Leipzigs Verwaltung möchte auch die Jahnallee nicht umbenennen

Für alle LeserMan wird sie nicht so einfach los, diese alten Rauschebärte und Nationalisten. Schon bei der Umbenennung der Arndtstraße gab es ja nach dem Stadtratsbeschluss heftige Reaktionen, die augenscheinlich auch das Leipziger Verwaltungsdezernat beeindruckt haben. Weshalb man dort jetzt mit einem ganzen Berg von Argumenten versucht, das Ansinnen, auch noch die Jahnallee umzubenennen, abwehrt. Dabei wäre der Vorschlag Frankfurter Allee nur eine Rückbenennung.
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Diskussionen über Straßennamen sind im Lauf der Geschichte nichts Ungewöhnliches. Auch in Leipzig wurde immer wieder heftig diskutiert, gab es ganze Wellen von Umbenennungen, die – wie ab 1933 und nach 1945 – auch politisch konnotiert waren. Wer seine „Helden“ im Straßenbild platzieren konnte, konnte sich zumindest für den Moment als „Sieger der Geschichte“ feiern. Einer Geschichte, die dann meist sehr kurz gerät. Auch der „Geist der Zeit“ ist vergänglich.

Die letzten „Sieger“ der Geschichte wurden ja nach 1990 wieder entfernt. Der Stadtrat hatte dazu eine eigene Kommission eingesetzt. Die Jahnallee überlebte dabei das Sondierungsverfahren – auch weil man in den frühen 1990er Jahren noch nicht wirklich so kritisch über den alten und neuen Nationalismus nachdachte. Im Gegenteil: Mit der Deutschen Einheit hatte so mancher altdeutsche Bezug auf einmal wieder eine neue Unterfütterung.

Erst in den letzten Jahren beschäftigten sich auch Historiker wieder intensiver mit den Wurzeln des deutschen Nationalismus und gerieten Personen wie Wagner, Arndt und Jahn ins Visier. So ganz aus dem Nichts kam die Petition, die die Rückbenennung der Jahnallee in Frankfurter Allee fordert, nicht. 2016 beschäftigte sich auch der „Spiegel“ mit einem sehr poinierten Beitrag mit dem „Turnvater“, dessen Nationalismus bis in die DDR hinein gefeiert wurde.

Aber das Verwaltungsdezernat argumentiert nicht nur historisch, wenn es jetzt die Petition zur Jahnallee ablehnt und die üblichen Erklärungsschilder als Ausweichlösung empfiehlt: „Die Jahnallee ist nach Johann Friedrich Ludwig Christoph Jahn, geb. 1778 in Lanz bei Lenzen (Prignitz), gest. 1852 in Freyburg (Unstrut), benannt. Die ursprüngliche Benennung in ,Friedrich-Ludwig-Jahn-Allee‘ erfolgte 1956. Die Umbenennung in ,Jahnallee‘ trat 1992 in Kraft“, stellt das Dezernat in seiner Stellungnahme fest.

„Jahn war Pädagoge, Begründer der Turnbewegung in Deutschland und nationalistischer Politiker. Er war gewähltes Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung von 1848/1849.“

Ganz so harmlos aber war diese Turnbewegung nicht, auch wenn das in der Begründung des Dezernats so klingt:

„Friedrich Ludwig Jahn und der von ihm eingeführte Turnunterricht sind als politische Erscheinungen ihrer Zeit zu verstehen, aus der sich das heutige Geräteturnen herausbildete. Gleichzeitig ist nicht zu bestreiten, dass einige Ausführungen Jahns nach freiheitlich-demokratischen Maßstäben als fremdenfeindlich bewertet werden können und er deshalb aus jetziger Sicht nicht mehr für eine Straßenbenennung qualifiziert wäre.

Das Wirken von Personen ist jedoch immer im Kontext der jeweiligen Zeit zu bewerten, da Wertmaßstäbe und politische Idealvorstellungen einem ständigen Wandel unterliegen. In dem Fall von Friedrich Ludwig Jahn handelt es sich um einen Wandel von 200 Jahren. Die Begründung der zugrunde liegenden Petition berücksichtigt somit nicht das Gesamtschaffen von Friedrich Ludwig Jahn. Aufgrund der durch ihn zu Lebzeiten geäußerten nationalistischen Meinungen, ist es nicht verwunderlich, dass er zu verschiedenen Zeiten als idealisierter Nationalheld aufgegriffen wurde.

