Erst Alarm schlagen und dann einschlafen

Die Pläne zur Freilegung der Alten Elster sind nun auch schon 15 Jahre alt

Für alle LeserIm Sommer beantragte die Grünen-Fraktion im Stadtrat die Prüfung für den Bau einer kompletten neuen Schule am Sportforum. Im September meldete sich die CDU-Fraktion zu Wort und erinnerte daran, dass hier noch immer die Wiederherstellung der Alten Elster geplant ist. Eigentlich hätte sie sogar längst gebaut werden sollen, wenn es nach den Vorstellungen des damaligen Leipziger Umweltbürgermeisters Holger Tschense im Jahr 2003 gegangen wäre.

Das war das Jahr nach der sogenannten „Jahrhundertflut“, die in Dresden alle Alarmglocken schrillen ließ, denn die sächsischen Flüsse waren – wie man live im Fernsehen verfolgen konnte – gegen so ein Hochwasser nicht wirklich gesichert. Keine sächsische Stadt besaß in irgendeiner Weise ein belastbares Hochwasserschutzkonzept. Man vertraute überall auf die Anlagen, die oft schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut worden waren.

Und das Jahr nach der Flut nutzte das sächsische Umweltministerium tatsächlich, um für alle Landesteile neue, belastbare Hochwasserschutzkonzepte entwickeln zu lassen. Mit großen Retentionsflächen, von denen bis heute nur ein winziger Bruchteil gebaut wurde.

Aber auch mit Schutzkonzepten für Innenstädte wie in Leipzig, wo man schon längst Probleme mit dem Hochwasserschutzkonzept aus den 1920er Jahren sah, als das Elsterbecken und das Palmgartenwehr fertig waren und die Alte Elster westlich vom Waldstraßenviertel zugeschüttet wurde.

Das Konzept selbst war nicht das Problem, sondern das Elsterbecken, das sich beim Hochwasser 1924 als Sedimentfalle erwies. Die Wasser der Weißen Elster, die hier herabstürzen, bringen jedes Jahr 26.000 Kubikmeter Schwebstoffe mit. Da das Wasser im Elsterbecken aber abrupt gestoppt wird und dann nur noch träge abfließt, sinken die Sedimente auf den Grund und lagern sich ab. Es entsteht kein lebendiger Fluss. Regelmäßig müssen tausende Kubikmeter abgebaggert werden, damit das Elsterbecken nicht zu einem stehenden Sumpf wird.

Die Sedimentberge tauchen aus dem Wasser auf: Elsterbecken am 9. August 2015. Foto: Ralf Julke

Die Sedimentberge tauchen aus dem Wasser auf: Elsterbecken am 9. August 2015. Foto: Ralf Julke

Leipzig brauche also zwingend wieder einen fließenden Fluss, der auch die Schwemmstoffe wieder an der Stadt vorbeiführt, hieß es damals. Wer die alten Nachrichten zum Thema liest, sieht eine besorgte Landestalsperrenverwaltung (LTV) und einen Umweltbürgermeister Holger Tschense, die immer wieder das beängstigende Bild eines überlaufenden Elsterbeckens an die Wand malten und damit Druck machten, die Alte Elster schnellstmöglich zu bauen.

Möglichst gleich nach der Fußball-WM 2006. Bis 2012 sollte alles fertig sein: ein neuer, 1,8 Kilometer langer Flussarm, der über ein Teilungswehr am Schreberbad abzweigt, an der Friedrich-Ebert-Straße entlangführt und dann wieder in den alten Flussverlauf nördlich des Waldstraßenviertels mündet, in dem heute der Elstermühlgraben fließt.

Nur bei Hochwasser sollte künftig das Palmgartenwehr geöffnet werden, damit die überschüssigen Wassermassen wieder ins Elsterbecken stürzen und über die Neue Luppe abfließen.

Das alles waren noch Skizzen im Jahr 2004, auch wenn Holger Tschense das Ganze schnellstmöglich zum Stadtratsbeschluss bringen wollte, denn der Freistaat – selbst noch in Panik durch die Hochwasserereignisse von 2002 – winkte mit 90 Prozent Förderung für das Projekt. 25 Millionen Euro sollte die Herstellung der Alten Elster damals kosten, mit allen notwendigen begleitenden Hochwasserschutzmaßnahmen 71,5 Millionen Euro.

