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Nächstes Stück Elstermühlgraben ist jetzt für 7,3 Millionen Euro fertig gestellt worden

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    So sieht eine ordentliche Wohnstube aus. Zumindest, wenn man Beton mag. Am Donnerstag, 21. Mai, wurde mit Blasmusik und vielen neugierigen Anwohnern der neueste frei gelegte Abschnitt des Elstermühlgrabens zur Nutzung freigegeben. Offiziell: Abschnitt 3.3. Denn der gesamte dritte Abschnitt ist der teuerste. Dauert auch am längsten. Aber im September schon geht's weiter.

    Da hatte Lutz Spandau, Vorstand Allianz Umweltstiftung, wohl recht, als er vor drei Jahren auf dieses Stück verschütteten Elstermühlgrabens an der Carl-Maria-von-Weber-Straße schaute und an die möglichen Überraschungen dachte, die im Untergrund lauern könnten. Recht hat er behalten. Die Überraschungen tauchten auf in Form ölhaltiger Ablagerungen, die das kleine, 150 Meter lange Kanalstück gleich mal um 1,3 Millionen Euro teurer werden ließen.

    Ursprünglich war der Abschnitt von der Westbrücke bis zur Elsterbrücke für 5,6 Millionen Euro geplant gewesen. So ein wenig ahnten Leipzigs Planer schon, dass der einst von Karls Heines Transporten als Verladestützpunkt (Kaistraße) genutzte Grabenabschnitt es in sich haben würde. Auch die noch von Karl Heine gebaute Westbrücke musste ersetzt werden. Aber was in DDR-Zeiten 1961 einfach vermauert und außer Sicht gebracht wurde, entpuppte sich dann doch als eine Herkulesaufgabe – die Kosten stiegen am Ende auf 7,3 Millionen Euro. Wahrscheinlich ist das trotzdem gut angelegtes Geld – aus all den Gründen, die Oberbürgermeister Burkhard Jung am Donnerstag  bei seiner Rede anführte. Ein bisschen mehr Hochwasserschutz wird’s geben. Wozu nicht nur der freigelegte Elstermühlgraben gehören wird. Denn um die Fluten der Weißen Elster hier nichts ins Stadtgebiet rauschen zu lassen, braucht es noch ein Wehr in Höhe des Schreberbades.

    Plakettenübergabe am Elstermühlgraben. Foto: Ralf Julke
    Plakettenübergabe am Elstermühlgraben. Foto: Ralf Julke

    Das war in der letzten Stadtratsvorlage in den nächsten Bauabschnitt vertagt worden. Nun stellte Burkhard Jung den Bau des Wehres für September in Aussicht. Dann beginnt tatsächlich – wenn alles nach Plan läuft – der nächste Bauabschnitt. Diesmal am anderen Ende von Abschnitt 3: zwischen Thomasiusstraße und Lessingstraße. „Und da beginnt es gleich mit einem sehr aufwändigen Brückenprojekt, der Funkenburgbrücke“, sagte Jung.

    Noch steht die Gesamtkalkulation für den gesamten Bauabschnitt von Westbrücke bis Funkenburgbrücke bei 18,3 Millionen Euro. 2020 soll alles fertig sein. Neben der Funkenburgbrücke stecken noch zwei wichtige Brückenbauten im Projekt.

    Aber wenn dieser Mühlgraben tatsächlich freigelegt ist, dann kann tatsächlich gepaddelt werden vom Stadthafen bis zum Naturkundemuseum. Bauzeit: 16 Jahre. Denn schon 2004 wurde der erste Abschnitt am Ranstädter Steinweg neu gebaut. Bis dahin gluckerte das Wasser in einer Wölbleitung unter der Jahnallee, mitten unter den Gleisen, wohin es die Leipziger schon 1879 verbannt hatten, um im Ranstädter Steinweg Platz für eine ordentliche Zubringerstraße zu bekommen. 2004 wurde der komplette Graben auf die Südseite der Straße verlagert, dorthin, wo 1879 gar nicht hätte gebaut werden könnnen, weil hier das Naundörfchen stand. Das wurde dann im 2. Weltkrieg Opfer der Bomben, die neuen Wohnbauten an der Stalinallee (ja ja, auch Leipzig hatte eine), wurden um 20 Meter zurückversetzt. 20 Meter, die jetzt Raum genug boten für den neuen Elstermühlgraben (und so nebenbei fanden die Archäologen hier einen Bronzeschatz, der einst in der Weißen Elster versenkt worden war – die floss hier übrigens auch 1813 noch, als die berühmte Elsterbrücke gesprengt wurde).