Zudem ist die in der Petition getroffene Aussage, dass alle Benennungen nach Friedrich Ludwig Jahn in der Zeit der „nationalen Bewegungen“ vollzogen wurden, zu berichtigen. Von denen in der Aufzählung genannten Namen fallen drei Straßen in die Zeit des Nationalsozialismus: Jahnweg in Engelsdorf (Beschluss von 1934), Ludwig-Jahn-Straße in Böhlitz-Ehrenberg (Beschlussdatum wird nur in das Jahr 1934 vermutet, ist aber nicht mehr eindeutig nachweisbar), Vater-Jahn-Straße in Lindenthal (Beschluss von 1938).

Die drei weiteren genannten Straßen wurden erst nach 1950 benannt: Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße in Miltitz (Beschluss 1953), Jahnstraße in Liebertwolkwitz (Beschluss wird nach Unterlagen in das Jahr 1951 vermutet) sowie die von der Petition betroffene Jahnallee (ursprüngliche Benennung 1956 in Friedrich-Ludwig-Jahn-Allee, Umbenennung in Jahnallee im Jahr 1991).

Die Straße trägt folglich seit 1956 einen nahezu unveränderten Namen. Im Ratsbeschluss Nr. 1673/99 vom 14.07.1999 heißt es hierzu: ,Die Beratung über die Namen im Zeitraum von 1945 bis 1989 nach Personen benannten Straßen ist abgeschlossen. Die Wiederaufnahme im Einzelfall bedarf neuer Erkenntnisse‘.“

Dann wird es aber etwas kompliziert. Denn daraus leitet das Verwaltungsdezernat eine Position ab, die eine Änderung umstrittener Straßennamen fast unmöglich macht: „Die Verwaltung vertritt diesbezüglich die Auffassung, dass Straßennamen in ihrer Gesamtheit und Benennungsgeschichte eine Form des öffentlichen Stadtgedächtnisses bilden. Straßennamen sollten kritisch begleitet werden, sofern sie Personen mit nach heutigen Ansichten und Wertvorstellungen fragwürdigen Haltungen repräsentieren.

Umbenennungen von Straßen sollten idealerweise nur dann erwogen werden, wenn neuere wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse über Handlungen der betroffenen Person vorgelegt werden, die einer öffentlichen Würdigung zweifelsfrei entgegenstehen. Eine Umbenennung sollte jedoch nicht erfolgen, wenn Ansichten und Wertvorstellungen aus der Zeit der Benennung von heutigen Ansichten und Wertvorstellungen in Teilen abweichen.“

Eine ganz schwierige Position, die völlig ausschließt, dass sich die Haltung einer Stadtgesellschaft auch ohne neue wissenschaftliche Kenntnisse zur Person ändern kann. Was in diesem Fall übrigens auch die Beschäftigung mit einem Thema betrifft, das im Überschwang der Deutschen Einheit völlig unter den Teppich gekehrt wurde: den staatlich instrumentalisierten Nationalismus der DDR.

Es ist auch eine sehr eigenwillige Interpretation der eigenen Grundsätze zur Straßenbenennung, die auf der Homepage der Stadt so definiert wird: „Straßennamen bieten insbesondere auch eine herausragende und öffentlichkeitswirksame Gelegenheit, an verdiente Persönlichkeiten und wichtige Ereignisse der Stadtgeschichte zu erinnern und gemeindliche Traditionen zu wahren. Straßen- und Platznamen künden insofern immer auch von der Geschichte eines Ortes.“

Das nächste Argument, das das Verwaltungsdezernat vorbringt, ist dann schon regelrecht an den Haaren herbeigezogen: „Weiterhin ist eine Umbenennung in ,Frankfurter Allee‘ aufgrund der Tatsache, dass zurzeit keine Straße auf die Partnerstadt Frankfurt am Main hinweist, abzulehnen. Frankfurt am Main ist nicht die einzige Partnerstadt Leipzigs, die noch nicht im Stadtbild zu finden ist – auch Birmingham, Bologna, Houston, Nanjing und Thessaloniki gehören dazu.