Anfangs wurde tatsächlich noch von einem richtig breiten Flusslauf gesprochen, der einen 25 Meter breiten Fluss am Sportforum abbilden sollte. Aber schon wenig später kamen die Bedenken und wurden die Forderungen laut, den neuen Flusslauf doch lieber wieder etwas schmaler zu bauen – 18 Meter breit. Und an der Friedrich-Ebert-Straße möglichst ganz überdeckelt. Das sollte noch geprüft werden.

Die Hohe Brücke im Verlauf der Jahnallee wollte Holger Tschense sogar gleich 2005 mit neu bauen lassen, als die Jahnallee zur Fußball-WM ertüchtigt wurde. Aber das passierte genauso wenig wie die Freilegung der Alten Elster. Das Projekt ruht seitdem, wird in der Liste der Hochwasserschutzmaßnahmen des Freistaats Sachsens immer weiter nach hinten geschoben. Und damit bleiben auch die offenen Fragen ungeklärt.

So die nach dem damals geforderten Überleiter von der Weißen Elster hinterm Klärwerk Rosental zur Neuen Luppe und die nach der Gestaltung des Elsterbeckens. Sollte es ein stilles Gewässer werden, auf dem auch Bootswettkämpfe stattfinden konnten? Als das Projekt diskutiert wurde, war anfangs noch die halbe Stadt euphorisch, Leipzig könnte den Zuschlag für die Olympischen Sommerspiele 2012 bekommen.

Aber auch der Vorschlag, im Elsterbecken eine naturnahe Flusslandschaft entstehen zu lassen, wurde diskutiert. Die fertigen Pläne liegen im Schreibtisch der Landestalsperrenverwaltung. Und tatsächlich ungeklärt blieb damals auch der Umgang mit der Nordwestaue. Es wurde tatsächlich ernsthaft darüber diskutiert, mindestens die links der Neuen Luppe gelegenen Deiche zu entfernen und damit für diesen Teil der Aue ein natürliches Wasserregime zu ermöglichen. Eine Forderung, die die CDU-Fraktion 2011 noch einmal auf den Tisch packte.

Aber bis 2011 konnte sich die Stadt Leipzig bzw. deren Verwaltung nicht dazu durchringen, hier eine klare Haltung zu beziehen. Weshalb das Leipziger Umweltschutzamt vom Winterhochwasser 2011 völlig unvorbereitet „erwischt“ wurde. Im Ergebnis nutzte die LTV die Gelegenheit, mit Berufung auf den umstrittenen „Tornadoerlass“ die Fällung von Auenwald hinter den Deichen zu beantragen und binnen kürzester Zeit die eigentlich überflüssigen Deiche sämtlich zu verstärken und damit das alte Regelungssystem in der Burgaue mit dem Nahleauslasswerk zu zementieren.

Dass all das, was 2003/2004 vollmundig verkündet wurde, bis heute nicht umgesetzt wurde, hat mit dieser unentschlossenen Haltung der Leipziger Stadtverwaltung zu tun. Und mit dem Geld.

Denn gerade das 2004 in Angriff genommene Projekt „Freilegung des Elstermühlgrabens“ zeigte, dass man sich in den ersten Hochwasserschutzkonzeptionen all das viel zu preiswert gedacht hatte. Die Kosten für die Öffnung des Elstermühlgrabens haben sich – auch aufgrund komplizierter Bodenverhältnisse – seitdem vervielfacht. Und für 25 Millionen Euro wird man die Öffnung der Alten Elster auch nicht mehr bekommen.

Zumindest ist das Thema nach dem Vorstoß von CDU-Stadträtin Sabine Heymann jetzt wieder auf dem Tisch. Und im Zusammenhang mit dem Grünen-Antrag kann sich die Verwaltung durchaus Gedanken darüber machen, in welcher Dimension die Alte Elster gebaut werden soll. Oder ob man sie gar nicht mehr will.

Kann man im Elsterbecken nicht einen richtigen Flusslauf mit Mäandern schaffen?

 

HochwasserschutzAlte Elster
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