    OBM Burkhard Jung auf einer der neuen Uferbänke am Elstermühlgraben. Foto: Ralf Julke
    OBM Burkhard Jung auf einer der neuen Uferbänke am Elstermühlgraben. Foto: Ralf Julke

    So ein bisschen steckte Burkhard Jung der großen Stadt Berlin bei der Gelegenheit die Zunge heraus: „Berlin kann eine Menge von uns lernen“, meinte er, was die Pünktlichkeit des Bauvollzugs betrifft.

    Aber ein Kanalstück ist nun mal kein Flughafen. Auch wenn das neue Kanalstück ein bisschen so aussieht – ein praktisches Bauwerk in Sichtbeton. Da und dort rankeln ein paar frisch gepflanzte Kletterpflanzen. Und unübersehbar fehlt jetzt noch die Sanierung der Uferstraße.

    Eine Treppenanlage und eine Rampe führen hinunter zum Wasser, wo Boote anlegen können. Manchmal taucht auch Jan Bentzien auf, der fleißige Wassermedaillensammler, der 200 Meter weiter den Stadthafen betreibt. Aber zum Trainieren eignet sich der neue Graben nicht. Das Wasser ist zu flach.

    Aber es wertet den Stadtteil auf. Hier haben Investoren schon in Häuser investiert, bevor alles fertig war und auch an dieser Stelle „Wohnen am Wasser“ möglich wurde. Diese emsige Freilegung der alten Mühlgräben, so Lutz Spandau, war wohl auch der Grund, warum Leipzig 2013 den Preis der nachhaltigen Stadt bekam. 2013. Von diesem Jahr wird noch oft geredet werden. Denn seitdem hat auch die Landesregierung so ein nasses Achtungszeichen bekommen: Hochwasserschutz allein an Gewässern 1. Ordnung genügt nicht. Auch die Kommunen brauchen Unterstützung bei der hochwassertechnischen Aufrüstung.

    Die ersten Paddler im neuen Grabenabschnitt. Foto: Ralf Julke
    Die ersten Paddler im neuen Grabenabschnitt. Foto: Ralf Julke

    „Denn solche Jahrhunderthochwasser wie 2013 werden wir wohl noch viel öfter bekommen in Zukunft“, sagt Burkhard Jung. Recht hat er. Da braucht man freie Abflüsse.

    Prof. Martin Socher aus dem Sächsischen Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft brachte sogar eine neue Zahl mit: Dort wird das Elsterhochwasser von 2013 mittlerweile als 500-jähriges Hochwasser bezeichnet. Für solche Wassermassen reichen die Schutzmaßnahmen in Leipzig allein nicht aus. Socher erinnerte an den glücklichen Umstand, dass das Hochwassereinlassbauwerk am Zwenkauer See im Mai 2013 gerade fertig war, bevor im Juni die große Welle kam.

    Ansonsten gab’s neben Blasmusik noch drei Erinnerungsplaketten, die noch am Ufer befestigt werden. An der Carl-Maria-von-Weber-Straße wird’s jetzt erst mal etwas ruhiger. Die Baustelle rückt jetzt zur Thomasiusstraße rüber. Der dortige Abschnitt ist mit 3,1 Millionen Euro geplant. Aber Geduld braucht’s trotzdem noch. 2020 ist noch ein bisschen hin. Vielleicht kann man ja gemeinsam mit Berlins neuem Großflughafen eröffnen. Der ist vielleicht sogar schneller fertig als der Elstermühlgraben.

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