Das nennt man wohl „ins kalte Wasser geschmissen“, was Peter Hirschmann als frisch eingestellter Abteilungsleiter für den Bereich Infrastruktur Schulen 2019 erlebte. Kaum sechs Wochen im Amt, bekam er den Anruf: „Wir haben da ein Problem mit Wasser in der Apollonia-von-Wiedebach-Schule.“ Wird schon nicht so schlimm sein, dachte er. War dann aber wohl die nasseste Überraschung, die man als Schulverantwortlicher erleben konnte: Nach einem Wasserrohrbruch war das Wasser aus den oberen Etagen ein ganzes Wochenende lange die Wände und Decken heruntergelaufen.

Das Wort Wasserschaden war da wohl etwas untertrieben. Und das Problem in ein paar Wochen lösen zu können, stellte sich bald als unmöglich heraus. Das ganze 120 Jahre alte Schulgebäude musste fast völlig entkernt und die Schüler auf andere Schulen verteilt werden. Ein Kunststück, das mithilfe des Landesschulamtes tatsächlich binnen drei Tagen gelöst werden konnte, wie Karen Bremmel, Schulleiterin der Apollonia-von-Wiedebach-Schule, erzählt. Damals war sie selbst erst zur stellvertretenden Schulleiterin ernannt worden. Also genauso frisch ins Wasser geworfen.

Was folgte, waren viereinhalb Jahre in verschiedenen Interims, am Ende dann wenigstens stabil im Franz-Campus.

Für ihn das erste Großprojekt in seinem Amt: Peter Hirschmann. Foto: Ralf Julke
Für ihn das erste Großprojekt im Amt als Abteilungsleiter: Peter Hirschmann. Foto: Ralf Julke

Durch die Havarie wurde der südliche Gebäudeteil weniger stark beschädigt, sodass hier ein Interims-Schulbetrieb für zehn Klassen sowie der Verwaltungsbereich bis zu den Sommerferien 2020 aufrechterhalten werden konnte. Ab dem Schuljahr 2020/21 befand sich die Apollonia-von-Wiedebach-Schule dann im Auslagerungsobjekt am Dösner Weg 27 am Franz-Campus.

Aber so etwas hält auch ein Lehrerkollegium nicht lange aus. Da sprach so mancher Kollege von aufgeben und kündigen, erinnert sich Bremmel. Und ist an diesem Freitag, dem 1. September, sichtlich froh, dass das Lehrerkollegium doch nicht zerbrochen ist und alle durchgehalten haben. Auch dann, als bei der Sanierung neue Probleme auftraten und sich die Fertigstellung um ein Jahr verzögerte.

Eine komplexsanierte Schule für Connewitz

Dabei hat das Ganze sogar etwas Positives, wie Bürgermeister Thomas Dienberg am Freitag anmerkte. Da hatte die Schule zum offiziellen Pressetermin zur Eröffnung eingeladen, während sich die Schülerinnen und Schüler schon auf ihr großes Schulfest anlässlich des 125. Geburtstags ihrer Einrichtung freuten. Das allererste, das sie erleben.

Der neue Anbau der Apollonia-von-Wiedebach-Schule – hier noch ohne gestaltete Außenanlage. Foto: Ralf Julke
Der neue Anbau der Apollonia-von-Wiedebach-Schule – hier noch ohne gestaltete Außenanlage. Foto: Ralf Julke

Pünktlich fertig geworden ist nämlich auch der Anbau der Schule, um den es 2018, 2019 eigentlich nur gegangen war, die dringend nötige Kapazitätserweiterung für die Oberschule in Connewitz. Die Komplexsanierung der 1897/98 nach Entwürfen von Stadtbaurat Hugo Licht (1841–1923) war noch lange nicht geplant. Und nun konnten zum Schuljahresstart die Kinder doch in eine komplexsanierte Schule einziehen. Sie waren begeistert, erzählt Bremmel.

Auch die Lehrerinnen und Lehrer, die die harte Zeit im Interim mitgemacht haben, waren froh, wieder in ein geordnetes und soeben auch noch vorbildlich saniertes Haus zurückzukommen.

2019 jedenfalls musste schnell gehandelt werden. Während der neue Anbau mit seiner markanten Schindelfasade von der stadteigenen LESG errichtet wurde, nahm sich das städtische Amt für Gebäudemanagement (AGM) des Altbaus an. Und beide wurde noch pünktlich zum Schuljahresstart fertig.

