Lorbeeren wird die Leipziger Stadtverwaltung für ihr Verständnis von Kommunikation mit den Bürgern nicht bekommen. Immer wieder scheitern die simpelsten Prozesse, die Bürger an Projekten zu beteiligen, die sie direkt betreffen. Exemplarisch erleben sie es immer wieder bei Bauvorhaben, in denen gesetzlich eigentlich auch eine Information der Nachbarn vorgeschrieben ist, die dann ihre Einwände zu einem möglichen Bauprojekt vorbringen können. Aber was nutzt es, wenn schon Tatsachen geschaffen werden, bevor es überhaupt eine Information gibt?

So erlebte es ja auch der Trägerverein des Hauses der Demokratie Ende Februar. Da kreischten auf dem Nachbargrundstück, dem Schulhof der Apollonia-von-Wiedebach-Schule, die Sägen, wurden Dutzende gesunde Starkbäume gefällt. Und erst auf Nachfrage gab es die Auskunft, dass es für diese eigentlich geschützten Bäume eine Ausnahmegenehmigung des Amtes für Umweltschutz gab. Schon das ein ungewöhnlicher Vorgang, der noch seltsamer wurde, als endlich durchsickerte, dass die Stadt hier plant, einen Erweiterungsbau mitten auf den Schulhof zu setzen.

Die offizielle Information gab es indirekt im April mit einer Sammelvorlage, die tatsächlich erst am 29. April im Stadtrat beschlossen wurde. Der Titel verrät nicht, worum es im Einzelnen genau ging: „Auslösung von Planungs- und Bauleistungen zur weiteren Umsetzung des Schul- und Kitabauprogrammes in 2020 i.V.m. überplanmäßigen Auszahlungen nach § 79 (1) SächsGemO“.

Da der Stadtrat dieser Sammelvorlage am Mittwoch, 29. April, zustimmte, war das für das Dezernat Jugend, Soziales, Gesundheit und Schule das Zeichen, jetzt endlich mit dem Bauvorhaben an die Öffentlichkeit zu gehen, das längst so weit gediehen ist, dass Bürgereinwendungen zu spät kommen, obwohl sich die Pläne seit der letzten offiziellen Auskunft der Stadt im Jahr 2017 deutlich geändert haben.

Damals gab das Schuldezernat noch die Auskunft, der Erweiterungsbau werde an der Stirnseite der 1898 erbauten Schule an der Scheffelstraße seinen Platz finden. So sollten sechs zusätzliche Klassenräume entstehen. Aber diese Variante gefiel dem Leipziger Denkmalschutz nicht. Der Bau hätte die markante Front zur Scheffelstraße verstellt.

Also setzten sich die städtischen Planer noch einmal hin und platzierten den Erweiterungsbau so um, dass er von der Straße eher nicht zu sehen ist: mitten auf den grünen Schulhof. Was schon verblüfft, denn damit büßt die von 500 Schülern besuchte Oberschule in Connewitz mehr Schulhoffläche ein, als sie eigentlich für die Pausenzeiten für diese Schüler braucht. Und es sollen ja noch mehr werden.

Mit einer Gesamtinvestition von rund 15,3 Millionen Euro soll die Apollonia-von-Wiedebach-Schule (Arno-Nitzsche-Straße 7) ab Sommer 2020 bis Mitte 2022 saniert und zugleich mittels einem auf vier Geschosse geplanten Anbau in eine 4-zügige Oberschule erweitert werden, teilt das Schuldezernat mit. Den Planungs- bzw. Baubeschluss dafür entschied Oberbürgermeister Burkhard Jung auf Vorschlag von Schul-Bürgermeister Thomas Fabian im Eilverfahren, betont es noch.

Eilverfahren heißt auch: Alle Einwendungen der Anlieger werden erschwert. Und sie haben starke Einwendungen, schon allein aufgrund der schieren Größe des geplanten Anbaus.

