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Eine Wiederbelebung des 80 Jahre alten Stausees würde über 4 Millionen Euro kosten

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    Vor acht Jahren, als zum letzten Mal intensiv über die Zukunft des Elsterstausees diskutiert wurde, schien alles noch ganz einfach. Man könnte die Risse in der Sohle des künstlichen Staugewässers irgendwie kitten, die Pumpe wieder anwerfen und könnte den einst beliebten Ausflugssee bei Knauthain wieder zum Leben erwecken. Aber mit 60.000 Euro, wie damals vermutet, ist es nicht getan.

    Das belegt jetzt die Vorlage des Umweltdezernats, mit der das Verfahren zur Entwidmung des Stausees eingeleitet werden soll. Das muss der Stadtrat beschließen, dann geht der Antrag an die Landesdirektion, die diese Entwidmung in Gang setzen kann. Oder auch nicht. „Wir wissen ja noch nicht, wie die Landesdirektion entscheidet“, sagt Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal.

    Grundlage für die Vorlage ist ein Gutachten, mit dem das Umweltdezernat die mögliche Wiederherstellung des 1933 bis 1935 geschaffenen Stausees untersuchen ließ. Gebaut wurde der künstliche See damals nicht, um ein Erholungsparadies zu schaffen, sondern um die Wasser des Elstermühlgrabens zu klären. Es war ein riesiges Absetzbecken, doppelt so groß wie heute, das über den Elstermühlgraben auch die Abwässer vieler Ortschaften aufnahm. Das Becken hatte man einfach auf die Wiese gebaut, 2,5 Meter hohe Dämme drumherum – fertig der See. Aber weil es vergleichbar große Seen nirgendwo sonst im Leipziger Raum gab, entwickelte sich der See schnell zum Freizeiterlebnis der Leipziger. Auch die Angler freuten sich, weil es im See von Karpfen, Schleien und Aalen wimmelte. Ab 1938 schwammen auch noch zwei Personenboote auf dem See.

    So beginnt eine schöne Legende. Sogar die Straßenbahn sollte mal bis zum See verlängert werden, so rege war der Besucherverkehr. Und auch nach dem Krieg ging das Abenteuer weiter, wurde der See von den Leipzigern emsig zum Segeln, Baden, Angeln genutzt. Bis 1976. Da rückte der Tagebau Zwenkau vor und verschlang die Hälfte des Seegrundstücks. Die Verbindung zum Elstermühlgraben wurde gekappt, die Seefläche halbiert. 1982 wurde der See wieder geflutet, aber ab da musste das Wasser aus der Weißen Elster extra hineingepumpt werden. Bis Ende der 1990er Jahre leistete sich Leipzig den Spaß – dann fehlte das Geld zum Pumpbetrieb. Der wurde eingestellt. Der See verlandete.

    Und man wird ihn nicht einfach wieder vollpumpen können. Das wurde klar, als man den See auf Grundlage des Sächsischen Wassergesetzes und der heute gültigen technischen Regeln für Staugewässer untersuchte. Diesen Regeln (DIN19700) genügen die 1933 bis 1935 aufgeschütteten Dämme nicht. Sie sind nicht stabil genug, brauchen eine völlig andere Kubatur. Müssten also nach heute gültigen Maßstäben neu gebaut werden. Einzige Ausnahme, so Rüdiger Dittmar, Leiter des Amtes für Stadtgrün und Gewässer, wäre der Norddamm, der eigentlich ein großer breiter Erdwall ist, auf dem auch die einst beliebte Ausflugsgaststätte steht.

    Alle anderen Dämme müssten komplett neu errichtet werden. Kostenpunkt allein für diese Neubaumaßnahme: rund 4 Millionen Euro.

    2 Millionen Euro würde allein der Westdamm kosten, der den See zum Flussbett der Weißen Elster hin abgrenzt. Da wäre man direkt in der sächsischen Hochwasserschutzpolitik. 2013 musste dieser Damm das letzte Mal die Hochwasser der Weißen Elster abwehren, auch wenn der See bei diesem Hochwasser noch einmal kurzzeitig mit 500.000 Kubikmeter Wasser geflutet wurde, also einen winzigen Beitrag zur Minderung des Hochwassers beibrachte. Zum Vergleich: der Zwenkauer See nahm 18 Millionen Kubikmeter auf, die Burgaue auch noch einmal um die 10 Millionen.

    Im Hochwasserschutzkonzept des Freistaats spielt der Elsterstausee deshalb keine Rolle. Ob bei der Prüfung durch die Landesdirektion ein anderes Ergebnis herauskommt, ist offen. „Aber wir sind ja die ganze Zeit mit Vertretern der Landesdirektion im Gespräch“, betont Rosenthal. Und dort unterstütze man wohl das Konzept, aus dem Stausee einen naturnahen Erholungsraum zu machen. Dazu müssten die Dämme nicht erneuert werden, nur regelmäßig von Schafen beweidet.

