklinikums Leipzig leitet, Verbandsmaterial, Ersatzteile für medizinische Geräte und OP-Kleidung.

Alles Dinge, die der erfahrene Arzt für seinen Hilfseinsatz im Februar in Tansania benötigt, bei dem er überwiegend Kinder mit narbigen Fehlstellungen der Arme und Hände nach Verbrennungen, aber auch mit Beinachsenfehlstellungen und Bauchwandbrüchen operiert.

„Obwohl ich seit über zehn Jahren in medizinisch weniger entwickelte Länder reise, um kranke Kinder zu operieren, ist es jedes Mal wieder ergreifend“, sagt der Arzt, der lieber anpackt statt zu diskutieren.

Wenn der Facharzt für Kinderchirurgie in afrikanische Länder wie Tansania oder Äthiopien reist, ist das Bild bei der Ankunft immer das Gleiche: Unzählige Eltern warten mit ihren Kindern vor der Krankenstation. Viele von ihnen sind tagelang dorthin gelaufen, getrieben von der Hoffnung auf eine kostenfreie Behandlungsmöglichkeit für ihre Kinder.

Auch in Ifunda, einem kleinen Dorf rund 600 Kilometer westlich von Dar Es Salaam, warten die Familien auf die Ankunft der deutschen Ärzte. Gerade die Kleinkinder haben Brandwunden, die sie sich an den offenen Feuerstellen zuziehen, an denen tansanische Familien in ihren Hütten kochen.

„Tansania gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Eine ärztliche Versorgung für Notfälle gibt es kaum. Neben unerträglichen Schmerzen sind die Folgen der Verbrennungen entstellende Narben, die zu Gelenkversteifungen führen“, erklärt Lacher. Die Kinder können dann Arme oder Beine nicht mehr strecken oder anheben.

Um während des einwöchigen Aufenthalts möglichst vielen Kindern helfen zu können, gibt es für die behandelnden Ärzte einen straffen Zeitplan: „Als Erstes werden die Patienten gesichtet und untersucht. Um den Überblick zu behalten und Verwechslungen zu vermeiden, erhalten die Kinder Armbänder oder große Schilder auf dem Brustkorb mit fortlaufender Nummer, ihrem Namen und dem genauen Operationszeitpunkt. Dann erstellen wir die OP-Pläne“, berichtet Lacher.

In der Missionsstation Ifunda stehen zwei Operationssäle zur Verfügung. In einem werden überwiegend die Kinder mit Narben durch Verbrennungen operiert, in dem anderen finden Operationen für Kinder mit angeborenen Fehlstellungen statt.

Das Operationsteam von Prof. Martin Lacher in Ifunda. Foto: Stiftung Kinderchirurgie
Das Operationsteam von Prof. Martin Lacher in Ifunda. Foto: Stiftung Kinderchirurgie

„In Afrika werden viele Kinder mit Klumpfüßen, X-oder O-Beinen geboren. Während in Deutschland Kinder mit dieser Behinderung gleich nach der Geburt operiert werden, fehlt es vielen Familien im ländlichen Tanzania am Geld für die Operation“, erzählt Lacher.

„Da ihre Kinder aufgrund der Fußfehlstellung nicht gehen können, sitzen sie aus Scham in den häuslichen Hütten. Sie nehmen nicht am gesellschaftlichen Leben teil. Sie können nicht zur Schule gehen und nicht mit Freunden spielen.“

Rund 50 Operationen führen die deutschen Ärzte in einer Woche in Ifunda durch. Oftmals arbeiten sie zwölf Stunden am Stück. Das gehe auch mal an körperliche Grenzen, sagt Lacher. Aber am Ende des Tages lohne sich jede investierte Minute.

„Durch unsere Operationen verändern wir nicht die ganze Welt. Aber die ganze Welt verändert sich für dieses eine Kind“, ist der Mediziner, der selbst Familienvater ist, überzeugt. Das gibt ihm Kraft und ermutigt ihn, in seiner Freizeit den Ärmsten der Armen zu helfen.

Auch das nächste Projekt ist schon angelaufen: Die Stiftung Kinderchirurgie möchte mit dem Projekt „Hawassa Child“ eine Abteilung für Kinderchirurgie am Klinikum der Stadt Hawassa in Äthopien, rund 300 km südlich von der Hauptstadt Addis Abeba, aufbauen.

„12 Prozent der Todesfälle von Kindern unter 5 Jahren sind durch Unfälle oder angeborene Fehlbildungen bedingt. Die Krankenhäuser sind nicht für die Operationen an Kindern ausgestattet“, weiß Lacher. Zurzeit sind die Ärzte der Stiftung Kinderchirurgie auf der Suche nach Spenden und Sponsoren, die das Projekt unterstützen.

„Wir arbeiten ehrenamtlich, aber um den Bau von OP-Sälen oder die dringend notwendigen kinderchirurgischen Instrumente zu finanzieren, sind wir auf Spenden angewiesen“, sagt Lacher.

Die Stiftung Kinderchirurgie wurde 2016 von Prof. Dr. Martin Lacher, Facharzt für Allgemeine Chirurgie und Kinderchirurgie und Chefarzt der Kinderchirurgie des Universtitätsklinikums Leipzig, und seiner Schwester, einer Kinderärztin, gegründet.

Das Ziel ist, Kindern mit angeborenen und erworbenen Fehlbildungen in medizinisch weniger entwickelten Ländern zu helfen und zu operieren. Die Eingriffe sind in Deutschland oftmals “Routine-Operationen”.

In Ländern wie Vietnam, Äthiopien oder Tansania fehlen aber die medizinischen Möglichkeiten und ausgebildeten Ärztinnen und Ärzte. Deswegen bildet das Ärzteteam der Stiftung Kinderchirurgie bei seinen Einsätzen auch das medizinische Personal vor Ort fort, um ihnen die Möglichkeit zu geben, perspektivisch selbst die Kinder zu operieren.

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