Schulbürgermeisterin Vicki Felthaus und Baubürgermeister Thomas Dienberg konnten am Freitag die sanierte und erweiterte Apollonia-von Wiedebach-Schule wieder ganz offiziell übergeben.

Fast komplett entkernt

Aufgrund der Havarie im April 2019, hervorgerufen durch eine defekte Wasserleitung, musste das gesamte Gebäudeinnere modernisiert werden. Mit Gesamtinvestitionen von rund 18,5 Millionen Euro wurde die Oberschule in der Arno-Nitzsche-Straße 7 saniert und zugleich mittels eines viergeschossigen Anbaus in eine vierzügige Oberschule für 672 Schülerinnen und Schüler erweitert. An der Finanzierung hat sich der Freistaat Sachsen mit rund 7,2 Millionen Euro Fördermitteln beteiligt.

Die Sanierung und Modernisierung im Bestandsgebäude hat unter anderem die komplette Erneuerung von Heizungsanlagen, Trink- und Schmutzwasser-Leitungen, Sanitäreinrichtungen und Elektroanlagen umfasst. Alle Räume wurden umfassend neu hergestellt.

„Mit der sanierten und erweiterten Apollonia-von-Wiedebach-Schule bekommt Connewitz ein modernes Schulgebäude mit besten Lehr- und Lernbedingungen. Und wir gehen einen weiteren Schritt, um die Lücke dringend benötigter Plätze zu schließen“, erklärt Vicki Felthaus. „Mit dieser und vielen anderen Maßnahmen unserer Schulbaustrategie machen wir das Leipziger Schulnetz bis 2030 zukunftsfest.“

Der Neubau der Apollonia-von-Wiedebach-Schule

Der Neubau erweitert die Schule um eine Mensa, acht Unterrichtsräume (sechs allgemeine Unterrichtsräume und zwei Räume für Ganztagsangebote), eine Bibliothek und die notwendigen Nebenräume.

„Neben funktionalen Anforderungen standen beim Holzhybridbau gestalterische Qualität und Nachhaltigkeit im Fokus“, erläutert Thomas Dienberg. „Um die Denkmalschutzziele zu erreichen, wurde im Sinne eines nachhaltigen Holzbaus explizit eine Holzschindelfassade ausgesucht, die sich klar als Neubau im Gegensatz zum Hauptgebäude präsentiert und sich gleichzeitig in ihrer Farbigkeit und Gliederung daran anpasst. Das Gebäude erfüllt die energetischen Anforderungen eines KfW-55-Energieeffizienzhauses – auf das Flachdach kann später eine PV-Anlage montiert werden.“

Für die Planung des Anbaus zeichnet das Berliner Architekturbüro Kaden + Lager verantwortlich, den Bau hat die LESG GmbH (Gesellschaft der Stadt Leipzig zur Erschließung, Entwicklung und Sanierung von Baugebieten mbH) übernommen. Die Komplexsanierung des gründerzeitlichen Schulgebäudes hat das Leipziger Büro W&V Architekten geplant und das Amt für Gebäudemanagement betreut.

Peter Hirschmann ist mittlerweile Leiter des Amtes für Schule. Aber die Apollonia-von-Wiedebach-Schule wird er als sein erstes, völlig unerwartetes Projekt in Erinnerung behalten. Und Karen Bremmel wird sich an den ersten Tag im sanierten Schulhaus erinnern, als auch die Schülerinnen und Schüler erwartungsvoll vorm Haus standen und sie kaum fassen konnte, wie viele Schüler die Apollonia-von-Wiedebach-Schule eigentlich hat. Nur die Schüler der zehnten Klasse kannten das Gebäude überhaupt schon, weil sie für ein paar Monate hier Unterricht hatten, bevor das Wasserwochenende alles veränderte.

Drei Tage nach dem Schulstart in der sanierten Schule kam übrigens die Feuerwehr, um den Brandschutz in der neuen Schule zu überprüfen. Und weil man schon mal da war, löste man auch gleich noch Alarm aus. Großer Schrecken im neuen Haus. Aber das war wirklich nur Probe. Die Schülerinnen und Schüler fanden flugs ihren Sammelpunkt. Alles gut.

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