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Donnerstag, 21. Januar 2021

25 Bruterfolge gab es 2015 im Leipziger Auwald, aber ohne Floßgraben geht es nicht

Von Ralf Julke

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    Der Eisvogel ist zwar kein störrisches Tier, aber er beschäftigt die Gemüter der Leipziger nun seit vier Jahren auf ganz besondere Weise. Und das zu Recht. Denn kein anderes Lebewesen im Auwald hat so ein schillerndes Blau. Und er ist ein Signalgeber dafür, ob es dem EU-Vogelschutzgebiet Leipziger Auwald gut geht. "Dem Eisvogel jedenfalls geht es gut", sagt Dr. Bert Meister. Er ist als Ornithologischer Gutachter der Stadt Leipzig seit 2011 im Auwald unterwegs.

    Er kartiert das Brutgeschehen der kleinen Vögel. Am Donnerstag, 24. September, hatte das Umweltdezernat zum Pressetermin eingeladen. Die Wassersaison ist zwar noch nicht ganz zu Ende, die Eisvogel-Beobachtungssaison auch nicht. Aber am 5. September hat das Amt für Umweltschutz ganz offiziell die Allgemeinverfügung für den Floßgraben aufgehoben. Die gehört nun seit Jahren zum Standard am Floßgraben und schränkt während der Brutzeit der Eisvögel die Durchfahrt für Boote ein.

    Im Vorfeld für die 2015er Regelung mit drei Durchfahrtfenstern gab es heftige Diskussionen. Schon im Vorjahr hatte es genug Verstöße von rücksichtslosen Zeitgenossen gegen die Bestimmungen der Allgemeinverfügung gegeben. Da hatten gerade die Umweltverbände mit einer weiteren Einschränkung in der Brutzeit gerechnet.

    Wohl wissend, dass man mit dem Floßgraben immer einen Nerv trifft: Als Teilstück des Kurs 1 aus dem Wassertouristischen Nutzungskonzept (WTNK) ist er die einzige Wasserverbindung aus dem Leipziger Gewässerknoten zum Cospudener See, stark frequentiert seit dem „Tag Blau“ 2011, mit dem der Kurs 1 eröffnet wurde. Und seitdem wird auch heiß darüber diskutiert, ob die starke Nutzung den Eisvogel nun in seinem Brutverhalten stört oder nicht. Und ob er vielleicht gar ausweicht, wenn es ihm hier zu hektisch wird.

    Doch der Floßgraben ist seit Jahrzehnten ein bevorzugtes Revier für den Eisvogel. Es gibt zwar auch nachweisbare Bruterfolge in anderen Teilen des Gewässersystems – an der Weißen Elster, an der Parthe und am Elstermühlgraben – aber wirklich zuhause ist er im Südlichen Auwald. Das wurde für Bert Meister 2015 wieder deutlich, als er insbesondere die Bruterfolge an der Weißen Elster nördlich des Stadtzentrums mit denen im Südrevier verglich: Im Süden wurde doppelt so häufig gebrütet wie im Norden.

    18 Brutpaare hat er im heißen Sommer 2015 gezählt, sechs mehr als im Vorjahr. „Der Klimawandel kommt dem Eisvogel eindeutig entgegen“, sagt er.

    Zwei milde Winter ließen die Eisvogel-Population stark anwachsen

    Ob das so bleiben wird, ist freilich fraglich. Denn in den Vorjahren hat auch der Leipziger Eisvogel oft heftige Populationseinbußen erlebt. Bis zu 75 Prozent der Brut hat die harten Winter nicht überlebt. Deswegen war über Jahre eher ein Aufkommen zwischen 2 (2006) und 5 Brutpaaren (2011) die Regel im Leipziger Auwald. Erst 2014 gab es nach einem milden Winter und einem frühen Beginn der warmen Temperaturen die erstaunlich hohe Zahl von 14 Brutpaaren, die Meister zählen konnte. Eine Zahl, die die Stadtverwaltung dann schon mal zu der Meldung veranlasste, dem Eisvogel ginge es gut, die Bruterfolge seien bestens und eine Negativfolge durch die geregelte Öffnung des Floßgrabens sei nicht abzusehen.

    Doch auch 2015 war ein Jahr mit einem warmen Winter und einer langen Warmperiode. 18 Brutpaare hat Meister gezählt, 14 davon kamen zu teils mehrfachem Bruterfolg. Fünf Eisvogel-Brutpaare brüteten sogar zwei Mal, drei sogar drei Mal. Insgesamt zählte der Ornithologe 25 erfolgreiche Bruten. Heißt: Die Jungen schlüpften, wurden gefüttert und probierten das Fliegen. Ob sie den Winter überleben, kann natürlich auch Meister nicht sagen. Und für Meister auffällig ist die Verteilung: Die Vielbrüter waren alle im südlichen Auwald zu finden. Dort lebt die Kernpopulation der Leipziger Eisvögel, auch wenn in diesem Jahr auch erstmals Bruten am Karl-Heine-Kanal und an der Nahle nachgewiesen wurden. Auch an der nördlichen Weißen Elster gab es vier Paare. „Doch das sind für den Leipziger Eisvogel alles periphere Brutgebiete“, sagt Meister. Die Vögel weichen also vor allem aus, weil das südliche Jagdrevier schon dicht besetzt ist.

    Der Floßgraben ist das Herz der Leipziger Eisvogel-Welt

    Das eigentlich wichtige Kerngebiet zum Erhalt der Population ist eindeutig am Floßgraben, wo auch die meisten Mehrfachbruten registriert wurden.

    Es steckt also eher eine doppelte Botschaft in der Kartierung durch Bert Meister. Die eine ist: Die Wetterbedingungen in den Jahren 2014 und 2015 haben der Leipziger Eisvogelpopulation gut getan, haben die Mortalitätsrate so weit gesenkt, dass viele Paare ihr Glück an neuen Ufern versuchten. Sogar ein echtes Bruttrio hat Meister beobachtet mit einem Männchen und zwei Weibchen. Die Vögel tun also mit einem ungeheuren Elan alles, um so viel wie möglich Nachwuchs heranzuziehen, um eventuell auch wieder richtig knackekalte Winter zu überstehen.

    Und die zweite ist: Der Floßgraben als Brutrevier ist unersetzlich.

    Nicht alle Fließgewässer im Leipziger Auwald sind für den Eisvogel attraktiv. Immerhin hat Leipzigs Amt für Stadtgrün und Gewässer 2015 erstmals versucht, dem Eisvogel drei künstliche Bruthöhlen anzubieten. „Eine davon hat ein Brutpaar angenommen“, sagt Meister. „Das ist ein Erfolg.“

    Aber gleichzeitig schätzt er ein, dass die Population mit 18 Eisvogel-Paaren im Auwald ihre maximale Ausdehnung erreicht hat. Mehr ginge nicht, sagt er.

    Was dann die Frage aufwirft: Ja, wie wirken sich denn nun die Störungen durch die Bootsfahrer im Floßgraben aus?

    Das versuchen wir im nächsten Teil der Geschichte aufzudröseln.

     

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