Hier ist der Grundsatz zu beachten, dass bei der Straßenbenennung Namenskomplexe gebildet werden und deshalb von einer losgelösten Namensgebung abzusehen ist, wenn andere Möglichkeiten bestehen. In Leipzig werden zukünftig ausreichend Möglichkeiten vorhanden sein, neu entstehende Straßen nach Frankfurt am Main zu benennen und dafür keine bereits bestehenden und benannten Straßen umzubenennen. Es ist bereits vorgesehen, in neu entstehenden Vierteln der Stadt Leipzig die Straßen nach Partnerstädten zu benennen.“

Das ist schlichtweg falsch. Dann hätte es in letzter Zeit auch nicht zur Benennung des Addis-Abeba-Platzes und des Herzliya-Platzes kommen dürfen.

Aber die Stellungnahme zeigt eben auch, wie schnell die Verwaltung in Deckung gegangen ist, nachdem es von einigen Bewohnern der Arndtstraße Gegenprotest zur Umbenennung gegeben hat:

„Darüber hinaus sollte bei Überlegungen einer Umbenennung auch die Belastung für Anwohner und ansässige Unternehmen Gegenstand der Abwägung sein. Der Beschluss einer Umbenennung könnte negative Reaktionen in der Stadtgesellschaft hervorrufen. Diese Reaktionen begründen sich in den entstehenden Kosten und dem Aufwand für die notwendigen Adressumstellungen und Änderungen von Ausweispapieren und anderen Unterlagen. Die Arndtstraße kann diesbezüglich als Beispiel dienen. Betroffen wären in der Jahnallee 570 Anwohnerinnen und Anwohner.

Auch für die 140 ansässigen Unternehmen und Handwerksbetriebe entstehen zusätzliche Kosten, die je nach Gewerbetypus teilweise erheblich sind. Die Aufwendungen umfassen Kosten für erforderliche Ummeldungen, Änderungen von Registereinträgen, Kunden- und Geschäftspartnerinformation, Anpassungen von Werbematerialien oder beschrifteten Produktionsmitteln etc.

In der Verwaltung selbst (Hauptamt/Bürgeramt, Amt für Statistik und Wahlen, Rechtsamt, Ordnungsamt/Meldebehörde und Zulassungsstelle, Amt für Wirtschaftsförderung, Amt für Geoinformation und Bodenordnung, Verkehrs- und Tiefbauamt, Referat Kommunikation) verursachen das notwendige Verwaltungsverfahren und die praktische Umsetzung des Beschlusses einen noch nicht abschließend bezifferbaren Arbeitsaufwand und binden erhebliche Ressourcen.

Die Verwaltung vertritt daher die Auffassung, dass die mit der Umbenennung gegebenenfalls erzielbaren Effekte die dargestellten Aufwände nicht aufwiegen. Es wird daher vorgeschlagen, den Namen Jahnallee trotz Kenntnis seiner Ansichten, die aus heutiger Sicht als nicht mehr zeitgemäß anzusehen sind, beizubehalten. Eine Erläuterungstafel soll auf die kritische Betrachtung hinweisen.“

Auch diese letzten Argumente versuchen, eine Diskussion zu unterdrücken, die längst überfällig ist, egal, ob sie im Stadtrat oder in wissenschaftlichen Kolloquien oder tatsächlich mit der Bürgerschaft geführt wird: Wie soll man tatsächlich mit Straßennamen umgehen, wenn sie für wachsende Bevölkerungsteile nicht mehr akzeptabel sind? Reicht da ein Stadtratsbeschluss oder sollte dem zwingend eine echte Bürgerbeteiligung mit den Betroffenen vorausgehen?

Denn anders kann man ja die oft begründeten Argumente pro und kontra nicht wirklich austauschen. Und während die einen sehr gut mit einem polternden alten Nationalisten leben können (der seine Poltereien augenscheinlich auch noch lustig fand, wie ein E.B. 1853 in der „Gartenlaube“ schrieb), finden es andere nicht mehr auszuhalten mit diesen Nationalhelden dreier vergangener Epochen. Denn deren Worte sind eben nicht nur aus der Zeit heraus zu verstehen. Sie hatten Folgen und sie stehen für eine Haltung, die eben auch heute noch virulent ist.

Steht mit Arndt tatsächlich die gesamte deutsche Romantik am Pranger?

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