    Die Seesohle selbst wird als auenähnliches Grünland bewirtschaftet. Dazu werden große Wiesen frei gehalten, auf denen Schafe und Ziege weiden können, einige Teile werden mit Weiden besetzt, ein Teil wird dem natürlichen Wachstum überlassen. Offizielle Wegesysteme soll es nicht geben, aber auch kein Betretungsverbot. Es soll eher ein Refugium für Naturliebhaber werden, meint Stadtförster Andreas Sickert.

    Zumindest ist das die Vision des Umweltdezernats, wie sie jetzt den Stadträten vorgestellt wird. Beschlossen ist das noch nicht. Denn wie das Ganze später wirklich einmal aussehen soll, das soll mit einer richtigen Bürgerbeteiligung geklärt werden. Der Ortschaftsrat Hartmannsdorf-Knautnaundorf sei schon am 28. Februar über die Pläne informiert worden. Mit dem Förderverein Elsterstausee sei man sowieso die ganze Zeit in Gesprächen, sagt Rosenthal. Der ist zwar nicht begeistert, trage aber die Vorstellungen zur Entwicklung einer naturnahen Landschaft mit.

    Aber Bürgerbeteiligung kann es erst geben, wenn die Landesdirektion den See tatsächlich als Staugewässer entwidmet hat und geklärt ist, wer nun für welchen Teil des Geländes verantwortlich ist. Sehr wahrscheinlich ist, dass der Westdamm an der Weißen Elster direkt in die Hoheit der Landestalsperrenverwaltung wechselt, die ein ziemlich großes Interesse daran haben dürfte, den 80 Jahre alten Damm durch ein modernes Deichbauwerk nach DIN-Norm zu ersetzen.

    Den Kostenpunkt hat das Umweltdezernat auch mit in die Vorlage geschrieben: rund 2 Millionen Euro.

    Denn wenn der Damm bei der Stadt Leipzig bleibt, müsste die Stadt mit Sicherheit einen hochwassersicheren Deich bauen, um das dahinter liegende Gelände gegen unkontrolliertes Einströmen von Hochwasser zu sichern. Deswegen ist auch die Entwidmung des Stausees mit 2 Millionen Euro beziffert.

    Eine wirkliche Alternative ist die Instandsetzung des Sees nicht. Die 4,4 Millionen Euro, die dazu mindestens nötig wären, sind aus Sicht des Umweltdezernats wirtschaftlich nicht vertretbar. Im Grunde hat man schon auf naturnahe Bewirtschaftung umgestellt. Der wilde Strauch- und Baumbewuchs des Seebodens wurde 2016 schon einmal flächenhaft geschlagen und gemulcht, wie Andreas Sickert erklärt. „Schon heute grasen Schafe und Ziegen auf dem Gelände“, sagt der Förster. „Auch unser Beweidungsprojekt ist schon lange nicht mehr nur auf die Südecke des Sees beschränkt.“

    Mit Huftieren wird am Südufer des einstigen Stausees schon seit ein paar Jahren der Wald licht gehalten. Die Tiere sind dort auch für Fußgänger und Radfahrer zu beobachten, wie sie das Unterholz kurz halten. Und ganz ähnlich soll das künftig in einem Teil des Seegrundes passieren.

    Was mit den Gebäuden am See passiert, ist noch völlig offen. Das behalte man der Bürgerbeteiligung vor, so Rosenthal. Die Ratsfraktionen haben die Vorlage am Montag zugeleitet bekommen. Am 12. April könnte dann die Ratsversammlung schon darüber abstimmen, ob Leipzig den Antrag auf Entwidmung des Stausees stellt. Das Ergebnis wird wohl ein trauriges, aber deutliches „Ja“ sein. Denn die Landesdirektion hat noch etwas angedeutet, was der Seebefüllung eigentlich den Garaus macht. „Sie hat eindeutig klargestellt, dass sie einer Zuleitung von ungeklärtem Wasser nicht zustimmen wird“, sagt der Umweltbürgermeister. Also einfach nur Wasser aus der Weißen Elster in das Seebecken pumpen, geht nicht. Leipzig müsste extra noch eine Kläranlage bauen. Was die Kosten noch einmal deutlich erhöhen würde.

    Da betrachtet man die geplante auenähnliche Landschaft dann lieber als Gegengewicht zum stark frequentierten Cospudener See, als Oase der Stille für Leute, die in die Natur fahren, um auch mal ein bisschen Ruhe zu finden.

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