Der kleinere, westliche Schulhof der Apollonia-von-Wiedebach-Schule. Foto: Ralf Julke
Der kleinere, westliche Schulhof der Apollonia-von-Wiedebach-Schule. Foto: Ralf Julke

Der Neubau erweitert die Schule um eine Mensa, acht Unterrichtsräume (6 allgemeine Unterrichtsräume und 2 GTA-Räume), eine Bibliothek und die notwendigen Nebenräume. Die Mensa mit Ausgabeküche sowie den dazugehörigen Nebenräumen und das Foyer befinden sich im Erdgeschoss und sind ebenerdig begehbar. Der mitten auf dem Schulhof platzierte Bau soll einen quadratischen Grundriss von 20,64 mal 20,64 Metern bekommen und 19 Meter Traufhöhe haben.

Von der bislang nur durch Baumgrün eingeschränkten Sicht vom Haus der Demokratie hinüber zur Apollonia-von-Wiedebach-Schule bleibt nichts übrig. Und damit auch nichts von einem Bauensemble, das zu seiner Zeit bewusst offen und begrünt gestaltet wurde, denn der Innenbereich diente gleich drei Kindereinrichtungen als Spiel- und Erholungsfläche.

Neben der 1897/1898 erbauten XIV. Bürgerschule waren das Kinderheim an der Scheffelstraße (das heute als Kindergarten genutzt wird) und das Städtische Waisenhaus, das 1901 an der Äußeren Elisenstraße (der heutigen Bernhard-Göring-Straße) entstand und in dem heute das Haus der Demokratie zu finden ist.

Das Haus der Demokratie hat Einspruch eingelegt in der Hoffnung, doch noch eine andere Platzierung des Neubaus erreichen zu können. Aber so mancher Mieter im Haus schüttelt nur den Kopf. Denn hier wurde drei Jahre lang die Chance vertan, mit den Nachbarn gemeinsam eine Lösung zu suchen. Die Ämter der Stadt haben wieder nur im eigenen Topf gekocht.

Vom zuvor grünen Innenbereich bleibt nicht viel übrig. Die Gelegenheit, mit den Connewitzern das Projekt überhaupt zu diskutieren, wurde völlig vermieden. Immerhin war auch die Platzierung des Baus an der Front zur Arno-Nitzsche-Straße denkbar. Damit hätte nicht nur eine schöne Blickachse und die Wirkung eines einst offen konzipierten Denkmalensembles, sondern auch ein größerer Schulhof erhalten werden können.

Aber auch hier sträubte sich die Leipziger Denkmalschutzbehörde. Und das Argument, die Platzierung an der Straße würde zu größeren Lärmimmissionen führen, war dann ausschlaggebend, den kubischen Neubau in die Mitte des Hofes zu rücken, mit dem Haupthaus durch einen gläsernen Gang verbunden.

Das 1897/98 nach Entwürfen von Hugo Licht errichtete denkmalgeschützte Gebäude der Schule war im April 2019 durch eine defekte Wasserleitung im nördlichen Gebäudeteil nachhaltig beschädigt worden. Seither und bis zum Beginn der Bauarbeiten wird der Unterricht im südlichen Gebäudeteil eingeschränkt fortgeführt, betont das Schuldezernat.

Die Sanierung und Modernisierung im Bestandsgebäude umfasst unter anderem die Erneuerung von Heizungsanlagen, Trink- und Schmutzwasser-Leitungen, Sanitäreinrichtungen, Elektroanlagen sowie die Einrichtung eines Fachunterrichtsraumes Chemie, teilt das Schuldezernat noch mit. Im südlichen Gebäudeteil ist havariebedingt die Erneuerung der Fachunterrichtsräume Biologie und Physik vorgesehen.

An der Finanzierung beteiligt sich der Freistaat Sachsen mit rund 6,52 Millionen Euro Fördermitteln.

Kahler Schulhof der Apollonia-von-Wiedebach-Schule soll mit Containeranbau bebaut werden

Kahler Schulhof der Apollonia-von-Wiedebach-Schule soll mit Containeranbau bebaut werden

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Es gibt 2 Kommentare

Stimmt, da fehlten die Millionen. Wir haben es gleich geändert.

Also erstens: 6,52 Euro Förderung vom Freistaat, das lohnt sich ja richtig. Oder hat sich hier ein Fehler eingeschlichen? Und zweitens: lässt sich Denkmalschutz nicht einfach verbieten? Und zwar ganz dringend?

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